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Der Fall Özil aus Managementsicht „Mitarbeiter öffentlich zu kritisieren, ist ein No-Go“

Team-Manager Oliver Bierhoff hat Spieler Mesut Özil nach dem WM-Aus kritisiert. Aufgrund seiner Position sollte er das nicht öffentlich tun. Quelle: dpa

Der DFB zeigte in der Özil-Debatte zunächst ein gutes Krisenmanagement, findet der Managementexperte Bodo Antonic. Doch die Kritik des Teammanagers Bierhoff an Özil nach dem WM-Aus hält er für desaströs.

Seit Wochen steht der deutsche Nationalspieler Mesut Özil in der Kritik wegen seines Auftritts mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Der DFB hat den Spieler zunächst verteidigt, dann jedoch sagte Teammanager Oliver Bierhoff in einem Interview, man hätte vielleicht besser „sportlich auf Özil verzichten“ sollen – und steht nun selbst in der Kritik. Wie bewerten Sie, was da passiert ist?
Hier wird mit Özil ein Mitarbeiter in einer Art und Weise bloßgestellt, die inakzeptabel ist. Zuerst passiv, indem er nicht gegen die Angriffe verteidigt wurde. Dann aktiv, indem der Teammanager den Spieler öffentlich kritisiert hat. Aus Managementsicht ist klar: Wenn negativ über einen Mitarbeiter gesprochen wird und das Management sich nicht vor ihn stellt, dann klagen die Mitarbeiter zu Recht über Illoyalität.

Tun wir so, als wäre der DFB ein normaler Konzern, die Nationalmannschaft darin ein Tochterunternehmen. Oliver Bierhoff ist also der Manager und Mesut Özil der Mitarbeiter, der wegen eines Fauxpas – was noch zu klären wäre – im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit steht. Wie hätten die Beteiligten sich richtig verhalten?
Würde einer meiner Mitarbeiter von einem Kunden bloßgestellt und attackiert, bin ich als Führungskraft gefordert, zu sagen: ‚Leute, jetzt mal langsam, ihr greift hier meinen Mitarbeiter an, das möchte ich nicht. Wir klären jetzt erst einmal die Fakten, und wenn die geklärt sind, dann werde ich als Vorgesetzter dazu etwas sagen.‘ Ich verlange von meinen Mitarbeitern Loyalität, und umgekehrt ist es genauso. Wenn wir das nicht einhalten, haben wir kein Vertrauen mehr und dann funktioniert der Laden nicht.

Wie ist mit den Angriffen und Beleidigungen vonseiten der Fans umzugehen?
Das ist schwieriger zu parieren, weil sie so diffus sind. Ich meine aber in aller Deutlichkeit wahrgenommen zu haben, dass Herr Grindel und Herr Bierhoff trotz ihrer Führungsrolle in der Öffentlichkeit agiert haben, wie ich sie mir von meinem Vorgesetzten nicht wünschen würde. Wenn der Vorgesetzte sich in der Öffentlichkeit hinstellt und über einen Mitarbeiter solche Kritik äußert, dann haben wir einen Vertrauensbruch, zumindest, wenn das vorher nicht abgestimmt wurde. Das ist absolutes No-Go. Wenn man ein Unternehmen als soziale Organisation betrachtet, wird mit derartigen Illoyalitäten der soziale Gedanke mit Füßen getreten.

Bodo Antonic ist promovierter Chemiker (Studium Chemie, Physik, Medizin, BWL) und seit vielen Jahren als Interimmanager tätig. Er übernimmt die Führung von Teams und Organisationen in kritischen Situationen. Als Berater, Keynote-Speaker, Autor und Hochschuldozent gibt er sein Wissen und seine Praxis-Erfahrung weiter und wirbt für eine werteorientierte Führung. In seiner Freizeit geht er als Hobbysegler, Taucher und Tauchlehrer auf Erkundung. Quelle: Privat

Ist Bierhoff vielleicht der Versuchung erlegen, dem öffentlichen Druck nachzugeben, weil jetzt auch noch das Ausscheiden von der Weltmeisterschaft hinzukam?
Ich kann natürlich nicht über Bierhoffs Gedanken und Motive mutmaßen. Um es neutral zu sagen: Wäre ich als Manager in meiner exponierten Position unter Druck und deshalb geneigt, meinen Mitarbeiter zu opfern, um mich selbst zu retten, dann hätte ich sämtliche moralische Integrität verloren und wäre von meiner Aufgabe zu entbinden. Zu einer Führungskraft gehören neben fachlichen auch moralische und zwischenmenschliche Fähigkeiten.

