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Der Jargon der Wirtschaft "Die meisten Manager reden erschreckend einfallslos"

Führungsfähigkeit beruht auf Sprachfähigkeit. Doch in den Unternehmen verkümmere die Sprache, sagt Philosoph Jürgen Werner: Die meisten Manager reden fantasiefrei.

Sind Sie auch rhetorisch der Chef?
Mitarbeiter machen nicht, was sie sollenWenn Mitarbeiter nicht wissen, was es ihnen persönlich einbringt, dann machen sie in den seltensten Fällen, was ihnen gesagt wird. Deshalb sollten die Manager persönliche Anreize setzen und erklären, was der Vorteil für den individuellen Mitarbeiter ist: Ob er Fußballkarten, einen Bonus oder eben Karten für die Oper möchte, Sie sollten ihm den Wunsch erfüllen. Quelle: dpa/dpaweb
4. Effektiv kommunizierenIst erstmal ein Aktionsplan erstellt, sollten ihn auch alle Mitarbeiter verstehen. Konkret bedeutet das, dass Sie Ihre Pläne mit allen Kollegen teilen und diese um Ihre Meinung bitten sollten. Dank Chester Barnards Klassiker "The functions of the executive" ist bekannt, dass Organisationen in Wahrheit durch Informationen zusammengehalten werden, nicht durch gutes Management oder Besitzverhältnisse. Druckers Tipp: Sparen Sie nicht an Informationen, sondern kommunizieren Sie Ihre Pläne. Dabei sollten Sie auch untergebene Mitarbeiter nicht ausschließen. Quelle: dpa
Mit den Enttäuschten reden! Bei Umstrukturierungen wird immer jemand der Leidtragende sein: Damit der Enttäuschte nicht auf Rache sinnt, sollte mit ihm geredet werden. Persönliche Anerkennung in wenigen Sätzen kann manchmal dafür sorgen, dass er die Kröte besser schluckt. Und Sie und die Firma in Ruhe lässt. Quelle: REUTERS
5. Chancenorientiert denkenEs klingt wie eine Floskel, ist aber ein effektives Element guten Managements. Erfolgreiche Führungskräfte konzentrieren sich auf Chancen, nicht auf Probleme. Japan geht dabei als gutes Beispiel voran: Dort wird sichergestellt, dass vorhandene Chancen nicht von Problemen erdrückt werden. Dabei spielt auch die Stellenbesetzung eine wichtige Rolle. Japanische Führungskräfte lassen ihre besten Mitarbeiter an Chancen arbeiten, nicht an Problemen. Druckers Tipp: Probleme und Risiken gibt es überall – aber auch Chancen. Stellen Sie diese in Ihrem Unternehmen in den Mittelpunkt. Auch Probleme lassen sich in Chancen umwandeln, indem Sie sich fragen: Wie können wir diese Veränderung oder jenes Problem als Chance für unser Unternehmen nutzen? Quelle: dpa
Das Kündigungsgespräch: kurz und schmerzlosMachen Sie es sich und ihrem bald Ex-Mitarbeiter nicht schwerer als es ist: Zwei, drei Sätze reichen, um keine der beiden Seiten unnötig zu belasten. Und helfen Sie Ihrem ehemaligen Mitarbeiter dann noch, indem Sie ihm schnell und unbürokratisch seine Papiere geben und ihm ein Arbeitszeugnis schreiben. Quelle: dpa-tmn
Konsequenzen dramatisieren!Sie müssen unpopuläre Maßnahmen wie Kostensenkungen und Budgetkürzungen kommunizieren? Kein Problem, wenn Sie nur dramatisch und konsequent sind. Denn nur dann können die Mitarbeiter Ihre Maßnahmen nachvollziehen. Die meisten Manager schreiben Mails, weil sie die nicht beantworten müssen. Ein Gespräch mit dem Mitarbeiter könnte hingegen zu unbequemen Nachfragen führen. Quelle: dpa
Loben Sie die Mitarbeiter namentlich!Seien Sie kein eitler Hahn, sondern geben Sie etwas vom Erfolg auch an Ihre Mitarbeiter zurück. Ein rhetorisch guter Manager lobt sein Team namentlich - das führt auch bei gelobten Mitarbeiter zu einem kleinen Motivationsschub. Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Werner, kann es sein, dass Sie ein gestörtes Verhältnis zu Zahlen haben?

