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Flache Hierarchie, viel Zusammenhalt Piraten als Vorbilder für Manager – echt jetzt?

Der britische Pirat Blackbeard (Edward Teach) galt Anfang des 18. Jahrhunderts als einer der gefürchtetsten Piraten der Welt. Seit dem 21. Jahrhundert sehen ihn manche Berater und Forscher als Vorbild für Manager. Quelle: imago images

Mal können Firmenchefs von Spitzensportlern eine Menge lernen, mal von Piloten. Ausgerechnet Parallelen zu den gefürchtetsten Piraten der Geschichte sollen jetzt lehrreich sein. Was davon zu halten ist.

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Auf hoher See galten sie als blutrünstige Räuber. Sie plünderten Schiffe, warfen ihre Gefangenen über Bord. In der Gruppe tranken sie hemmungslos, prügelten und spielten um die Wette. Wer gerne in diesen Stereotypen denkt oder kein Managementforscher ist, würde wohl kaum auf die Idee kommen, in Seeräubern tatsächlich Vorbilder für heutige Firmenchefs zu sehen. Oder die chaotische Bande als Paradebeispiel für Zusammenhalt in der Belegschaft eines Mittelständers zu begreifen.

Bisher waren es zumeist Spitzensportler, Fußballtrainer oder Piloten, mal auch Philosophen und Affen, die als Vorbilder für Firmenchefs herhalten mussten. Der neueste Schrei scheinen nun Piraten-Vergleiche zu sein. Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Peter Leeson untersuchte bereits die Ökonomie der Piraten in seinem Buch „The invisible Hook“ (deutsch für „der unsichtbare Haken“, in Anlehnung an Adam Smiths „unsichtbare Hand“). Die Verhaltensforscherin Francesca Gino ging in diesem Jahr einen Schritt weiter und verbreitete ihren Erklärungsversuch für die Parallelen zwischen Piraten und Managern in einem Beitrag auf dem Karrierenetzwerk LinkedIn, wo sie Edward Teach als Vorbild für Firmenlenker inszenierte. Teach (oder Thatch) ist besser bekannt – und vor allem berüchtigt – als britischer Pirat Blackbeard. Statt Firmen steuerte Blackbeard Anfang des 18. Jahrhunderts gekaperte Schiffe durch unruhige Gewässer, posierte mit Pistolen und Messern. Ausgerechnet der gefürchtetste Seeräuber der damaligen Zeit soll als Vorbild für den CEO eines Konzerns herhalten.

Zukunftsorientierte Verbrecher?

„Wir assoziieren Piraten mit Gewalt, Diebstahl und Chaos – das ist alles unbestreitbar wahr“, schreibt Gino, Professorin an der Harvard Business School. Doch Blackbeard habe seine Crews sehr effektiv „inspiriert und kommandiert“. Piraten beschreibt sie als „zukunftsorientiert“.

So hätten Piraten eine „revolutionäre Form der Demokratie“ praktiziert. „Sie stimmten über den Kapitän ab, setzten seiner Macht Grenzen und garantierten den Besatzungsmitgliedern ein Mitspracherecht in den Angelegenheiten des Schiffes“, schreibt Gino. Blackbeards Schiff hält die Forscherin für progressiver und gerechter als die amerikanische oder englische Gesellschaft vor dreihundert Jahren. „Jeder Pirat konnte ohne Angst vor Repressalien Beschwerden oder Bedenken einreichen, da die Besatzungsmitglieder durch eine Satzung des Schiffes geschützt waren“, schreibt Gino. Die Piraten hätten auch Seeleute unterschiedlicher Herkunft und Religion aufgenommen.

Hierzulande widmete sich der Organisationsberater Johannes Ries dem Piraten-Vergleich bereits vor sechs Jahren in einem Blog-Beitrag. In seinen Workshops arbeite er gerne mit Vergleichen zu anderen Kulturen und mit historischen Beispielen. Die Teilnehmer „werden immer hellhörig, wenn ich Teams mit Piraten und Chefs mit Kapitänen vergleiche“, sagt Ries. Jeder Mensch habe seit der Kindheit eine gewisse Vorstellung von Piraten. Die Geschichten rund um die Seeräuber faszinieren schließlich nicht nur auf der Kinoleinwand.

Kein kommandierender Chef

Und auch den Bezug zur heutigen Wirtschaft will Ries gefunden haben: „In einer immer komplexer werdenden Welt, kommen Chefs, die von oben herab Befehle absetzen, immer stärker an ihre Grenzen. Selbstorganisierte Teams und Unternehmen sind da handlungsfähiger und kompetenter.“, sagt Ries. Der Kapitän habe bloß im Kampf Anweisungen gegeben und der Crew die meiste Verantwortung überlassen. Anders als auf Marineschiffen, wo es stets sehr militärisch zugegangen sei. Nicht umsonst soll Apple-Gründer Steve Jobs seine Mitarbeiter mal mit dem Spruch, „Es ist besser ein Pirat zu sein als in der Navy“, motiviert haben. Immer mehr Firmen werben im „War for Talents“ – wie die Piraten den Kampf um die besten Mitarbeiter wohl auch genannt hätten – mit flachen Hierachien.

Auf vielen Schiffen habe der Kapitän auch maximal den zweifachen Beuteanteil, beziehungsweise das zweifache Gehalt der Crewmitglieder erhalten, sagt Ries. Daran könnten sich gewiss mehr Manager orientieren: Bei Delivery Hero etwa verdiente die Chefetage im vergangenen Jahr das 127-Fache dessen, was die normalen Angestellten, unter denen viele Essens-Auslieferer sind, auf ihrem Konto vorfanden. 

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Weil Ries jedoch immer wieder hörte, dass die Metapher nicht griffig genug sei, entwickelte er 2018 die „Pirate Principles“, die Piraten-Prinzipien. Hier ordnet er jedem Buchstaben des englischen Wortes „Pirates“ eine Eigenschaft zu, die heutige Manager mitbringen sollten. Autonomie (Autonomy) etwa. Oder Vertrauen (Trust). So kann Ries zumindest die kriminelle Seite der Piraten besser außer Acht lassen, denn die haben bis heute den kriminellen Kern ihres Geschäfts nie aufgegeben: Immerhin registrierte das Internationale Schifffahrtsbüro IMB im vergangenen Jahr 195 Piratenangriffe, mehr als noch 2019.

Mehr zum Thema: Wer waren Ihre Vorbilder in der Kindheit? Inspirierende Menschen helfen uns auf unserem Lebens- und Karriereweg, sie liefern Motivation. Daher sind sie besonders im Management von großer Bedeutung.

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