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Frauen in Führungspositionen Bei Cisco ist die Hälfte der Führungskräfte weiblich

Katharina Jessa findet, dass Quoten und Frauenförderprogrammen nicht viel bringen, wenn die Frauen gar nicht auf die höchste Führungsebene möchten. Quelle: dpa

Deutsche IT-Unternehmen scheitern beim Frauenanteil in Vorständen. Ganz anders das US-Unternehmen Cisco. Die Hälfte der Führungspositionen werden von Frauen besetzt. Wie das klappt, erzählt Managerin Katharina Jessa.

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WirtschaftsWoche: Die Allbright-Studie hat zuletzt gezeigt, dass der Frauenanteil in deutschen Dax-Unternehmen nach jahrelangem Aufwärtstrend wieder gesunken ist. Ist das deutsche Management zu altmodisch? 
Katharina Jessa: Nein, nicht unbedingt. Vielmehr glaube ich, dass diese Veränderungen noch Zeit brauchen. 

Wie viel Zeit wollen sich die Unternehmen denn noch geben? Das Ungleichgewicht in deutschen Führungsetagen ist schließlich kein neues Problem.
Als Chuck Robbins im Jahr 2015 die Führung bei Cisco übernommen hat, verkündete er, er wolle die Firma zukunftsfähig aufstellen – nicht nur technologisch und strategisch sondern auch im Hinblick auf Diversität. Das war vor mehr als fünf Jahren und erst jetzt haben wir weltweit einen Frauenanteil in Führungspositionen von 50 Prozent. Wir haben in den Jahren des Übergangs gelernt: Weiterentwicklung funktioniert, aber nur Stück für Stück. Verändert man zu viel auf einmal an einem System, bricht es auseinander. 

Ist es von Vorteil, dass Cisco ein US amerikanisches Unternehmen ist? Laut der Allbright-Studie lag der Frauenanteil in den Top-Etagen von 30 amerikanischen Börsenschwergewichten immerhin bei 28,6 Prozent. 
Zum Teil schon. Das Motto „Wir sind alle gleich“ wird hier mehr gelebt. Auch wenn die USA mit systematischen Problemen siehe Black Lives Matter sehr zu kämpfen haben. Gerade diese Konflikte brodeln in der dortigen Gesellschaft sehr viel mehr als hierzulande. Da müssen wir Deutschen erst noch wach werden. 

Katharina Jessa leitet seit anderthalb Jahren bei Cisco Deutschland das Vertriebssegment für kleine und mittelgroße Kunden. 2015 kam die 33-jährige Managerin zum Netzwerk-Spezialisten. Quelle: Cisco Deutschland

Bedeutet das, dass Frauen mehr auf die Straße gehen und für ihre Rechte eintreten müssen?
Ich glaube eher, dass wir Frauen uns mehr bewusst werden müssen, was wir wollen. Quoten und Frauenförderprogrammen bringen nicht viel, wenn die Frauen gar nicht auf die höchste Führungsebene möchten. Wir müssen ihnen die Chance geben, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und eine klare Entscheidung zu treffen.

Wann haben Sie für sich den Entschluss gefasst, den Weg in die Führungsriege einzuschlagen?
Das war vor knapp drei Jahren, als auch ich mich entscheiden musste, bin ich zufrieden mit meiner derzeitigen Position, oder will ich Teil der Veränderung sein und mehr Verantwortung übernehmen. In solchen Momenten muss man ehrlich und klar zu sich selbst sein. Dabei hat mir das Frauenförderprogramm Jump von Cisco weitergeholfen.

Wie genau sieht das aus?
Das Programm dauert ein Dreivierteljahr und ist in drei Module unterteilt. Was möchte ich machen? Was ist mein Führungsstil? Wie nehmen mich andere war und wie reagieren sie auf mich? Die Frauen sollen so gestärkt den nächsten Schritt machen können. 

Warum ist das wichtig? 
Die Gesellschaft hat uns über Jahrzehnte ein bestimmtes Bild einer Frau vermittelt. Das führt bis heute dazu, dass Frauen sich häufiger entschuldigen, sich nicht trauen bestimmte Schritte zu gehen und viel selbstkritischer sind. Da müssen wir aktiv gegen arbeiten.

