WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Der richtige Umgang mit Kritik Jetzt aber mal Tacheles!

Seite 2/3

Für die Feedback-Kultur ist der Chef zuständig

In Start-up-Zeiten war Kritik bei Trivago einfach. Wenige Mitarbeiter, die Hierarchie flach, jeder kannte jeden. 2016 sieht das anders aus: Mittlerweile arbeiten bei Trivago 950 Angestellte, der Onlinereiseriese Expedia hält die Mehrheit. Doch Schrömgens will das Start-up-Gefühl erhalten und eine offene Feedbackkultur fördern. Deshalb stehen alle Mitarbeiter auf der gleichen Stufe. „Titel verhindern Augenhöhe“, sagt Schrömgens, „das manifestiert Entscheidungsmacht qua Amt.“ Er findet, dass die besten Argumente zählen sollten, nicht die höchste Position.

Die Angestellten sollen sich weiterhin trauen, ihn auf Fehler hinzuweisen. „Wenn die Mitarbeiter nicht sagen, was ihrer Meinung nach falsch läuft, dann habe ich ein Riesenproblem.“ Er brauche die Kritik, um von Fehlentwicklungen zu erfahren. Schrömgens hat verstanden, dass für die Feedbackkultur vor allem der Chef zuständig ist: „Wichtig ist, dass Vorgesetzte Kritikfähigkeit vorleben und sich aktiv Feedback einholen“, sagt auch Psychologin Volmer.

So werden Sie in Ihrem Unternehmer zum "Konfliktlöser"

Sicher, mit seinen speziellen Methoden ist Schrömgens eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt. In den meisten Chefetagen ist Kritikfähigkeit selten. Das hat Roland Jäger, Coach aus Wiesbaden, schon oft erlebt. Mitarbeiter seien untereinander meist ehrlich und offen: „Aber je höher man in der Hierarchie kommt, desto taktischer und politischer wird die Kritik.“ Dabei erlebt Jäger in seiner Tätigkeit immer wieder, dass Menschen mit jeder Karrierestufe mehr an Kritikfähigkeit verlieren und sich zunehmend mit Ja-Sagern umgeben.

Wer erfolgreich ist, macht keine Fehler

Offenbar besteht zwischen Kritikunfähigkeit und der Karriereleiter eine ungesunde Verbindung: Der eigene Erfolg bestärkt die Führungskraft darin, dass ihre Worte und Taten richtig sind – und die Mitarbeiter trauen sich aufgrund der vermittelten Unfehlbarkeit nicht mehr, Kritik zu äußern. „Führungskräfte grenzen sich zudem häufig selbst von Kritik ab“, sagt Jäger, „alles andere würde das eigene Selbstverständnis erschüttern.“ Wer erfolgreich ist, macht keine Fehler – ein häufiger Trugschluss.

Manchmal ist es aber gar nicht so sehr der Chef, der Kritik nicht ermöglicht, sondern die buchstäbliche Schere im Kopf der Mitarbeiter. Viele befürchteten einen Karriereknick, sagt Coach Jäger, ohne dass es dafür einen konkreten Anlass gibt. Motto: Lieber schweigen als etwas riskieren. Umso wichtiger ist es also, dass Führungskräfte ehrliche Kritik von den Angestellten aktiv einfordern.

Manöverkritik bei jedem Einsatz

Eine Möglichkeit ist es, sie in die Arbeitsroutine einzubinden. Wie das geht, kann man sich von Norbert Wesseler abgucken. Er ist Chef des Polizeipräsidiums in Düsseldorf. Rund 3000 Beamte arbeiten hier, im vergangenen Jahr gab es über 240.000 Einsätze. „Ich bin selten dabei, daher bin ich natürlich auf Kritik angewiesen. Das ist ein wichtiges Korrektiv unserer Arbeit“, sagt Wesseler. Die Manöverkritik nach jedem Einsatz gehört zur wichtigsten Informationsquelle. Was war gut? Was hätte besser laufen können? Und was muss dafür künftig verändert werden?

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%