Einblick

Wenn einer übers Kaninchenloch springt

Fast alle prominenten Topmanager publizieren einmal im Leben ihre Erfolgsregeln. Doch sie sollten es lieber bleiben lassen – abgesehen von zwei Ausnahmen.

Jeffrey Immelt Quelle: dpa

Vor wenigen Tagen hat es Jeffrey Immelt erwischt. Nach 16 Jahren an der Spitze vom Siemens-Rivalen General Electric konnte er nicht mehr anders. Die Versuchung war zu groß. Wer eine so lange Zeit im gottähnlichen Zustand verbrachte, von ganzen BWLer-Generationen angehimmelt wurde und das Schicksal von Hundertausenden Mitarbeitern jederzeit bestimmen konnte, kommt wohl zwangsläufig zum Schluss: Ich bin anders, ich bin besonders, ich bin der Mensch, ohne dessen Weisheiten die Menschheit nicht wirklich weiterkommt.

Immelt packte also seine Erfahrungen an der Konzernspitze in zehn konsumentenfreundliche Karrieretipps. Er hätte es lieber bleiben lassen. Denn schon sein erstes Gebot lehrt das Publikum, wie flüchtig der Status als Management-Gott sein kann. „Setzen Sie Ziele mit hohen Standards“, empfiehlt Immelt. Simpler geht es kaum. Über Wasser laufen wäre zwar ein erstaunlich hoher Standard, aber das kann leider auch Immelt nicht. Den Rest wussten seine Leser schon vorher.

Dasselbe gilt für das zweite Gebot. „Scheuen Sie nicht vor den schweren Entscheidungen zurück“, schürft der 61-Jährige tief. Wie schwer er sich mit der Entscheidung tat, seine zehn Gebote zu publizieren, ist nicht bekannt. Leider nicht allzu schwer, wäre ein naheliegender Verdacht.

Die zehn Management-Gebote von Jeffrey Immelt

Doch spätestens während des Schreibens seines vierten Gebots hätten auch Immelt ernsthafte Zweifel an seinem Vorhaben kommen müssen: „Lassen Sie ihre Wahrnehmung und die Realität nicht auseinanderklaffen.“ Damit ist eigentlich alles gesagt.

Immelt steht für eine Sorte von Topmanagern, die ein pathologisches Sendungsbewusstsein entwickeln. Sie nehmen ihre Macht persönlich und leiten davon ein bisschen zu viel eigene Genialität ab. Die Kalendersprüche aus der Chefetage schrumpfen dann die Idole regelmäßig auf Normalmaß.

Erstes Gebot: Du sollst keine Erfolgsgebote publizieren

Selbst die Popstars der globalen Großmeisterszene sind davor nicht gefeit. Virgin-Lichtgestalt Richard Branson empfiehlt, immer nach dem „Warum?“ zu fragen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg rät zur Schnelligkeit, was einem ermögliche, „mehr Dinge zu bauen“. Und Tesla-Titan Elon Musk ist sicher, dass man sich „immer an den Wünschen des Kunden orientieren“ soll. Um also der eigenen Demontage vorzubeugen, kann es für die obersten Chefs nur ein Erfolgsgebot geben: Du sollst keine Erfolgsgebote publizieren. Denn entweder wirst du ausgelacht oder von Konkurrenten kopiert.

"Ein großartiger Tag im Weißen Haus!"
Anthony Scaramucci muss die Koffer packen Quelle: AP
US-Präsident Donald Trump Quelle: AP
Trump-Sprecherin Sarah Huckabee Sanders Quelle: REUTERS
Der US-Nachrichtensender CNN Quelle: dpa
New York Times (NYT) Quelle: dpa
The Washington Post Quelle: AP
Adam Schiff Quelle: AP

Es gibt allerdings zwei Ausnahmen. Nummer eins: Anthony Scaramucci. Der ehemalige Hedgefondsmanager und frisch geschasste Kommunikationschef von US-Präsident Donald Trump sorgt mit seinem Ratgeberbuch „Hopping over the Rabbit Hole“ für echt gute Unterhaltung – erklärt er darin doch, wie man „Niederlagen zu Erfolgen macht“.

Ausnahme Nummer zwei: manche Automanager. Welche Gebote sie befolgen, wüssten die Deutschen nur allzu gerne – obwohl viele schon eine böse Vorahnung haben.

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