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DSW-Aufsichtsratsstudie 2020 Aufsichtsräte: Fürstlich bezahlt, so mächtig wie nie zuvor

Enger Kontakt: Mächtige Aufsichtsräte wie Paul Achleitner (links) begleiten die Arbeit des Vorstands heute deutlich intensiver, als es früher üblich war. Foto: Reuters Quelle: REUTERS

Sie nehmen den Vorstand an die Kandare, erhalten dafür Millionen und gewinnen immer mehr Einfluss. Eine neue Studie zeigt: Nikolaus von Bomhard ist der mächtigste Aufsichtsrat im Dax, Paul Achleitner der bestbezahlte.

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Die teuersten Aufsichtsräte leistet sich die Deutsche Bank. Das zeigt die neue Aufsichtsrätestudie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Sie zahlte ihren 20 Kontrolleuren im vergangenen Jahr 6,1 Millionen Euro – das bedeutet ein Plus von sechs Prozent im Vorjahresvergleich. Paul Achleitner bekommt von der Deutschen Bank die höchste Einzelvergütung von 900.000 Euro.

BMW folgt auf Platz zwei mit 5,6 Millionen Euro und Volkswagen mit 5,3 Millionen Euro für seine 20 Kontrolleure. BMW-Aufsichtsratschef Norbert Reithofer ist mit 640.000 Euro Honorar zwar der zweitbestbezahlte, liegt damit aber weit hinter Achleitner ebenso wie Siemens-Aufsichtsratsvorsitzender Jim Hagemann Snabe mit 612.500 Euro.

Die niedrigste Summe zahlt der Dax-Neuling Delivery Hero an seine sechs Aufsichtsräte: 276.000 Euro für alle zusammen. Das größte Minus gab es bei Continental mit 30,5 Prozent. Statt 5,3 Millionen Euro in 2018 erhielt der gesamte Aufsichtsrat 2019 nur noch 3,6 Millionen Euro. Im Durchschnitt bekamen die Dax-Aufsichtsratsvorsitzenden 366.000 Euro im vergangenen Jahr und damit 1,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Geändert hat sich die Zusammensetzung der Vergütung: Kurzfristige variable Vergütungsbestandteile kommen im Dax jetzt bei keinem einzigen Unternehmen mehr vor. Der DSW mahnt jedoch, dass variable Vergütungen für Aufsichtsräte generell nicht wünschenswert seien – also auch keine langfristigen.

Der einflussreichste Aufsichtsrat im Dax ist Nikolaus von Bomhard. Er war bis vor drei Jahren Vorstandsvorsitzender der Münchner Rück. Von Bomhard hat den Aufsichtsratsvorsitz bei der Deutschen Post und der Münchner Rück inne und leitet bei beiden Gesellschaften zusammen fünf wichtige Ausschüsse. Ihm folgt auf Rang zwei Michael Diekmann als Aufsichtsratschef der Allianz, der zudem in den Kontrollgremien von Fresenius und Siemens sitzt. Den Rang drei teilen sich Paul Achleitner Chefkontrolleur der Deutschen Bank und Norbert Winkeljohann, dem Aufsichtsratsvorsitzenden von Bayer. Beide sind obendrein jeweils mit im Aufsichtsrat des anderen vertreten, also Achleitner bei Bayer beziehungsweise Winkeljohann bei der Deutschen Bank.

„Das Netzwerk der einstigen Deutschland AG existiert so nicht mehr“, stellt Christiane Hölz, NRW-Landesgeschäftsführerin der DSW fest. Zum Vergleich: Vor 18 Jahren waren die drei einflussreichsten Aufsichtsräte Manfred Schneider, Karl-Herrmann Baumann und Ulrich Hartmann, die insgesamt auf 18 Mandate im Dax30 kamen.

