EntscheidungsMacher Bescheidener Tüftler

Kaum ein Unternehmen profitiert so stark vom Boom der Elektromobilität wie der Chiphersteller Infineon – dank Konzernchef Reinhard Ploss.

Reinhard Ploss. Quelle: dpa

Es waren schwierige Zeiten für Infineon, damals im Jahr 2009. Die Finanzkrise hatte die Welt in Turbulenzen gestürzt und den Chiphersteller aus dem Münchner Süden mitgerissen. Geld war knapp. Der Konzern stoppte eine Reihe von Entwicklungsprojekten.

Zur Debatte stand damals auch das Geschäft mit Radarchips. Sie werden in autonom fahrenden Autos verbaut, in Abstandhalter oder Einparkhilfen. Eine Mehrheit im Infineon-Vorstand wollte das Feld aufgeben. Reinhard Ploss, damals noch zuständig für Entwicklung und das Automobilgeschäft, wehrte sich – und setzte sich durch: Die Radarchips blieben.

Eine weitsichtige Entscheidung. Heute verkauft Infineon jeden Monat mehr als zwei Millionen Radarchips. Mehr als 40 Prozent des Umsatzes von knapp 6,5 Milliarden Euro erzielt der Konzern mit Chips für die Autoindustrie. Die Quote dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen. Auch deshalb, weil in einem Auto mit Elektromotor Chips im Wert von mehr als 700 Dollar verbaut sind – in Autos mit Verbrennungsmotor sind es nur mehr gut 350. In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres konnte der Konzern im Bereich Elektromobilität doppelt so viel Neugeschäft für die kommenden fünf bis zehn Jahre gewinnen wie im gesamten Geschäftsjahr 2016.

EntscheidungsMacher

Der Halbleiterhersteller, den Ploss seit fünf Jahren als Vorstandschef führt, profitiert wie wenige andere Unternehmen von den Aktivitäten der Autobranche in puncto autonomes Fahren und E-Mobilität. Es war Ploss, der mit klugen Investitionen, Kooperationen (und Sturheit) die Weichen für den Erfolg stellte – und der deshalb als zweiter Topmanager für die Auszeichnung als EntscheidungsMacher 2018 nominiert ist.

Den Investoren gefällt Ploss’ Strategie. Der Kurs der Infineon-Aktie ist in den vergangenen fünf Jahren um rund 400 Prozent gestiegen. „Die Münchner sind der größte Profiteur des Elektromobilitätstrends“, bestätigt David Mulholand, Analyst der Schweizer Bank UBS.

Um an der rasanten Entwicklung auch in Zukunft teilzuhaben, will Ploss weiter investieren. Rund 35 Millionen Euro wird Infineon in seine Halbleiterfertigung im österreichischen Villach stecken; auch das Werk in Dresden soll profitieren. Zusätzlich setzt Ploss, der seit mehr als drei Jahrzehnten bei Infineon arbeitet, auf Kooperationen. Kürzlich hat das Unternehmen eine Zusammenarbeit im Bereich Halbleiter mit Volkswagen vereinbart. Schon vor eineinhalb Jahren begann Ploss eine Zusammenarbeit mit dem österreichischen Start-up TTTech. Das Unternehmen aus Wien entwickelt Steuerungen, unter anderem für Fahrerassistenzsysteme. Gerade hat der koreanische Technologiekonzern Samsung angekündigt, sich an dem Gemeinschaftsunternehmen beteiligen zu wollen.

Für Ploss ist klar: Die Zukunft der Mobilität ist elektrisch. Für 2020 rechnet der Infineon-Chef mit weltweit 5,6 Millionen Plug-in-Hybriden und 2,1 Millionen rein elektrischen Autos. Das wäre im Vergleich zu 2016 eine Verdreifachung. „Der Ausbau der Elektromobilität, insbesondere in China, bietet riesige Chancen für uns“, sagt Ploss.

Um den Erfolg, den er Infineon brachte, macht der gebürtige Franke wenig Aufhebens. Ploss studierte Verfahrenstechnik an der TU München und promovierte 1986 zum Ingenieur. Im selben Jahr begann er seine Laufbahn bei der Siemens AG, aus der 1999 Infineon hervorging.

Ploss blieb lange der stille Tüftler im Hintergrund. Bescheiden und unprätentiös kommt er daher, manche sagen blass und hölzern. Sein Vorgänger Peter Bauer konnte auch den großen, mitreißenden Auftritt. Er selbst kommt „sehr stark aus der Technologie“, sagt Ploss.

Seine große Leidenschaft sind Modellflugzeuge, an denen Ploss ganze Wochenenden herumtüfteln kann. Sie sind auch der Grund, warum in seiner Garage noch kein Elektroauto steht – der Kofferraum ist zu klein für die Flieger. Seine Frau indes will sich demnächst ein E-Auto zulegen.

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