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Erfolgreich im Job Wann Arroganz gut für die Karriere ist

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Wo Arroganz anfängt, ist umstritten

Wo Arroganz genau anfängt, ist ebenfalls umstritten. Autor Turunen schreibt nur: „Gesundes Selbstvertrauen wächst sich leicht zu krankhafter Überheblichkeit aus.“ Selbstbewusstsein ist also die Vorstufe zur Arroganz, Selbstüberschätzung ihre fatale Steigerung.

Während sie früher meist dem Adel zugeschrieben wurde, finden sich große Egos und distanzwahrende Souveränität heute, in einer Zeit ohne das System gesellschaftlicher Klassen, vor allem in Unternehmen. Kein Wunder: „Hierarchie ist der perfekte Nährboden für Arroganz“, sagt Astrid Schütz, Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Bamberg. Denn sie entsteht vor allem dort, wo Rangordnungen akzeptiert, ja sogar notwendiger Teil des Systems sind. „In einer egalitären Gesellschaft wäre der Überhebliche hingegen ein Sonderling.“

Das sind die dunklen Triebkräfte der Top-Performer
Gier – Genug kann nie genügenGier ist gut, wenn sie uns davor bewahrt, uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen. Gier ist ein Gegengift gegen Trägheit und satte Selbstzufriedenheit. Gefährlich wird der Trieb, wenn er maßlos und blind für Risiken macht und wenn Gier zu Grenzverletzungen und zu Missachtung elementarer menschlicher Werte führt. Gegenmittel: „Nicht alle Kritiker aus seiner Umgebung verbannen“, rät der Psychologe Rolf Schmiel in seinem Buch „Senkrechtstarter“, das heute im Campus-Verlag erscheint. Sich regelmäßig mit (mindestens) einem Vertrauten außerhalb der Geschäftswelt austauschen. Die eigene „rote Linie“ definieren. Quelle: Getty Images
Zorn – Dir zeig ich`s!Zorn ist gut, weil er Flügel verleihen kann - den Mut, bisherige Grenzen zu überschreiten und das Durchhaltevermögen, sich auf einen langen Weg zu machen. Ein glimmendes Zornesfeier kann ein PS-starker Erfolgsmotor sein. „Gefährlich wird der Trieb, wenn er blind macht und in jähe Aggression gegen andere umschlägt. Oder wenn er innerlich vergiftet, destruktiv wird, die Lebensfreude vergällt“, so Rolf Schmiel. Er rät als Gegenmittel, sich positive Vorbilder und Verbündete zu suchen. Vor allem aber sollte man darauf achten, dass man sich nicht aus der eigenen Verantwortung stiehlt. Schmiel: „Nicht jeder hat die gleichen Startchancen, aber jeder hat es selbst in der Hand, wie gut und wie schnell er vorwärts kommt.“ Quelle: Getty Images
Neid – Das will ich auch!Neid ist gut, sagt der Psychologe. Und zwar weil er unsere Aufmerksamkeit auf außergewöhnliche Erfolge lenkt und uns inspirieren kann, „groß“ zu denken. Aus Neid entsteht Kraft, wenn man dem Beneideten nacheifert – so ist der Trieb ein wirksamer Motivator. Gefährlich wird Neid, wenn er in Missgunst umschlägt, die dann entsteht, wenn wir überzeugt sind, das Beneidete selbst nicht erreichen zu können. Gegenmittel? Selbstreflexion – Wen beneiden Sie und warum? Stecken dahinter verborgene Wünsche? Überlegen Sie, was sie dafür tun können und übersehen Sie nicht welchen Preis der Beneidete für seinen Erfolg gezahlt hat. Denn: Mitleid bekommen Sie bekanntermaßen geschenkt, Neid müssen Sie sich verdienen. Quelle: Getty Images
Selbstsucht – So what, I'm God!Gut ist die Selbstsucht laut Schmiel, weil sie uns auf Kurs hält und verhindert, dass wir Dinge tun, nur um anderen zu gefallen. Selbstsucht, so der Psychologe, ist ein Mittel gegen das Sichverbiegen aus Gefälligkeit. Selbstsucht verhindert, dass wir von anderen „gelebt werden.“ Gefährlich wird es allerdings, wenn wir über Leichen gehen und einsam und verbittert werden. Gegenmittel: Erleben Sie regelmäßig die Freuden der Großzügigkeit und machen Sie sich klar, wer im Leben wichtig ist und wo man Kompromisse eingehen möchte. Widerspruch ertragen gehört für den Psychologen genauso dazu wie die Notbremse ziehen zu können, sobald man Zynismus und Menschenscheu entwickelt. Quelle: Getty Images
Skrupellosigkeit – Erfolg um jeden PreisSkrupellosigkeit ist gut, wenn sie Menschen befähigt, Risiken und emotional belastende Situationen auszuhalten und notwendige Entscheidungen zu treffen. Gefährlich wird sie, wenn sie ohne jedes Korrektiv bleibt und in kriminelle und menschenverachtende Machenschaften abgleitet. Um das zu verhindern, empfiehlt Schmiel, sich ein Umfeld zu schaffen, dass einen vor sich selber schützt. „Vermeiden Sie es, sich nur noch mit kritiklosen Bewunderern zu umgeben und suchen Sie sich professionelle Hilfe, wenn Sie beginnen, große Sympathien für die Gekkos und Gökers dieser Welt zu hegen.“ Quelle: Getty Images
Wollust – The Winner takes them all!Wenn wir sie im großen und ganzen beherrschen, dann ist Wollust gar nicht mal so schlecht, findet Rolf Schmiel. Die Sublimierung sexueller Wünsche ist ein starker Antrieb, der uns sehr erfolgreich machen kann. Gefährlich wird die Wollust, wenn sie uns beherrscht statt wir sie und sie so unsere Urteilsfähigkeit schwächt und uns zu unüberlegtem, gefährlichem Handeln veranlasst. Dagegen arbeiten lässt sich, wenn man seine Energie kanalisiert und sich andere Spielfelder sucht. Der Psychologe rät: „Nehmen Sie professionelle Hilfe in Anspruch, wenn Sie merken, dass Ihnen das misslingt.“ Quelle: Getty Images
Arroganz – Eure Armut kotzt mich an!Arroganz erlaubt die Fokussierung eigener Vorhaben und schlägt Zeit - und Kraftdiebe in die Flucht. Sie ist gut, wenn sie unabhängig macht; im Kopf und vom Beifall anderer. Steigert sie sich allerdings zu Selbstüberschätzung und Selbstherrlichkeit, ist Vorsicht geboten. Meiden Sie Isolation und Selbstbezogenheit. „Selbst Könige hatten Hofnarren, damit ihnen zumindest einer wiederspricht. Wen haben Sie?“, fragt Psychologe Schmiel. Quelle: Getty Images