Arbeitsaufwand wächst

Winkeljohann hat den größten Sprung nach vorne hingelegt: Er verbesserte sich gleich um 13 Plätze, vor einem Jahr rangierte er noch auf Platz 16. Margret Suckale, Ex-Vorständin von BASF sprang von Platz 19 auf neun, sie ist inzwischen in den Aufsichtsräten der Deutschen Telekom, Infineon und HeidelbergCement vertreten. Suckale ist laut DSW-Analyse die einzige Frau unter den Top-Ten-Aufsichtsräten. Ann-Kristin Achleitner folgt erst auf Rang elf.

Woran die DSW den Einfluss der einzelnen Kontrolleure festmacht? An der Zahl und der Bedeutung der Positionen insbesondere in den Fachausschüssen in den Dax-Aufsichtsräten. Und generell gilt für sie alle: Ihre Rolle hat sich gewandelt und an Gewicht gewonnen. Die Rotweinrunden, die lediglich alles abnickten und durchwinkten, sind passe´.


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Aufsichtsräte kontrollieren heute nicht nur die Vorstände, sondern können sie auch stoppen. Ganz zu schweigen davon, dass der Aufsichtsrat die Vorstände auch einstellt und abberufen kann. Was auch immer häufiger passiert. Denn: Gefällt dem Aufsichtsrat die Performance eines Vorstands nicht, liefert er schlechte Zahlen ab, so fackelt er nicht lange: Er schasst ihn heute durchaus auch vor Ablauf seiner Vertragslaufzeit – was früher nie vorkam. Der tiefere Grund: Insbesondere die Aufsichtsratsvorsitzenden werden inzwischen mit in die Verantwortung genommen, wenn die Vorstände Managementfehler machen, und riskieren schlimmstenfalls Schadenersatzklagen.

Mit der Professionalisierung der Aufsichtsräte ist auch das Arbeitspensum gestiegen. Zwar ist ein Aufsichtsratsmandat immer noch ein Nebenjob, aber Paul Achleitner zum Beispiel kam im zurückliegenden Jahr auf 90 Plenums- und Ausschusssitzungen. 2018 waren es erst 77. Michael Diekmann kam auf 41 Sitzungen, Norbert Winkeljohann auf 39 und Nikolaus von Bomhard auf 31 dieser Termine. Hölz: „Die Zahl der Sitzungen lässt Rückschlüsse darauf ziehen, wie engagiert ein Aufsichtsrat bei der Sache ist.“ Addiert mit dem Einsatz für andere Unternehmen lässt sich auch die Arbeitsbelastung des einzelnen erkennen, so Hölz.

Was die DSW-Studie auch offen legt: So richtig vorwärts geht es mit der Gleichstellung der Frauen in den Dax-Aufsichtsräten noch nicht. Unter den Top50-Ausichtsräten sind erst zehn Frauen, die Verbesserung von sieben im Vorjahresvergleich genügt bei Weitem nicht. Zum Vergleich: Vor 18 Jahren gab es in den Top50 der börsennotierten Gesellschaften erst zwei Aufsichtsrätinnen, Renate Köcher und Susanne Klatten. Insgesamt sind im Dax inzwischen 36,6 Prozent Frauen, aber den Anstieg im Vorjahresvergleich von 35,7 Prozent ist viel zu gering. „Seit vor vier Jahren die magische Marke von 30 Prozent übersprungen wurde, entwickelt sich die Steigerungsrate nur noch mäßig“, kritisiert DSW-NRW-Chefin Hölz. Doch vor allem mit der Teilhabe an der Macht hapert es immer noch. Simone Bagel-Trah beim Konsumgüterhersteller Henkel ist die einzige Aufsichtsratschefin im Dax.

Mehr zum Thema: Bettina Al-Sadik-Lowinski ist Coach für Führungskräfte. Sie hat dadurch viele Frauen in Spitzenpositionen getroffen. Ein Interview über die Frage, worin sich Top-Managerinnen aus verschiedenen Ländern unterscheiden.

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