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Debatte um Ungleichheit „Reiche nehmen die Realität anders wahr“

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„Topmanager fürchten Steuern wie der Teufel das Weihwasser“

Ist Ihnen einer wie Allianz-Chef Oliver Bäte lieber, der Gerechtigkeit als „marxistischen Begriff“ bezeichnete?
In gewisser Weise, ja. Weil er offenlegt, wie er wirklich denkt. Er hat das gesagt, was den meisten seiner Vorstandskollegen auch durch den Kopf geht. Das war eine spektakuläre Äußerung, die dann aber für vergleichsweise wenig Diskussion gesorgt hat.

Was ist die Lektion für CEOs daraus? Sollte man am Ende lieber gar nichts sagen?
Die meisten halten es schon so. Natürlich reden die über solche Fragen, aber nicht in der Öffentlichkeit. Menschen wie Joe Kaeser und Kurt Björklund sind immer noch die Ausnahme. Aber es hilft der Diskussion. Wenn Kaeser sich zum Beispiel gegen die AfD positioniert, kann man ihn danach wenigstens fragen: Warum macht ihr in Sachsen dann die Werke dicht? Ein Jobverlust treibt die Menschen doch zur AfD.

Kehren wir noch einmal zurück nach Davos. Dort sprach auch der niederländische Journalist und Historiker Rutger Bregman. Er geißelte die Wirtschaftseliten dafür, dass sie sich gerne mit philanthropischen Spenden brüsten, aber sonst ungern etwas zum Gemeinwohl beitragen. Sein Vortrag gipfelte in dem Satz: Gegen Ungleichheit helfen „Steuern, Steuern, Steuern. Der Rest ist Bullshit.“
Die Steuerfrage ist in der Tat der Lackmustest, ob man es ehrlich meint mit der Bekämpfung der Ungleichheit. Und den bestehen die meisten nicht. Die allermeisten Topmanager fürchten Steuern wie der Teufel das Weihwasser. Im Jahr 2012 haben wir eine große Umfrage unter den gesellschaftlichen Eliten gemacht. Da fragten wir auch nach ihrer Meinung zu Steuererhöhungen. Das war ganz allgemein und hätte auch nur zwei, drei Prozent mehr bedeuten können – aber schon dafür konnte sich in der Wirtschaftselite so gut wie niemand begeistern. Je reicher die Befragten aufgewachsen sind, umso entschiedener waren sie dagegen. Lediglich die paar Arbeiterkinder unter ihnen waren mehrheitlich dafür.

Was wäre denn Ihr Vorschlag zur Güte an die Wirtschaftselite?
Ich akzeptiere, dass es gewisse Ungleichheiten immer geben wird. Aber man sollte sich schon fragen: Wann sind die Unterschiede zu groß? Und wachsen sie?

Wie lautet Ihre Lösung?
Mitte der Neunzigerjahre hatten wie einen Spitzensteuersatz von 53 Prozent und Vorstände verdienten nur das 14-fache ihrer Beschäftigten. Zudem gab es eine Vermögenssteuer von einem Prozent. Wenn wir dahin zurückkehren würden, wäre ich heute schon sehr zufrieden.

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