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Essay Gefangene der Macht

Harun al-Raschid, Beherrscher aller Gläubigen, schlich von Zeit zu Zeit als Bettler durch die Gassen. Roland Tichy erklärt, warum Spitzenpolitiker und Top-Manager das auch tun sollten.

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Illustration Mann wird auf einem Thron getragen Quelle: Illustration: Thomas Fuchs

Der Kalif von Bagdad wollte ungefiltert hören, was die Menschen in der Hauptstadt seines Reichs dachten – von ihm und ihrem Leben. Graf Potemkin geleitete seine Geliebte und Kaiserin Katharina die Große durch ein Russland prächtiger Dörfer und stolzer Städte – Kulissen, die den Blick auf das Elend der Bürger verbargen.

Auch im zerbröselnden Ostberlin strahlten manche Häuserfassaden weiß und verputzt – allerdings nur bis zum ersten Stock. Darüber zeugten Einschusslöcher der Maschinengewehrgarben noch von der Schlacht um Berlin. Doch so weit konnte Erich Honecker, wenn er mit Hütchen im weichen Citroën-Polster saß und auf der amtlich festgelegten Protokollstrecke chauffiert wurde, schon nicht mehr blicken – die Realität war außerhalb seines Blickfelds. Und das, was er sah, die Schminke auf dem Elend.

Ob im orientalischen Kalifat des 8., im russischen Zarenreich des 18. oder in der ostdeutschen Diktatur des 20. Jahrhunderts: Macht weitet den Blick nicht, sondern verengt ihn. Und gute Ratgeber mutieren zu falschen Ja-Sagern.

So viel bekommen die Dax-Chefs nach der Karriere
Platz 12: Karl-Ludwig Kley (60)Für Karl-Ludwig Kley hat der Pharma- und Chemieunternehmen Merck 7 Millionen Euro angespart. Kleys hat sein Mandat im Vorstand seit 4 Jahren, in jedem Jahr wird im Schnitt 1,8 Millionen Euro zurückgelegt. Kley ist aktuell als künftiger Präsident des Chemieverbandes VCI im Gespräch. Quelle: dpa
Platz 11: Reto Francioni (56)Der Chef der Deutschen Börse hat 8,2 Millionen Euro in seinen fünf Jahren als CEO angesammelt. Im Schnitt kamen jedes Jahr 1,6 Millionen Euro hinzu. Francioni hat im vergangenen Jahr mit dem Versuch, die Nyse Euronext zu übernehmen, für einen Coup gesorgt. Allerdings stehen die Zeichen schlecht. Quelle: dpa
Platz 10: Michael Diekmann (57)Deutschlands größter Versicherungskonzern sichert Michael Diekmann vorzüglich ab. Der Allianz-Chef ist seit zwölf Jahren im Vorstand, dafür wurden ihm 8,3 Millionen Euro angerechnet. Der Konzern blickt dagegen auf ein hartes Jahr zurück. Der Umsatz ist gesunken, das operative Ergebnis stagniert. Michael Diekmann sprach von einem „soliden Ergebnis“. Quelle: dapd
Platz 9: Johannes Teyssen (52)Der Jüngste im Manager-Dutzend arbeitet seit 7 Jahren in der Chefetage von Eon. Dafür hat der Stromkonzern, der sich gerade mit einem brasilianischen Versorger verbündet, 8,6 Millionen Euro an Rückstellungen angehäuft. Trotz der jüngsten Sparmaßnahmen bei Eon waren das im Durchschnitt 1,2 Millionen Euro pro Jahr. Quelle: Reuters
Platz 8: Nikolaus von Bomhard (55)Für den Vorstandsvorsitzenden des weltweit größten Rückversicherers flossen in einem Jahrzehnt 9 Millionen Euro in die Pensionskasse, macht 900.000 in jedem Jahr. Der Manager ist seit 26 Jahren bei der Münchener Rück. Der Konzern hat ein schweres Jahr hinter sich, ausgelöst durch die Erdbeben in Japan und Neuseeland oder die Skandale der Tochter Ergo. Quelle: dpa
Platz 7: Wolfgang Reitzle (62)Er gilt als Lenker mit Marktkenntnis und einem ausgezeichneten Gespür für Menschen. Darum setzt Linde schon seit 9 Jahren auf Wolfgang Reitzle im Vorstand. Der Konzern, Spezialist für Industriegase, stellte insgesamt 9,6 Millionen Euro für Reitzle zurück. Das jährliche Mittel liegt bei 1,1 Millionen Euro. Der Erfolg gibt ihm recht: Als Reitzle 2005 zu Linde kam, lag der Aktienkurs bei 30 Euro, heute beträgt er 119 Euro. Quelle: dpa
Platz 6: Wolfgang Mayrhuber (64)Bis Ende 2010 führte Wolfgang Mayrhuber die Lufthansa. Dabei kamen 11,3 Millionen an Altersvorsorge zusammen, durchschnittlich 1,3 Millionen jedes Jahr. Der 64-Jährige ist mittlerweile Aufsichtsratsvorsitzender bei Infineon, obwohl ihm Erfahrungen im internationalen Halbleitergeschäft fehlen. Quelle: dpa

Geschönte Wahrheit

Auch demokratisch gewählte Regierungschefs sind vor Erblindung im Amt nicht sicher: Helmut Schmidt ließ sich als Weltökonom feiern, bis er wegen wachsender Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und Inflation aus dem Amt gejagt wurde. Nachfolger Helmut Kohl lehnte die Zusammenarbeit mit dem Apparat des Kanzleramts ab, um nicht in die Falle vorgefertigter Wahrheiten zu tappen.

