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Einblick
So sieht sie aus, die berühmte Arroganz der Macht. Quelle: AP

Die Arroganz der Macht

VW-Chef Müller und Facebook haben nichts miteinander zu tun. Und doch sind sie sich unheimlich ähnlich – im fragwürdigen Umgang mit der Öffentlichkeit.

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Japanische Manager hätten gewusst, was zu tun ist. Sie hätten sich sofort und ausgiebig entschuldigt. Sie hätten sich demütig gezeigt und tief verneigt vor der Öffentlichkeit. So machten das etwa die Chefs von Tepco nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, von Toyota nach mehreren Produktionspannen oder von Toshiba nach einem Bilanzskandal – inklusive Rücktritt.

Facebook ist offensichtlich kein japanischer Konzern. Dem mächtigen Netzwerk kamen rund 50 Millionen Nutzerdaten abhanden, um schließlich bei der windigen Politikberatungsfirma Cambridge Analytica wieder aufzutauchen. Mit den Profilen soll im US-Wahlkampf gezielt Stimmung für Donald Trump gemacht worden sein. Die öffentliche Empörung reißt seither nicht ab. Regulierer schreiten ein, Politiker fordern Erklärungen. Und was macht Facebook? Mark Zuckerberg schaffte es nach tagelangem Schweigen gerade mal, ein paar magere Zeilen zu posten. Darin spricht er von „Fehlern“. Man habe die Verantwortung, die Daten zu schützen – und wenn man das nicht könne, „verdienen wir es nicht, euch zu dienen“, schrieb er den Nutzern, mit deren Gratisdaten er reich geworden ist.

Wenige Tage später schob Zuckerberg noch ein paar Zeitungsanzeigen mit einer Entschuldigung nach. Ende der Durchsage.

Trotz des bisher größten Skandals in der Geschichte von Facebook verhält sich der Konzern wie eine verschlossene Auster. Die Unterredung zwischen Europa-Cheflobbyist Richard Allen und Justizministerin Katarina Barley endete vergangenen Montag mit wenig Fassbarem. Facebook wolle „wohlwollend prüfen“, ob es seinen Algorithmus offenlegen werde, fasste es Barley zusammen. Es klingt beinahe so, als hätte die Ministerin bei einer Audienz mit dem König ein wenig Gnade erfahren. Ähnlich überheblich speisten die Facebook-Verantwortlichen den Bundestag ab. In einer Anhörung lasen sie offenbar Pressemitteilungen vor.

So sieht sie aus, die berühmte Arroganz der Macht. Auch wenn dahinter ein Kalkül wegen drohender Sammelklagen stecken mag, so kann die Strategie nicht aufgehen. Image ist alles. Zwar sind Konsumenten kurzfristig immun gegen Verfehlungen, solange ihnen das Produkt gefällt. Die andauernde Verachtung des Kunden wird jedoch langfristig nicht ohne Folgen bleiben.

Dasselbe gilt für Matthias Müller. Der VW-Chef entschuldigte sich vor Monaten für den Dieselskandal, dann verspielte er alle Karmapunkte wieder. Zuerst kassierte er trotz Dieselgate eine üppige Vergütung, die gar die Kanzlerin „erstaunt“. Und nun verglich er in einem Interview die Diskussion um eine Gehaltsobergrenze für Manager mit Verhältnissen in der DDR.

Ausgerechnet Zuckerberg und Müller müssen Demut lernen – und vielleicht das Beispiel des japanischen Eisherstellers Akagi Nyugyo studieren. Dessen Manager standen vor zwei Jahren eine Minute lang schweigend vor ihrer Firmenzentrale, um am Ende alle zusammen ihre Köpfe zu senken. Sie entschuldigten sich für eine Preiserhöhung von acht Cent. Gemessen an diesem Maßstab, müssten Zuckerberg und Müller bis an ihr Lebensende stillstehen. Gebückt.

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