Jürgen Werner: Wie kommen Sie darauf?

Weil Sie in Ihrem Buch „Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens“ in einem Kapitel über die Sprache der Wirtschaft schreiben: „Die Herrschaft der Zahlen hat dazu geführt, dass Buchstaben sich nicht mehr wie Buchstaben verhalten, sondern wie Zahlen.“ Das müssen Sie erklären.

Damit bezeichne ich einen imperialistischen Anspruch. Nicht die Zahlen sind das Problem. Aber deren Herrschaft. Vor allem in Lebenswelten, in denen sie ihr Talent, genau zu sein, gar nicht recht ausspielen können.

Zur Person

Und zu diesen Lebenswelten zählen Sie auch die Wirtschaft?

Selbstverständlich. Wirtschaft erschöpft sich nicht in Zahlenreihen. In Unternehmen haben wir es nicht zuletzt damit zu tun, dass sich Menschen finden, um etwas Neues zu schaffen, um qualitative Werte zu bilden. Sie sind gesellschaftliche Gebilde, kommunikative Kraftzentren, in denen es auch zu überzeugen gilt, wo ich mich nicht auf präzise Daten berufen kann. Man kann sie nicht nur über „Financials“ steuern. Nicht ich habe also ein gestörtes Verhältnis zu Zahlen, aber die Zahlen stören manchmal die Verhältnisse.

Was ist das überhaupt, Sprache der Zahlen, und warum ist sie so erfolgreich?

Diese Sprache ist geprägt vom Vergleich. Da wird gewogen, eingeschätzt, abgegrenzt. Die Welt erscheint in ihr auf eine faszinierende Weise beherrschbar und berechenbar. Besser oder schlechter bedeutet da nur: Verkauft sich das Produkt gut? Hat ein Mitarbeiter seine Leistung gesteigert? Ist der Aktienkurs gestiegen?

Wo ist das Problem?

In Wahrheit handelt es sich um eine Scheinsicherheit. Zahlen erzählen nichts. Oft verbergen sie sogar, wie sie entstanden sind. Und in jedem Fall verraten sie seltener, als man denkt, wie man zu handeln hat. Aber sie suggerieren, dass man alles im Griff hat. Das ist für einen Manager höchst attraktiv. Dabei verarmt, ja verkümmert seine Sprache. Die meisten Manager reden erschreckend einfallslos und fantasiefrei.

Was Ihre Gesten über Sie verraten

Woran erkennen Sie das?

Am Siegeszug des mechanischen Jargons. Die Liebe zu gestanzten Formeln – auch das ein Sprachbild aus der Mechanik – scheint nicht abzukühlen, selbst in Zeiten, da wir längst mit sehr viel komplexeren Phänomenen zu tun haben. Solche einfachen Wendungen, wie „eng takten“ oder „das Momentum ausnutzen“, stammen aus einer Welt, in der sich über analytische Schärfe und Effizienzorientierung äußerst befriedigende Resultate erzielen lassen.

Sie meinen, die Wörter scheinen ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein?

Ja, man redet von „Werthebeln“ gerade so, als lebten wir noch im Zeitalter der Schwerindustrie. Eine der prominentesten Metaphern ist die „Stellschraube“, an der gedreht werden müsse, damit das Ganze einer Organisation funktioniert, eine Vokabel aus der Ingenieursprache. Die Stellschraube heißt ja so, weil man damit etwas feinjustieren kann. Es geht also um Steuerung. Aber die meisten, die das Wort benutzen, meinen, es müsse etwas fester gezogen werden, weil es zu locker sitzt.

Beraterjargon

Das heißt, man denkt gar nicht mehr über den Sinn des Wortes nach.

Das führt dann manchmal dazu, dass die Metaphern völlig verrutschen. Mir jedenfalls fehlt die Vorstellung, was ein Satz bedeuten soll, in dem es heißt: „Damit die Energiewende ein Erfolg wird, müssen viele Weichen und Stellschrauben klug verzahnt werden.“ Unsinnlicher und unsinniger lässt sich kaum reden. Beim Bemühen, die Angelegenheit möglichst klar auszudrücken, wird sie trübe. Mich interessiert, was jemand denkt, wenn er so formuliert.

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