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Einblick
Rausgeworfene Vorstandschefs Quelle: imago, Montage

Deutschlands Teflon-Aufsichtsräte

Hauke Reimer
Hauke Reimer Stellvertretender Chefredakteur WirtschaftsWoche

Wenn einem Aufsichtsratschef gar nichts mehr einfällt, feuert er den Vorstand. Das bewahrt ihn davor, wirklich etwas zu ändern. Und rettet ihm den Job.

Vorstandschef scheint ein Höllenjob. Im Dax nimmt die Verweildauer der Herren rapide ab. Carsten Kengeter von der Deutschen Börse, John Cryan von der Deutschen Bank und jetzt wohl auch Matthias Müller von Volkswagen konnten sich jeweils nur zweieinhalb Jahre im Amt halten.

Ihre Aufsichtsratschefs aber sind alle noch da.

Joachim Faber von der Deutschen Börse, obwohl er für Kengeter ein obszön teures Bonusprogramm entwarf, die peinlich gescheiterte Fusion mit der Londoner Börse vorbereitete und an dem des Insiderhandels verdächtigen Kengeter viel zu lange festgehalten hatte. Ebenso Paul Achleitner von der Deutschen Bank, der deren Elend sicher mehr zu verantworten hat als der von ihm nun gefeuerte Cryan. Und jetzt scheint mit dem Abgang von VW-Chef Müller auch Hans Dieter Pötsch noch einmal davonzukommen. Der VW-Aufsichtsratschef saß in der Hochsaison des Dieselskandals im VW-Vorstand und war als Finanzvorstand für irreführende Mitteilungen an die Börse verantwortlich. „Der Bock soll hier unseren Garten pflegen“, hatte ein Aktionär schon auf der VW-Hauptversammlung vor zwei Jahren geklagt.

Egal. An Deutschlands Teflon-Aufsichtsräten bleibt nichts hängen.
Das Muster ist immer gleich. Aufsichtsratschefs machen Fehler und lassen Managern zu viel durchgehen. Man kennt sich, mag sich – warum jemanden, den man selbst eingestellt hat, hart anfassen? Erst wenn die Probleme akut werden, wenn auch der Job des Aufsichtsratschefs gefährdet scheint, markiert der den Macher und wirft den Vorstandschef raus. Ein teurer Akt von hoher Symbolkraft, der den Aufsichtsratschef davor bewahrt, wirklich etwas zu ändern – oder gar, unerhört, selbst zu gehen. Ist der Nachfolger installiert, kehrt Ruhe ein.

Und in zwei Jahren wird dann der nächste Vorstandschef gefeuert.

Aktionärsdemokratie ist ein Fake. Der Aufsichtsrat kann den Vorstand feuern, wer aber kontrolliert den Aufsichtsratschef? Nur alle fünf Jahre muss er sich den Aktionären zur Wahl stellen. Dass einer abgewählt wird, ist ebenso selten wie eine Rebellion anderer Aufsichtsräte gegen den Chef. Privatanleger haben eh nichts zu melden, Eignerfamilien wie der Porsche-Clan verfolgen sowieso ihre eigenen Interessen. Und Manager von Fonds, Banken, Versicherungen handeln stromlinienförmig. Auch hier gilt: Man kennt sich, denkt gleich, hat für die gleiche Firma gearbeitet – und vielleicht sieht man sich ja noch mal im Leben.

Die Einzigen, die hier wirklich etwas bewirken, sind Hedgefonds. Deshalb mag sie auch keiner. Auf ihr Konto ging der erste prominente Abgang eines Aufsichtsratschefs, beim Pharmaunternehmen Stada. Der hatte einem mittelmäßigen Vorstandschef beinahe spitzenmäßige 50 Millionen Euro Pension durchgehen lassen. Das kostete beide den Job. Zur Nachahmung empfohlen – auch vielen Dax-Werten täten mehr kritische Aktionäre gut.

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