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Eine Sekte und die Wirtschaft Das Franchisesystem von Scientology

Scientology-Zentrale Deutschland in Berlin Quelle: imago images

Um den Einfluss der sektenartigen Organisation auf die Wirtschaft ranken sich viele Mythen. Eine Spurensuche.

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Scientology nennt sich selbst Kirche. Dieser Begriff ist rechtlich nicht geschützt. Nach Darstellung des bayerischen Verfassungsschutzes handelt es sich jedoch um „eine gewinnorientiert arbeitende internationale Organisation, die ein weltweites, unumschränktes Herrschaftssystem nach eigenen Vorstellungen errichten möchte und damit auch das demokratische System der Bundesrepublik Deutschland und die staatliche Garantie der Menschenrechte in Frage stellt.“ Ziel von Scientology sei der durch spezielle Trainings erzeugte, vermeintlich perfekt funktionierende Mensch, der von den Begrenzungen des physischen Universums befreit ist. Die Lehre geht zurück auf den US-Gründer L. Ron Hubbard, der 1950 das Grundlagenwerk Dianetik veröffentlicht hat. In Deutschland soll Scientology etwa 3400 Mitglieder haben, schätzen die Verfassungsschützer aus Nordrhein-Westfalen. Die offiziell von Scientology genannten Zahlen lägen höher.

Denn Größe ist für Scientology immens wichtig. Dafür nimmt die Organisation auch Einfluss auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, wie der Verfassungsschutzbericht aus Nordrhein-Westfalen (NRW) feststellt. Oft agiere Scientology dabei unter dem Deckmantel einer ihrer zahlreichen Neben- und Tarnorganisationen. Gerade dieses Versteckspiel führt dazu, dass oft auch gerüchteweise kolportiert wird, hinter diesem oder jenem Unternehmen stecke Scientology.

Tatsächlich ist es aber sehr selten, dass Scientology selbst Anteile an Unternehmen hält. Dennoch ist der wirtschaftliche Einfluss für Scientology von Bedeutung. Die Organisation versuche „ihre Einflussmöglichkeiten durch Unterwanderung der Wirtschaft zu vergrößern. Hierzu nutzt sie den eigenen Wirtschaftsverband World Institute of Scientology Enterprises (WISE) sowie eigene Organisations- und Managementstrategien“, ist im NRW-Verfassungsschutzbericht zu lesen. „Durch geschicktes und verdecktes Marketing nähert sie sich Firmen, insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen. Auf diese Weise soll sukzessive die Infiltration der Wirtschaft voranschreiten und der Einfluss der Organisation ausgebaut werden.“ Scientology zugehörige Wirtschaftsunternehmen seien häufig dem Immobiliensektor oder der Beratungsbranche zuzurechnen. Bekannt seien aber auch Einrichtungen, die Dienstleistungen auf dem Nachhilfemarkt anböten und damit gezielt den Kontakt zu jungen Menschen suchten.

Schon Scientologys Kerngeschäft, die Kurse und Trainings, spülen Geld in die Kassen der Organisation. Anhänger müssen für ihre Audits, therapieartige Sitzungen, oft hohe Preise zahlen. Außerdem werden die Anhänger unter Druck gesetzt, an Scientology zu spenden. Nicht selten geraten sie so sogar in finanzielle Probleme. Umso wichtiger ist es für Scientology, Prominente und Vermögende für die Organisation zu gewinnen, die mehr finanziellen Spielraum haben und als Multiplikatoren dienen. Sie sollen etwa über spezielle „Welcome Center“ gelockt werden. Nach Ansicht vieler Beobachter ist der Wirtschaftsverband WISE aber die eigentliche Cash-Cow der Organisation. Es handelt sich um einen franchiseähnlichen Zusammenschluss von Unternehmen. Sie binden sich über Lizenzverträge und wenden die Managementtechniken von Scientology-Gründer Hubbard an. Außerdem unterwerfen sie sich bestimmten Regeln, etwa bei Auseinandersetzungen mit anderen WISE-Mitgliedsunternehmen. WISE ist Ende der Siebzigerjahre gegründet worden und soll nach Eigendarstellung über 140.000 Unternehmen in 75 Ländern vereinen. Diese zahlen Gebühren für ihre Mitgliedschaft, gestaffelt nach Unternehmensgröße. Teilweise wird von einer Umsatzbeteiligung von 15 Prozent gesprochen.

In anderen Fällen – bei Unternehmen, die nicht dem WISE-Verband angehören, aber Scientology nahestehen – ist die Verbindung diffuser. Immobilieninvestor, Online-Marketing-Experte und Steuercoach Alex Fischer zum Beispiel sagte im Gespräch mit der WirtschaftsWoche, dass es für ihn etwas rein Persönliches sei, Scientologe zu sein. Fischer, der sich im Internet eine Fanbasis mit mehreren Hunderttausend Personen aufgebaut hat, hat immerhin die siebte von acht derzeit praktisch erreichbaren OT-Stufen erreicht. OT steht für Operating Thetan. Auf der höchsten Stufe, die über Audits und Trainings erreicht werden kann, sollen sich die Scientologen ein geistiges Selbst geschaffen haben, das nicht mehr den Begrenzungen des physischen Universums unterliegt. Auch US-Schauspieler Tom Cruise – eines der Aushängeschilder von Scientology – soll angeblich auf der siebten OT-Stufe stehen.

Nach Ansicht von Scientology-Beobachtern verschwimmen die Grenzen zwischen dem persönlichen und dem geschäftlichen Bereich bei Scientologen aber oft. Zwar seien viele Scientology-zugehörige Unternehmer grundsätzlich tatsächlich unabhängig. Doch durch den ständigen Druck von Scientology flösse am Ende viel Geld aus ihren Unternehmen an die Organisation. Zudem präge die Anhängerschaft sie stark. Oft bleibe es dann nicht bei einer reinen Privatsache. In vielen Fällen würden Mitarbeiter und Kollegen animiert, ebenfalls Trainings und Audits bei Scientology zu absolvieren. Sektenberatungsstellen berichten etwa, dass Scientology-zugehörige Unternehmer teils ihre Azubis mit Büchern von Hubbard versorgten und diese Scientology näherbringen wollten.

Bei einem Immobilienunternehmen, für das Steuercoach Alex Fischer früher als Vertriebsleiter aktiv war, gab es vor einigen Jahren ein Gerichtsverfahren: Eine Mitarbeiterin gab dabei an, sie sei mehrfach aufgefordert worden, sich auditieren zu lassen. Wer diesen Druck ausgeübt haben sollte, blieb in einem Zeitungsartikel zum Gerichtsverfahren offen. Darauf aktuell angesprochen bezeichnete Fischer diese Darstellung als falsch. Er habe noch nie Mitarbeiter gedrängt, Audits zu machen. Auch heute gibt es in Fischers direktem geschäftlichen Umfeld aber weitere Personen, die sich zumindest ein Mal haben auditieren lassen. Genauso gebe es aber viele Mitarbeiter, die nichts mit Scientology zu tun hätten, sagt Fischer. „Für mich ist nur entscheidend, dass die Leute einen guten Job machen.“ Was darunter zu verstehen ist, ist letztlich Auslegungssache.



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