Ohne Begleitschutz ging er zur nahen Wurstbude und kam mit fünf Rentnerinnen im Schlepptau ins Kanzleramt zurück. Das beunruhigte die Sicherheitsbeamten, die unter jedem Stützstrumpf ein Maschinengewehr der RAF fürchteten. Mehr noch musste die Rentenabteilung die Eindrücke aus dem wirklichen Leben fürchten, die den Kanzler so ungefiltert erreichten. Zum Ende seiner Kanzlerschaft aber, getäuscht vom übermächtigen Selbstbild eigener Wichtigkeit, nahm auch Kohl nicht mehr wahr, dass sich der Blick auf ihn gewandelt hatte.

Kein Platz mehr im Terminkalender

Dabei beginnen Regierungsperioden, egal, ob bei Ludwig Erhard oder Gerhard Schröder, meist damit, dass Gelehrte und Empfindsame zu langen Gesprächen eingeladen werden. Schon nach wenigen Monaten ist dafür kein Platz mehr im Terminkalender, weil Krisen zu bewältigen sind, die sich bald zu Krisen der Wahrnehmung auswachsen.

Der Blick auf die Lebenswirklichkeit verengt sich auf den Ausschnitt aus dem Bullauge des Hubschraubers. Oder auf die vermittelte Wahrheit der gefilterten Vorlagen aus den Amtsstuben. Manche ringen um einen Notausgang in die Wirklichkeit – wie etwa Wolfgang Schäuble als Chef des Bundeskanzleramts. Er hält gegen jeden Rat an seinem zeitraubenden Bundestagsmandat fest, um sich so Basiskontakt zu bewahren.

Gefangene der Macht

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Auf einer dieser Exkursionen in die Wirklichkeit wird er zum Krüppel geschossen; das Messer, das wenige Monate vorher nur um Millimeter die Halsschlagader von Oskar Lafontaine verfehlte, war im Blumenstrauß einer Verehrerin versteckt. Die schlimmsten Folgen des Terrorismus sind die stählernen Sicherheitskäfige, in denen Top-Politiker zu Gefangenen ihrer Macht werden und nur noch einer ausgesuchten Schein-Öffentlichkeit begegnen – bis sie abgewählt und ersetzt werden.

Nicht durch Klügere. Sondern durch Noch-Sehende mit der temporären Überlegenheit des noch ungetrübten Blicks. Daher ist die Demokratie, die der Selbsttäuschung periodisch ein jähes Ende setzt, der Diktatur überlegen, deren vorerst letzte Reinstformen in Kuba (halsstarriger Greis) und Nordkorea (juveniller Trottel) zu studieren sind.

Auch in Unternehmen knetet der Hofstaat Zahlen so lange, bis sie den Erwartungen des Chefs entsprechen. Vorstandschefs sind meist kluge, neugierige, unkomplizierte und unprätentiöse Persönlichkeiten – Eigenschaften, die dem Hofstaat gefährlich werden und die er zu verändern sucht. Nichts ist so gefährlich wie Neugierde aus dem Vorstandsbüro oder direkte Kontakte mit der operativen Ebene.

Die wichtigsten Regeln wider den Machtmissbrauch

Schmeichelei der Buckelnden

Nichts hassen Apparate, egal, ob in Politik oder Unternehmen, so sehr wie Veränderungen – wächst doch die Bedeutung der Apparate mit der Komplexität und der Abgehobenheit des Chefs, die sie selbst erzeugen und kultivieren. Irgendwann erliegt selbst der bescheidenste Boss ihrer Schmeichelei und fühlt sich so allmächtig, wie es die Buckelnden um ihn herum glauben machen.

Auch im Zeitalter der globalen Ökonomie gilt daher des alten Fürsten Machiavelli Rezept – Grausamkeiten sofort, später ist zu spät. Deshalb konnte Jürgen Schrempp den verlustmaximierenden „integrierten Technologiekonzern“ zum erfolgreichsten Autobauer zurückschneiden und die Büro-Holding in einem Putsch entmachten – und scheiterte daran, dass er zu lange an Chrysler festhielt.

Pippi-Langstrumpf-Welt

Ex-Bahn-Chef und Air-Berlin-CEO Hartmut Mehdorn ist ein brillanter Kopf und zupackender Typ. Sein Küchenkabinett aber von serviler Mittelmäßigkeit, das sein sympathisch-undiplomatisches Poltern verstärkt – um ihn gegen die Wand knallen zu lassen. Im 40. Stockwerk seines Posttowers in Bonn mit freiem Blick auf den Kölner Dom mag sich Klaus Zumwinkel unersetzbar gefühlt haben im Triumph seiner Erfolge – und wurde von einer neidischen Politik in einem Höllensturz ohne Beispiel abserviert.

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Hätte er es wissen können? In abhörsicheren Konferenzsälen überhört man leicht das Knirschen im Gebälk und glaubt zu gern den Präsentationen, die eine realitätsferne Pippi-Langstrumpf-Welt zeigen.

Harun al-Raschid hätte den Überbringer einer solchen Power-Point-Show vermutlich geköpft.

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