WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Der Rat der Weisen Brauche ich wirklich Erfüllung durch den Job?

Quelle: Illustration: Dmitri Broido; Fotos: Picture-Alliance/Newsroom, Imago Images, Interfoto/20th Century Fox, DDP/Everett Collection, Laif/Redux/The New York Times, PR

Wer sehnt sich nicht nach einem erfüllten und glücklichen Leben? Dazu gehört auch der Job. Doch Coach Johannes Lober ist überzeugt: Unser Lebensglück hängt nicht von der persönlichen Erfüllung im Beruf ab.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Menschen in der modernen Arbeitswelt wollen nicht nur ein gutes Auskommen und ausreichend Freizeit, auch der Sinn der Erwerbsarbeit wird Umfragen zufolge immer wichtiger. Unternehmen nennen es Purpose; Arbeitnehmer hängen den hehren Wunsch ein wenig tiefer und wollen dennoch das Gefühl haben, mit ihrer Arbeit etwas zu bewirken. Aber ist man damit auf dem richtigen Weg? Schließlich ist es eine zusätzliche Bürde, im Job auch noch Sinn finden zu wollen. Ein Leser fragte uns daher: „Erfüllung im Job – ja, nein, jein?“

Johannes Lober: Wir Menschen haben tief in uns eine Sehnsucht nach einem erfüllten, glücklichen Leben. Wir streben danach, unsere Talente und unser Können sinnvoll wirksam werden zu lassen. Wir sehen uns danach, anerkannt und geliebt zu sein so wie wir sind – mit unseren Stärken, aber auch mit unseren schwachen Seiten. Vor allem aber steckt tief in uns die Sehnsucht ein Leben zu führen, das wir als selbstbestimmt empfinden, weil wir unter den gegebenen Umständen so entscheiden und handeln, wie wir es für gut und richtig halten. Kurz: Sinnvoll tätig zu sein, tiefe persönliche Beziehungen zu leben und selbstbestimmt zu sein – die Erfüllung dieser drei tiefen menschlichen Bedürfnisse sind die Säulen des Fundaments, auf dem ein erfüllendes Leben ruht. Das lehren uns nicht nur jahrtausendealte Denker wie Aristoteles oder Platon. Das zeigen auch zahlreiche empirische Studien der modernen Psychologie.

Um sich der Frage nach Erfüllung im Job zu nähern, empfehle ich, zunächst eine breite Bestandsaufnahme des eigenen Lebens vorzunehmen. Wo haben diese drei Grundbedürfnisse ihren Platz in den verschiedenen Bereichen unseres Lebens und wie leben wir sie dort konkret?

Da unser Job oft einen großen Teil unserer Lebenszeit beansprucht, liegt nahe, in einem zweiten Schritt diesen Lebensbereich in den Blick zu nehmen: Empfinden wir unsere Tätigkeiten im Großen und Ganzen als sinnvoll und uns angemessen? Finden wir das, wofür wir uns im Job einsetzen, der Sache nach richtig? Fühlen wir uns wohl im Team mit den Kollegen? Wenn wir die drei Grundbedürfnisse auch im Job leben können, trägt das dazu bei, dass wir mit einer gesunden Motivation tätig sind. Und natürlich lässt Erfüllung im Job auch unser Leben als Ganzes erfüllender werden. Aber hängt unser Lebensglück tatsächlich von der persönlichen Erfüllung im Job ab? Auch wenn Erfolgsratgeber-Literatur, Success-Coaches, Recruiter und nicht zuletzt sogenannte „Purpose Driven Companies“ das oft so suggerieren – ich bin der Überzeugung: Nein.

Nicht selten führt die einseitige Erwartung von Erfüllung im Job sogar geradewegs ins Unglück. Zum Beispiel dann, wenn wir versuchen die Sehnsucht nach persönlicher Anerkennung im leistungsbezogenen Anerkennungssystem eines Unternehmens zu stillen. Wer dort die Erfahrung persönlicher Anerkennung sucht, begibt sich ins Hamsterrad. Man wird vielleicht Erfolgserlebnisse haben und im besten Fall einen schönen Bonus kassieren. Mit der Anerkennung in tiefen, persönlichen Beziehungen hat das nichts zu tun.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


Und nicht zuletzt werden wir zu freieren, unbeschwerteren und resilienteren Menschen, wenn wir unsere persönliche Erfüllung nicht hauptsächlich von unserem Job abhängig machen. Denn wenn wir auch jenseits des Jobs Erfüllung finden, gehen wir mit einem deutlich breiteren, stabileren Fundament durchs Leben. Das ist nicht nur in Krisen wichtig, sondern besonders dann, wenn im Job größere Verantwortung und obere Führungsaufgaben anstehen.

Johannes Lober ist Geschäftsführer des Instituts für Philosophie und Leadership der von den Jesuiten getragenen Hochschule für Philosophie München. Er begleitet und berät Menschen, die obere Führungspositionen übernommen haben oder übernehmen werden. In seinen Kursen auf Schloss Elmau geht es darum, die eigene Persönlichkeit durch Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung als Ressource für Leadership in Spitzenpositionen zu erschließen.

Wenn Sie eine Frage haben, senden Sie uns diese bitte an erfolg@wiwo.de oder via FacebookInstagram und LinkedIn. Wenn Sie mögen, schreiben Sie uns auch gerne dazu, warum Sie genau diese Frage bewegt. 

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%