Was haben Sie beim Förderprogramm für sich gelernt?
Über mich wurde häufig gesagt, dass ich sehr kalt und fordernd sei, keine Mutter Teresa. Da habe ich immer nur geschmunzelt, schließlich mache ich nur meinen Job und es ist logisch, dass meine Entscheidungen nicht allen Mitarbeiter gefallen. Durch das Programm habe ich gelernt, meine Linie beizubehalten, dabei jedoch die Mitarbeiter mitzunehmen und von der Vision zu überzeugen. Und mich nicht runder, sondern eckiger zu machen. 

Eckiger im Sinne von, nicht zu sehr auf Harmonie bedacht zu sein?
Eckig bedeutet in diesem Sinne eher, zu verstehen, dass meine Eigenarten, meine sture Seite, meine kontroverse oder harmonische Seite, dass das alles im Einklang Sinn ergibt. Denn je nach Situation muss man anders agieren. Eckig sein bedeutet bei Cisco vor allem, die eigenen Stärken zu nutzen.

Was ist noch der Grund dafür, dass Cisco beim Thema Frauen in Führungspositionen weiter ist als andere Unternehmen?
Das Thema Kultur und Diversität steht bei uns nicht nur auf dem Papier, sondern wird auch von der Geschäftsführung gelebt.

Das sagt sich so leicht, aber woran wird das deutlich?
Am Anfang der Pandemie hat beispielsweise die amerikanische Führungsetage einen wöchentlichen Termin eingeführt. Eine Stunde lang konnten die Mitarbeiter in der Videokonferenz über ihre Ängste um ihre Familien sprechen oder wie Mütter und Väter damit umgehen sollen, wenn das eigene Kind krank wird. Teilweise haben mehrere Zehntausende Mitarbeiter teilgenommen. Die Geschäftsleitung hat zugehört und gesagt, wir helfen euch, wir entlasten euch. Und dann auch spezielle Programme für Eltern aufgesetzt.

Haben Sie das in Anspruch genommen?
Ich habe selbst noch keine Kinder, bin aber Vollblut-Tante. Gerade bin ich bei meiner Schwester und kümmere mich um deren Tochter. Daher habe ich darum gebeten, keine Termine vor neun Uhr oder nach 15 Uhr anzusetzen. Das war kein Problem. Wir haben bei uns ein Bewusstsein geschaffen, dass jeder von uns ein Privatleben hat und dieses auch Vorrang haben darf. 

Die Vereinbarkeit von Karriere und Familie ist für viele Frauen noch eine schwierige Entscheidung.
Das stimmt. Hier bei Cisco wird uns Frauen daher gesagt: Führt zu Hause diese Gespräche. Die Zeit, in der Frauen automatisch zurücktreten, ist vorbei. Es gibt viele Frauen, die noch zu schüchtern sind, um über ihre eigenen Wünsche, Träume und Risiken zu reden. Doch genau das sollte man stärken.

Dafür braucht es aber auch die Unterstützung und Einsicht des anderen Geschlechts, oder?
Ich glaube, wenn man sich selber findet und authentisch ist im Umgang mit anderen, dann wird man auch, egal ob ein Mann oder eine Frau vor einem steht, in einer höheren Position oder als Kollege, wahrgenommen und ernst genommen. 

Also ist ein Eingreifen seitens der Politik oder ein Umdenken in der Gesellschaft überflüssig?
In der Gesellschaft ist es durchaus wichtig. Ich bin immer erschrocken, wie viele Kinderbücher noch sehr altmodisch sind und „traditionelle“ Rollenbilder vermitteln. Eltern und Schulen sollten bereits auf das Thema Diversität achten und auch Mädchen vermitteln, dass sie alles können. 

Welches Buch lesen Sie denn Ihrer Nichte vor?
Häufig ist es „Warum muss ich schlafen?“. Dort gibt es Kinder jeglicher Hautfarbe, eine Astronautin, die zum Mond fliegen will, ein junger Mann, der in der Pflege arbeitet und in der Nacht arbeiten muss. Das Buch zeigt, jeder soll das machen, worin er seine Stärken hat. 

Mehr zum Thema: Mehr zur Diversität-Initiative „The Shift Summit“ finden Sie hier. Anmelden zum Livestream am 29. Oktober können Sie sich hier.

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