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Fachkräftemangel Der Fachkräftemangel ist ein Mythos

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Recruiter müssen kreativer werden

Solche Telefonate brachten Fiehler auf eine Idee. Zwischen Weihnachten und Neujahr veranstaltet die IHK Dresden seit 2014 mit der Handwerkskammer und dem Landkreis Bautzen Treffen zwischen rückkehrwilligen Pendlern und Betrieben, die vom Personalmangel gebeutelt sind. Rund 1600 Arbeitnehmer und 120 Unternehmen fanden sich in den folgenden drei Jahren ein – „doch daraus ist nur eine Handvoll Arbeitsverträge entstanden“, sagt Fiehler. Sieht so Fachkräftemangel aus?

Das fragt sich von Zeit zu Zeit auch Carolin Unger. Die 38-Jährige leitet das Personalmarketing und Recruiting beim Technologieunternehmen Rohde & Schwarz, das unter anderem Rundfunksendetechnik und Körperscanner für Flughäfen herstellt. Natürlich sei es schwieriger als noch vor einigen Jahren, geeignete Arbeitskräfte zu finden. Eine echte Bedrohung kann sie aber nicht erkennen: „Wer seine Hausaufgaben macht, findet ausreichend Arbeitskräfte.“

Erstens gehe es darum, auf die Bedürfnisse der Beschäftigten einzugehen und sie an das Unternehmen zu binden. „Zufriedene Mitarbeiter machen die beste Werbung“, sagt Unger. Zweitens müsse Rohde & Schwarz bei der Suche nach besonders gefragten Nachrichtentechnikern und Softwareentwicklern kreativ werden. Im März 2017 etwa lockte das Familienunternehmen auf der Cebit mit einem Cybersecurity-Quiz junge Informatiker an seinen Stand. Darin mussten die Teilnehmer gegen einen Hacker antreten und möglichst viele Fachfragen richtig beantworten. 450 Talente machten mit, 110 unterhielten sich im Anschluss mit Mitarbeitern über das Unternehmen. „Mit solchen Aktionen werden Sie bei der Zielgruppe sichtbar“, sagt Unger.

Trotzdem setzen nur wenige Mittelständler auf solche kreativen Methoden. Schade eigentlich, findet Martin Gaedt. Der Berater und Autor veranstaltet seit Jahren Seminare darüber, wie Unternehmen an die scheinbar nicht vorhandenen Fachkräfte kommen. „Arbeitgeber bringen Bewerbern immer noch nicht genügend Wertschätzung entgegen“, resümiert Gaedt. Die Bewerbungsverfahren dauerten zu lange – und wenn die Personaler Bewerbern überhaupt mal eine Absage schickten, fielen die zu pauschal aus und seien damit wenig hilfreich: „Ein schlecht behandelter Kandidat bewirbt sich kein zweites Mal.“ Zudem würden Unternehmen manche Personengruppen schlicht ignorieren, sagt Gaedt: Hunderttausende Studienabbrecher zum Beispiel, Arbeitskräfte aus dem EU-Ausland oder Eltern, die in den Beruf zurückwollen.

Der Bewerber wertschätze und annehmbare Konditionen biete, habe gute Chancen, die richtigen Angestellten zu finden. Darunter versteht Gaedt weder kostenlose Müslibars, Betriebskitas oder teure Firmenwagen, sondern mitunter so profane Dinge wie einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Denn trotz angeblicher Personalengpässe tun sich deutsche Unternehmen offenbar schwer, Mitarbeitern von Anfang an eine langfristige Perspektive zu bieten. 2018 erhielten nach Angaben der Bundesregierung vier von zehn der neu eingestellten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen befristeten Arbeitsvertrag. Wäre es nicht besser, die hart umworbenen Arbeitskräfte möglichst eng an sich zu binden, sobald man sie erfolgreich angelockt hat?

Manche Fachkräfte wollen darauf offenbar nicht länger warten. Darauf deuten Zahlen des Statistischen Bundesamtes. 2018 haben netto 60.000 Deutsche die Bundesrepublik verlassen – viele, um im Ausland ihr Arbeitsglück zu finden.

Einer von ihnen ist Tom Völler. Der 27-jährige Mediziner forscht derzeit an der ETH Zürich; nach Ablauf seines Dreijahresvertrags will er zum Facharzt aufsteigen. Ob er dafür nach Deutschland zurückkehrt? Unklar. „Ich gehe dorthin, wo ich die besten Konditionen bekomme“, sagt der Familienvater. Dazu gehören für ihn neben einer Kinderbetreuung geregelte Arbeitszeiten und weniger Bürokratie. „Ich will als Arzt arbeiten“, sagt Völler, „nicht als Krankenhausorganisator.“ In Deutschland müssten Ärzte häufig Aufgaben übernehmen, die nichts mit der medizinischen Ausbildung zu tun hätten: Befunde anfordern, Verlegungen organisieren. In Großbritannien, nur zum Beispiel, würden derlei Arbeiten von Clinical Case Managern übernommen. Den Ärzten bliebe so mehr Zeit für ihre eigentliche Tätigkeit. Bürokratie, unzählige Überstunden und hohe Arbeitsbelastung sind die Hauptgründe, warum jährlich etwa 2000 Ärzte die Republik verlassen.

Und was wurde aus Ingenieur Stegitz? Nun – auch der steht dem deutschen Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung. Ein Headhunter vermittelte ihm einen neuen Job in der Schweiz. Nicht trotz seiner Erfahrung. Sondern ihretwegen.

Dieser Artikel wurde erstmals im November 2017 in der WirtschaftsWoche veröffentlicht und am 16.12.2019 redaktionell aktualisiert.

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