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Der Rat der Weisen Coronakrise: Wie gehe ich mit meiner Existenzangst um?

Quelle: PR

Die heutige Zeit ist geprägt von Unsicherheiten. Viele fragen sich, wie die Zukunft aussehen mag, manche fürchten sie sogar. Coach Johannes Lober gibt Tipps, um dem emotionalen Würgegriff der Existenzängste zu entkommen.

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Solch eine Zeit wie diese haben die meisten bisher nicht erlebt. Sie ist geprägt von Unsicherheiten. Ein Virus hält die Welt im Atem, im gefühlten Monatsrhythmus erlassen die Politiker neue Corona-Regeln und für viele Unternehmen ist es eine schwere, teils existenzbedrohende Zeit. Viele fragen sich, wie ihre Zukunft aussehen mag, manche fürchten sie vielleicht sogar. Ein Leser fragte uns daher: „Wie rationalisiere ich gegebenenfalls vorübergehende Existenzängste?“

Antwort: Ein dumpfes Unwohlsein im Magen. Der Atem schwer, als läge ein Stein auf der Brust. Nächte, die schlaflos bleiben, weil sich das Gedankenkarussell aus düsteren Zukunftsphantasien schneller und immer schneller dreht. Die Tage bedeckt von einer lähmenden Müdigkeit, die immer wieder zerfetzt wird vom kalten Stachel der Angst: „Ich muss jetzt irgendetwas tun, um aus der Situation herauszukommen!“

Existenzängste lösen machtvolle Reaktionen in uns aus, die sich nicht so einfach wegrationalisieren lassen. Wir spüren mit beinahe jeder Faser unseres Körpers, dass etwas sehr wertvolles und wichtiges ernsthaft in Gefahr sein könnte: der Job, materielle Ressourcen, aber auch Lebenspläne und unser Glück. Existenzängste sind gefährlich: Durch ihre emotionale Wucht können sie unsere Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung der Welt um uns herum stark ins Negative verzerren. Um ihrem emotionalen Würgegriff zu entkommen, finden wir uns im schlechtesten Fall plötzlich in kopflosen Panikreaktionen wieder. Eine realitätsangemessene Analyse der Situation, unsere Werte, ja manchmal sogar unsere Selbstachtung bleiben auf der Strecke.

Mein erster pragmatischer Rat lautet daher: Treffen Sie in solchen hoch emotionalen Phasen nie weitreichende Entscheidungen! Auch wenn es sehr hart sein kann, das auszuhalten – das Beste, was Sie tun können, ist nichts zu tun.

Mein zweiter Rat lautet: Versuchen Sie Abstand zur Angst zu bekommen. Denn Voraussetzung für einen rationaleren Umgang mit Existenzängsten ist, dass wir in der Lage sind, ihren emotionalen Würgegriff ein wenig zu lockern. Wie kann das gelingen? Ablenkung im Äußeren, zum Beispiel durch mäßigen Sport, durch einen Filmabend mit Freunden oder eine andere Aktivität, die uns gut tut, kann einen gewissen Abstand schaffen.

Fordernder, aber auch nachhaltiger ist eine Übung aus der Mindfulness-Tradition. Die Übung lässt sich gut bei einem Spaziergang in einer schönen, vertrauten Umgebung durchführen. Wann immer wir uns in angstgetriebenen Gedanken oder Bildern wiederfinden, nehmen wir dies kurz wahr, beschäftigen uns aber nicht weiter mit ihnen. Stattdessen lenken wir unsere Aufmerksamkeit für ein paar Momente auf unseren Körper: Wo zeigt sich dort gerade die Angst? Ist der Nacken angespannt, der Rücken ein einziges Schlachtfeld? Gehen wir vielleicht unwillentlich schneller? Schließlich bringen wir unsere Aufmerksamkeit immer wieder zurück zur Umgebung, zur Natur um uns herum, und versuchen sie dort zu halten. Was sehen, hören oder riechen wir jetzt in diesem Moment? Diese einfache aber sicherlich nicht ganz leichte Übung ist ein Training in doppelter Hinsicht: Wir üben uns darin, „Herr oder Herrin der eigenen Aufmerksamkeit“ zu werden. Wir bestimmen, wo wir mit unserer Aufmerksamkeit sind – nicht die Angst, die uns in ihren dunklen Strudel aus Gedanken, Emotionen und Körperreaktionen ziehen will.

Noch wichtiger ist aber eine andere Erfahrung, die wir durch die Übung machen: Wir sind nicht unsere Angst. Wir müssen uns weder zwangsläufig mit unseren angstgetriebenen Gedanken und Impulsen identifizieren, noch müssen wir uns von den unangenehmen und zum Teil heftigen Köperreaktionen beeindrucken lassen. Es gibt da einen kleinen, aber entscheidenden inneren Abstand zwischen den Angstphänomenen und uns, wenn wir diese an uns wahrnehmen.

Mein dritter Rat lautet: Gewinnen Sie mehr Klarheit über Ihre Existenzangst. Versuchen Sie zusammen mit einem vertrauten Menschen, die Hintergründe der Angst besser zu fassen zu bekommen.

Folgende Einstiegsfragen können hier hilfreich sein: Bewerten wir die äußere Situation, die die Existenzängste auslöst, einigermaßen realistisch? Welchen Wert halten wir eigentlich für gefährdet? Ist unsere Einschätzung der Gefährdung richtig? Ist es im Hinblick auf unser Lebensglück tatsächlich sinnvoll, diesem Wert eine so große Bedeutung beizumessen?

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Wir werden durch die Beantwortung dieser Fragen nicht sofort auf eine Lösung für unsere Situation stoßen. Aber wir gewinnen rationale Entscheidungskriterien um Handlungsoptionen abzuwägen. So stellen wir sicher, dass wir nicht durch blinden Aktionismus Werte, die wir eigentlich schützen wollen, gefährden. Denn nicht unsere Existenzangst ist das Problem. Tragisch wird unser Leben dann, wenn wir zum Opfer unserer Existenzangst werden. Wenn wir das beachten, können wir hoffentlich eines Tages zurückblicken und frei nach Mark Twain sagen: „My life was full of tragedies. Most of them never happened.“ Von Herzen alles Gute Ihnen!

Johannes Lober ist Geschäftsführer des Instituts für Philosophie und Leadership der von den Jesuiten getragenen Hochschule für Philosophie München. Er begleitet und berät Menschen, die obere Führungspositionen übernommen haben oder übernehmen werden. In seinen Kursen auf Schloss Elmau geht es darum, die eigene Persönlichkeit durch Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung als Ressource für Leadership in Spitzenpositionen zu erschließen.

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