Dax-Vorstände Zehnmal so viel Geld wie 1987

Griff nach dem Stern: Dax-Chefs wie Dieter Zetsche kassieren viel mehr als früher üblich. Quelle: dpa

Dax-Vorstände verdienen heute zehnmal mehr als noch vor 30 Jahren. Ob sie ihr Unternehmen erfolgreich führen oder ihre Mitarbeiter davon profitieren hat damit aber nichts zu tun.

Zahlen wie diese schaffen es normalerweise auf die Titelseiten von Boulevard-Zeitungen: 2,5 Tage musste der ehemalige Volkswagen-Chef Michael Müller im Jahr 2017 arbeiten, um so viel zu verdienen, wie ein normaler VW-Mitarbeiter in einem Jahr. Sie sind der Brennstoff, an dem sich die Wut derer entzündet, die nach einer halben Arbeitswoche eben nicht genug verdient haben, um ihre Monatsmiete zu begleichen. Und willkommene Munition für Elitenkritiker, die der Ansicht sind, dass das, was „die da oben“ als Arbeitslohn bekommen, sowieso nur noch unanständig ist.

Joachim Schwalbach hat diese Zahl errechnet, er gehört aber zu keiner dieser Gruppen. Für Empörung wollte er nicht sorgen, nur für Transparenz. Der Wirtschaftswissenschaftler von der Humboldt-Universität Berlin hat zusammen mit seinem Kollegen Enrico Prinz von der Universität Straßburg die Vorstandsgehälter der 14 Unternehmen untersucht, die seit der Dax-Gründung 1988 dauerhaft im deutschen Leitindex vertreten sind – darunter unter anderem die Allianz, Siemens und Volkswagen.

Die Langzeitauswertung, die der „WirtschaftsWoche“ exklusiv vorliegt, kommt zu einem deutlichen Ergebnis: Dax-Vorstände verdienen heute zehnmal so viel wie vor 30 Jahren. Außerdem zeigt die Auswertung, dass die Vergütung des Vorstands und des restlichen Personals immer weiter auseinander läuft. So nehmen die Dax-Oberen derzeit im Schnitt 58 mal so viel Geld mit nach Hause wie die durchschnittlichen Beschäftigten in den Unternehmen. Vorstandsvorsitzende verdienen sogar 85 mal so viel. 1987 erhielten die Vorstände lediglich das 15-fache des Durchschnittslohns.

Vorstandsvergütung und Personalaufwand pro Kopf (indexiert: 1987 = 100) Quelle: E. Prinz/J. Schwalbach

Dass die Schere zwischen ganz oben und dem Rest so weit aufgeht, hat für Joachim Schwalbach mehrere Ursachen. Begonnen hat dieses Auseinanderklaffen etwa ab Mitte der 90er-Jahre, eine Zeit, als es der Wirtschaft noch vor der Dotcom-Blase durch die Globalisierung und Internationalisierung sehr gut ging. „Vorstände hatten dadurch eine gute Verhandlungsposition gegenüber ihren Aufsichtsräten“, sagt Joachim Schwalbach. Und die Aufsichtsräte sind nun mal verantwortlich für die Höhe der Gesamtvergütung.

Gleichzeitig seien die Vergütungssysteme häufig geändert und immer undurchschaubarer geworden. „Mittlerweile haben die Vergütungssysteme eine Komplexität erreicht, die nur noch von Vergütungsexperten und sicherlich nicht von allen Mitgliedern der Aufsichtsräte verstanden werden“, so Schwalbach. Da die Gehälter der Mitarbeiter zwar von Vorständen bestimmt werden, jedoch in keiner Weise an die Entwicklung der Vorstandsvergütung gebunden sind, käme es zu der wachsenden Kluft.

Nicht bei jedem der untersuchten Unternehmen ist der Abstand allerdings gleich groß. Bei Commerzbank und Deutscher Bank verdienen Vorstände 30 beziehungsweise 33-mal mehr, als ihre Mitarbeiter. Bei Henkel und Volkswagen dagegen kassieren Vorstände mehr als 100 mal so viel wie die Angestellten. Besonders deutlich wird die Spaltung bei den Vorstandsvorsitzenden. Manager wie Matthias Müller (im Jahr 2017 noch bei VW), Bill McDermott (SAP), Joe Kaeser (Siemens) oder Dieter Zetsche (Daimler) sprengten mit ihren Gehältern bereits die 10 Millionen-Euro-Marke.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%