Was hätte schon während der Vorgeschichte besser laufen müssen? Özil stand ja seit Wochen in der Kritik, befeuert von einigen Medien. Hätte der DFB ein Statement dazu abgeben oder ihn zu einem solchen zwingen müssen, um einfach die Situation nach außen zu beruhigen? Im Grunde hat der DFB die Sache ja zunächst im Merkel-Stil behandelt und ist nicht darauf eingegangen.
Der erste Schritt im Unternehmen in einer solchen Situation ist, klar zu regeln, was in der Öffentlichkeit kommuniziert werden darf. Ich würde in diesem Fall sogar das Social-Media-Verhalten der Mitarbeiter regeln. Das mag man übertrieben finden, aber wenn man ein Repräsentant ist wie die Nationalspieler, dann muss man sich gewissen Spielregeln unterwerfen. Ich erinnere an die Diskussion um die albanischen Spieler in der Schweiz, die den albanischen Adler gezeigt haben. Die wurden von der Fifa abgestraft. Fußball und Sport sollte politikbefreit sein. Das Foto mit Gündogan, Özil und Erdogan ist sicherlich nicht politikbefreit in der aktuellen Situation. Also hätte es einfach dieses Foto schon gar nicht geben dürfen. Das war der erste Fehler, den der DFB nicht hätte zulassen dürfen – auch im Sinne des Schutzes der Organisation. Als es aber nun einmal passiert war, fand ich die Reaktion des DFB erst einmal in Ordnung. Man hat sich vor die Spieler gestellt. Dann ging die Diskussion im Land weiter und in dem aktuellen parteipolitischen Klima wurde das Thema begierig aufgenommen. Da hätte der Verband möglicherweise nochmals ein deutliches Statement abgeben sollen. Vor allem aber hätte der DFB jetzt die Flanke nicht mehr aufmachen dürfen. Dann lässt man ja plötzlich zu, dass das Leistungsverhalten des Mitarbeiters – hier: keine Tore erzielen – mit einem politischen Thema vermengt wird. Das sind aber unterschiedliche Dinge. Selbst wenn man beim DFB nicht glücklich war über das Erdogan-Foto, so war doch entscheidend, ob Özil seine Arbeit ordentlich gemacht hat. Das Leistungsverhalten wäre aber genauso eine interne Diskussion.

Bierhoff hat inzwischen öffentlich zurückgerudert. Wie können solche Zerwürfnisse beigelegt werden?
Wenn ich Blödsinn gemacht habe, stelle ich mich vor meine Leute und sage: Ich habe Blödsinn gemacht. Dann entschuldige ich mich. Ich erkläre, wie es dazu kam und sage, dass es nicht mehr vorkommt. Damit lässt sich sehr viel ausbügeln, sofern es nicht jeden Tag vorkommt. Ein Chef ist auch nur ein Mensch. Immerhin hat auch Bierhoff hier den geraden Rücken, zu seinem Fehler zu stehen. Da sind wir wieder beim Vertrauen. Wenn man Klartext redet, kann man sehr viel Vertrauen aufbauen oder zurückgewinnen. Das erzeugt Glaubwürdigkeit und dann können Fehler natürlich verziehen werden.

Was würden Sie Oliver Bierhoff raten?
Wenn ich sein Berater wäre, würde ich ihm nahelegen: Sag, dass du dich vergaloppiert hast und dann ist es auch gut. Es versteht jeder, dass man mal unter Druck steht. Wenn man hier miteinander redet, wenn er Özil möglicherweise anbietet, sich auch öffentlich zu entschuldigen, wenn dieser es wünscht, und wenn sich das nicht wiederholt und man die Kommunikation in Zukunft besser abstimmt, dann kann das auch gut weitergehen. Wie genau das abzulaufen hat, ist eine Sache zwischen den Betroffenen. Wenn der Mitarbeiter dem Vorgesetzten abnimmt, dass der seinen Fehler erkannt hat, geht das in Ordnung. Wenn die beiden eine wie auch immer geartete Lösung für sich finden, müsste noch eine Außenkommunikation gefunden werden. Die sollte beinhalten, dass beide erklären, miteinander gesprochen zu haben, dass die Entschuldigung angenommen wurde und dann, ganz wichtig, müssen sie den Blick nach vorne richten: Fußball-EM 2020, WM 2022. Also: Raus aus der Situation, positionieren und dann wirklich konstruktive Sacharbeit. Dann verblasst der ganze Ärger mit der Zeit.

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