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Ex-Offiziere auf dem Arbeitsmarkt „Die Wirtschaft könnte von jungen Offizieren profitieren“

Was kommt nach der Dienstzeit? Soldaten, wie diese des Logistikbataillons 171 in Burg (Sachsen-Anhalt), sind auch für den Einsatz in der Wirtschaft gut gerüstet

Seit der General Carsten Breuer die Leitung des Coronakrisenstabs übernommen hat, fragen sich viele: Was macht ehemalige Offiziere für die Wirtschaft interessant? Und sollten Bundeswehr und Arbeitgeber enger zusammenarbeiten? Antworten von einem Personalberater.

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Nicolas von Rosty leitet seit vergangenem Januar das Deutschlandgeschäft der Personalberatung Heidrick & Struggels. Dabei kümmert sich der erfahrene Headhunter vor allem um die Besetzung von Vorstandspositionen und Aufsichtsratsposten. Zuvor war er Deutschlandchef bei Spencer Stuart. 

WirtschaftsWoche: Herr von Rosty, der neue Coronakrisenstab der Bundesregierung steht unter Leitung eines Generals. Was haben Sie gedacht, als Sie davon gehört haben?
Von Rosty: Naheliegend und höchste Zeit. Wir haben bereits in einigen anderen Ländern gesehen, dass die Krisenbewältigung unter der Leitung von Berufssoldaten gut vorangekommen ist. 

Sie meinen zum Beispiel in Italien und Portugal?
Ja, aber auch etwa in Israel. Dort durchläuft jeder Bürger und jede Bürgerin, außer den orthodoxen Juden, eine dreijährige Militärausbildung. Die dort gewonnen Kenntnisse bringen sie natürlich auch sehr stark in die Wirtschaft ein. In Israel wird also jede Firma im Prinzip von einem ehemaligen Soldaten geleitet.

Und das sehen Sie positiv?
Durchaus. Schauen Sie sich etwa die florierende Start-up-Szene dort an. Die basiert auch darauf, dass die Soldaten zum einen exzellent im Programmieren ausgebildet werden und zum anderen beim Militär lernen, mutig Entscheidungen zu treffen.

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    Nicolas von Rosty leitet das Deutschlandgeschäft der Personalberatung Heidrick & Struggels. Quelle: PR

    Inwiefern gehört es denn zur Ausbildung bei der Armee schnelle Entscheidungen zu treffen?
    Bei der militärischen Ausbildung, egal ob in Israel oder in Deutschland, lernen die Soldaten Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie nur 70 Prozent der Informationen haben, denn das ist im Gefecht meist die Realität. Und dann ist es oftmals sinnvoller irgendetwas zu tun als abzuwarten. Das ist wie bei einem Autounfall. Viele helfen Verletzten nicht, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Dabei lernt jeder im Erste-Hilfe-Kurs, dass alles besser ist als einfach nur abzuwarten. Und genau das lernen die angehenden Offiziere in jeder Übung, die sie absolvieren.

    Welche Fähigkeiten würden Sie als Personalberater den Berufssoldaten noch zuschreiben, die gerade in einer  Krisensituation hilfreich sind?
    Die Kommunikation ist immer eindeutig. Wenn eine Entscheidung gefallen ist, wird diese auch sehr deutlich kundgetan.

    Sie meinen, es wird ein Befehl erteilt.
    Nein. Die Bundeswehr funktioniert schon lange nicht mehr über Befehl und Gehorsam. Dieses Vorurteil hält sich hartnäckig. Die Soldaten sind hochspezialisierte Experten, deren Wissen in Entscheidungen einfließt. Die Kommunikation ist dennoch sehr klar. Und wenn es wirklich zu einer Notsituation kommt, in der keine Zeit für eine Diskussion bleibt, hilft natürlich auch die Durchsetzungsstärke des Offiziers. Außerdem sind fast alle Generäle auch hervorragende Logistiker.

    Woher kommt das?
    In einer Gefechtslage ist es mit das Wichtigste, dass der Nachschub funktioniert.

    Ebenso wie in der Industrie. Was macht die Logistikausbildung in der Bundeswehr so besonders?
    Die Soldaten trainieren in Truppenübungen ständig den Ernstfall. Das heißt, wie schaffe ich es auch unter Druck mit begrenzten Ressourcen handlungsfähig zu bleiben. Sie entwickeln dafür Szenarien – auch für Situationen, die so niemals eintreffen werden. Aber das weiß man im Vorfeld nicht. Deshalb haben Soldaten immer einen Plan B, C und D in der Tasche. Was übrigens auch in der Wirtschaft immer wichtiger wird.

    Inwiefern?
    Die Zeiten, in denen ein Unternehmen seine Planung auf Jahre machen konnte, sind vorbei. Sie wissen heute nicht, wie lange die Inflation anhalten wird, wie es im kommenden Jahr mit den Lieferengpässen weitergeht. Auch Unternehmen müssen hier stärker als früher auf Szenarien setzen.