In hierarchisch geprägten Chefetagen ist er das nicht. Natürlich träumen Angestellte von einem netten und verständnisvollen Chef, der ihnen zuhört und sie für ebenbürtig hält: „Das ist Wunschdenken“, sagt Psychiater Lammers, „und selten zu realisieren.“ Er hat von Berufswegen häufig mit Narzissten zu tun, viele von ihnen sind beruflich sehr erfolgreich. Deshalb glaubt er: „Eine gewisse Arroganz gehört leider zum Geschäft.“ Topmanager müssten ständig Anfeindungen und Auseinandersetzungen standhalten. „Nur wenn jemand besonders von sich überzeugt ist, bricht er unter dem Druck nicht zusammen.“ Vor allem bei Gründern sei eine gewisse Selbstüberschätzung nötig, sagt auch Astrid Schütz. „Würden alle ihr Können zu zaghaft einschätzen, gäbe es keine Innovationen.“

Gesundes Selbstbewusstsein ist beim beruflichen Aufstieg hilfreich

Bestes Beispiel ist Oliver Samwer, CEO der Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet. Er hat zahlreiche Online-Start-ups wie Zalando groß gemacht. Deshalb steht Samwer auch dazu, dass er sein Geschäftsmodell für ziemlich clever hält. Bei Bedarf gerne öffentlich: „Geschäfte sind Mittelalter. Sie wurden nur gebaut, weil es kein Internet gab“, sagte Samwer im Juni 2014 beim Konsumgüterforum CGF. Unter den Zuhörern: Metro-Chef Olaf Koch und sein französisches Pendant, Carrefour-CEO Georges Plassat. „Sie verstehen das nicht“, fuhr er fort, „weil Sie zu alt sind und zu alte Kunden befragen.“

Ob der Unternehmer ohne ein großes Ego überhaupt so weit gekommen wäre? Fraglich. Zweifelsohne ist ein gesundes Selbstbewusstsein beim beruflichen Aufstieg hilfreich. Wer sich selbst für besonders intelligent und mächtig hält und das entsprechend selbstbewusst vermittelt, wird von seinen Mitmenschen ebenso wahrgenommen – egal, ob es um Angestellte oder Investoren geht. Mit Arroganz lassen sich Schwächen übertünchen und das Umfeld einschüchtern.

Selbstüberschätzung

Zu diesem Ergebnis kamen auch Forscher der Universität in Berkeley, die 2012 die Geografiekenntnisse von 76 Studenten testeten. Jeder von ihnen sollte auf einer Karte ohne Bundesstaatsgrenzen 15 US-Städte markieren und anschließend sein eigenes Wissen einschätzen. In einer zweiten Runde wiederholten die Studenten das Experiment, diesmal in Paaren. Danach sollten sie die Fähigkeiten ihres Partners bewerten. Das Ergebnis: Wer sich selbst überschätzte, dem traute auch sein Gegenüber mehr zu.

Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie an der LMU München, spricht in diesem Kontext von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. „Wenn man permanent demonstriert, wie toll man selbst ist und wie mittelmäßig die anderen sind, kann das im Job hilfreich sein, vor allem in Konzernen.“

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