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Frauenquote „Bekommen Manager Boni, wenn sie Frauen in die Vorstände holen, geht es definitiv schneller“

Wie finden Konzerne die passenden Managerinnen? Quelle: imago images

Nun soll die Frauenquote für Unternehmensvorstände also doch kommen – und damit stehen viele Konzerne vor einem Dilemma: Wie finden sie denn nur die passenden Managerinnen?

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Nun hat sich die Große Koalition also doch noch auf eine Frauenquote in den Vorständen deutscher Unternehmen geeinigt: Börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen sollen mindestens eine Managerin in ihren Vorstand holen, wenn sie mehr als drei Mitglieder haben. Die gleiche Regel gilt, wenn der Gesetzesentwurf auch durchs Parlament kommt, zudem für Körperschaften des öffentlichen Rechts sowie Unternehmen, an denen der Bund die Mehrheit hält.

Und es ist keine kleine Zahl an Unternehmen, die sich dann bewegen muss: 101 Firmen aus dem Dax-30, MDax und SDax ohne eine einzige Frau listete die Allbright-Stiftung in ihrem Jahresbericht aus dem vergangenen September auf. Immerhin: Fünf Unternehmen, nämlich Adidas, Hella, Norma, RWE und Siemens, haben inzwischen Frauen in ihre Führungsgremien geholt. In 26 weiteren sitzen lediglich zwei Menschen im Vorstand, so dass die neue Regelung für sie nicht greifen würde.

Rückschritt statt Fortschritt

Die Quote soll zugleich aber auch ein Druckmittel für die 55 der 160 Dax-Unternehmen von Aixtron bis Zeal Network sein, die sich öffentlich dazu bekennen, dass sie nicht mal anstreben, eine Managerin in ihre Top-Führungsebenen zu lassen und sich Null Prozent weibliche Vorstände als Ziel gesetzt haben.

Zumal es in der Krise mit der Frauen-Gleichstellung in den Dax-30-Konzernen statt vorwärts sogar rückwärts geht und die Zahl der Vorständinnen auf den Stand von vor drei Jahren abgesunken ist. „Viel häufiger als in den Vorjahren haben sich die Unternehmen im vergangenen Jahr von Frauen in den Vorständen verabschiedet“, analysiert die Allbright-Stiftung. Und das, obwohl die „Pipeline an Führungsfrauen in den deutschen Unternehmen besser denn je gefüllt ist“. An der Auswahl gut ausgebildeter Frauen kann es demzufolge nicht liegen.

Ausländische Unternehmen sind weiter

Selbst unter den Dax 30 gibt es acht Konzerne, deren Vorstände rein männlich besetzt sind: Bayer, Delivery Hero, Deutsche Wohnen, Eon, HeidelbergCement, Infineon, Linde und MTU. Unter den MDax-Konzernen ohne eine einzige Frau im Vorstand sind auch viele Firmen, die sich ansonsten stets so modern geben – wie etwa RTL, Scout24 oder Zalando. Nur neun von den 160 Dax-Unternehmen haben mehr als eine Frau im Vorstand: Vorne an rangiert die Deutsche Telekom mit drei Frauen. Aareal Bank, Airbus, Allianz, Commerzbank, Daimler, Dermapharm, Fresenius Medical Care und Telefónica Deutschland haben zwei Vorständinnen. 

Vergleicht man den Frauenanteil in den Vorständen der führenden Unternehmen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Schweden und den USA, landet Deutschland auf dem letzten Platz, analysiert die Allbright-Stiftung. Mehr noch: Deutschland ist das einzige Land, in dem kein einziges Großunternehmen von einer Frau geführt wird oder einen Frauenanteil von 30 Prozent im Vorstand erreicht. Der Männeranteil in den Dax-30-Konzernen beträgt immer noch rund 87 Prozent. Immerhin: Von Mai an soll die gebürtige Spanierin Belén Garijo den Pharmakonzern Merck führen.


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Die Zahlen der Allbright-Stiftung zeigen zudem, dass es nicht nur an vermeintlich männlichen Branchen liegt, dass es zu wenige Frauen gebe: So kann der französische Konzern in der Industriegase-Branche Air Liquide 36 Prozent Frauen an der Unternehmensspitze vorweisen, Linde keine einzige. Dasselbe gilt für Pharma mit GlaxoSmithKline/AstraZeneca mit 33 Prozent Frauenquote im Vorstand gegenüber Bayer mit null Prozent.

Sind die Firmen zu wählerisch?

Warum es bei der Gleichstellung der Frauen in Deutschland immer noch hapert? Ulrike Widuwilt, Managing Partnerin der US-Personalberatung Russell Reynolds, macht vor allem zwei Ursachen dafür aus – und beide sind nicht ohne weiteres erkennbar: Zum liegt es am Aufgabenzettel, die Unternehmen Headhuntern bei der Suche mitgeben. Die allermeisten Unternehmen wollten nämlich ausdrücklich nur Managerinnen vorgestellt bekommen, die bereits Vorstände sind – und dann wird die Auswahl der Kandidatinnen von vornherein eher mager.

Zudem spiele die Motivation der Manager eine zentrale Rolle, sagt Widuwilt: „Bekommen die Manager selbst Boni dafür, wenn sie Frauen für ihre Top-Ebene holen oder hoch befördern, dann geht es mit der Gleichstellung definitiv schneller.“ Und genau das sei bei ausländischen Unternehmen üblich, aber eben nicht in Deutschland.

Mehr zum Thema: Fast jede zweite Dax-Vorstandsfrau ist aus dem Ausland oder hat ausländische Wurzeln. Warum gelingt diesen Top-Managerinnen der Aufstieg besser?

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