    Also genau der richtige Zeitpunkt, um sich ehemalige Berufssoldaten ins Unternehmen zu holen?
    Viele Konzerne machen das ja schon sehr gezielt. Die Deutsche Bahn, die Post, Amazon. Gerade im Bereich Logistik hat sich die hohe Qualität der ehemaligen Offiziere schon herumgesprochen.

    Wie sieht es in anderen Branchen aus?
    Die Bundeswehr fristet immer noch ein Schattendasein. Das hängt natürlich mit der deutschen Geschichte zusammen. Hierzulande ist die Haltung gegenüber dem Militär insgesamt eher ablehnend. Außerdem ist die Bundeswehr seit der Abschaffung der Wehrpflicht noch weniger in der Gesellschaft verankert. Damit sehen viele Arbeitgeber nicht, welches Potenzial ehemalige Soldaten mitbringen. Eine engere Verzahnung zwischen Bundeswehr und Wirtschaft wäre sicherlich eine Win-Win-Situation.

    Warum?
    Die Bundeswehr könnte damit werben, dass ihre Soldaten nach der Dienstzeit auch in der Wirtschaft hervorragende Chancen haben. Das wäre sicherlich für viele junge Menschen ein Argument, sich zu verpflichten. Auf der anderen Seite könnte die Wirtschaft von den jungen Offizieren profitieren.



    Wegen der eben genannten Fähigkeiten.
    Nicht nur deswegen. Wer bei der Bundeswehr eine Offizierslaufbahn einschlagen möchte, muss ein hartes Auswahlverfahren durchlaufen. Das ist für die Unternehmen schon eine gute Selektion. Außerdem sind sie permanentem Feedback ausgesetzt und müssen bereit sein, ständig an sich zu arbeiten. Wer das nicht tut, hat bei der Bundewehr keine Chance. Und die Abgänger sind noch extrem jung.

    Was meinen Sie damit?
    Wenn sich jemand nach dem Abitur für 12 Jahre verpflichtet, ist er nach seiner Dienstzeit 30 Jahre alt. Sie haben dann meist schon signifikante Führungsverantwortung übernommen. Jemand der direkt von der Schule zur Universität wechselt, kann das in dem Alter selten nicht von sich behaupten. Außerdem erhalten Soldaten eine exzellente Ausbildung gerade in technischen Bereichen, was sie für Unternehmen in der Luft- und Raumfahrt sowie der Rüstungsbranche natürlich interessant macht. Aber nicht nur.

    Sondern?
    Ein Beispiel ist unser gerade erfolgtes CFO-Placement beim Armaturenhersteller Hansgrohe mit einem ehemaligen Berufsoffizier und Marinetaucher.

    Womit konnte der besonders punkten?

    Nach seiner Zeit als Marineoffizier war er in verschiedenen Unternehmen, die sich in schwierigen Situationen befanden, als CFO tätig und hat seine Fähigkeit, auch in stürmischen Gewässern die Ruhe zu bewahren und Kurs zu halten, unter Beweis gestellt.

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    In Ihrer Kartei finden sich allerdings sicherlich kaum Soldaten, die gerade frisch von der Bundeswehr kommen.
    Nein, um eine Führungsposition auf diesem Level zu erreichen, müssen auch ehemalige Offiziere sich auf die Herausforderungen der zivilen Wirtschaft einstellen.

    Welche sind das?
    Sie müssen ihre Sprache anpassen. In der Armee ist die Kommunikation häufig sehr verkürzt und beschränkt sich auf das Wesentliche. Das kommt bei zivilen Kollegen oder Mitarbeitern aber nicht gut an und wird als unhöflich wahrgenommen. Da spielt auch mit rein, dass heutzutage ein empathischer Führungsstil gefragt ist, der nicht unbedingt zur Kernkompetenz der ehemaligen Offiziere gehört. Außerdem lernen sie in ihrer militärischen Ausbildung kaum wirtschaftlich zu denken. Kommerzielle Überlegungen spielen dabei keine Rolle. Auch die Kreativität, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und vom Kunden her zu denken, das sind Aspekte, die später trainiert werden müssen.

    Können ehemalige Berufssoldaten diese Denkweisen dann überhaupt noch erlernen, wenn ihre Dienstzeit abgelaufen ist?
    Ja, natürlich. Wie eben schon erwähnt, sind viele Ex-Offiziere noch sehr jung, wenn sie die Truppe verlassen. Wer danach eine Karriere in der Wirtschaft anstrebt, ist allerdings gut beraten, wenn er in ein gutes Coaching investiert oder einen MBA draufsattelt.

    Mehr zum Thema: Den neuen Coronakrisenstab, den die Ampelregierung einsetzen will, wird Generalmajor Carsten Breuer leiten. Er soll entschlosseneres Handeln und eine bessere Koordination bringen. Viele Länder setzen in der Coronakrise bereits auf Soldaten. Warum? Und können Manager in Krisenzeiten von ihnen lernen? 

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