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Führungskräfte Warum schaffen es so wenige Ostdeutsche in die Chefetage?

Quelle: imago images

Mehr als 30 Jahre nach der Wende sind ostdeutsche Chefs in der Bundesrepublik immer noch eine Seltenheit. Selbst die größten Unternehmen in Ostdeutschland leiten hauptsächlich Westdeutsche. Wie kann das sein?

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30 Jahre nach der Wiedervereinigung, im Oktober 2020, setzt Sirka Laudon ein sepiafarbenes Foto auf Twitter ab. Es zeigt ihr achtjähriges Ich, ihre Geschwister und ihren Vater im Jahr 1976, angelehnt an einen Steg am Strand von Usedom. „Früher: übers Meer in den Westen gesehnt“, schreibt sie dazu. „Heute: Für mehr Diversität eintreten – als weibliche Vorständin mit Ostbiografie bei Axa. Happy Birthday Einheit!“ Das Twitter-Posting, erläutert Sirka Laudon im aktuellen „Chefgespräch“-Podcast von WiWo-Chefredakteur Beat Balzli, sollte dazu beitragen, „Rollenvorbilder aus dem Osten sichtbarer zu machen“. Denn die Personalchefin des Versicherers Axa ist eine Ausnahmeerscheinung in Deutschlands Führungsriege. Nicht nur, weil sie weiblich ist – bereits das macht sie in den Chefetagen zu einer Minderheit. Sondern auch deshalb, weil sie aus dem Osten stammt. „Dass ich im Osten aufgewachsen bin, ist vermutlich noch einmal ein größerer Diversitätsfaktor als der, dass ich eine Frau unter ein paar Männern bin“, sagt Laudon im Podcast-Gespräch.

Mehr als 30 Jahre nach der Wende sind ostdeutsche Chefs in Deutschland immer noch eine Seltenheit: Im Mai 2021 stammten nur vier der knapp 200 Vorstände von Dax-Konzernen aus Ostdeutschland. Laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr besetzen Menschen aus den neuen Bundesländern gerade einmal 4,7 Prozent der Führungsposten in der deutschen Wirtschaft. Dabei liegt ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung bei 19,4 Prozent. Und selbst von den größten Unternehmen in Ostdeutschland wird nur jedes dritte von einer/m Ostdeutsche(n) geleitet. Wie kann das sein?

„Die Antwort, die die bisherige Forschung geben kann, ist dünn“, konstatierte der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld 2019, anlässlich des runden Jubiläums des Mauerfalls. Empirische Studien zu den Ursachen fehlten weitgehend. Auch eine in der Zwischenzeit veröffentlichte Gemeinschaftsstudie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), der Universität Leipzig und der Hochschule Zittau/Görlitz, aus der die oben zitierten Zahlen stammen, liefert eben nur die – und betreibt keine Ursachenforschung. Es gibt jedoch „begründbare Vermutungen“, wie Soziologe Lengfeld schreibt.

Die eine hat mit Diskriminierung zu tun. So zeigt die Arbeitsmarktforschung, dass Arbeitgeber solche Menschen benachteiligen, die von ihnen in sozialer oder ethnischer Herkunft abweichen oder ein anderes Geschlecht haben. So ließe sich erklären, warum sich die Besetzung von Führungspositionen seit der Wiedervereinigung nur unmerklich gewandelt hat: Westdeutsche fördern bevorzugt Westdeutsche – ob bewusst oder unbewusst.

Die wesentlicheren Ursachen für den bis heute bestehenden Mangel an ostdeutschen Führungskräften stehen aber wohl in Zusammenhang mit dem politischen und wirtschaftlichen Wandel der Neunziger: Nach dem Fall der Mauer schrieb das sogenannte Treuhandgesetz vor, die Wirtschaft der ehemaligen DDR „so rasch und so weit wie möglich“ zu privatisieren. 1995, nachdem die Arbeit der Treuhandanstalt weitgehend beendet war, gehörten über 50 Prozent der ehemaligen DDR-Staatsbetriebe mehrheitlich Westdeutschen. Und je höher die Produktivität eines Unternehmens, desto wahrscheinlicher ging es damals an westdeutsche Investoren, wie eine Studie von Ifo-Institut, ZEW und der Universität Brüssel zeigt. Nach der Wiedervereinigung standen die Betriebe in westlicher Hand daher für zwei Drittel der Umsätze und Arbeitsplätze in Ostdeutschland.

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    Deshalb und weil in den nun privatisierten Betrieben vor allem Führungskräfte gefragt waren, die mit dem Wirtschaften im Westen vertraut waren, fand in den Neunzigerjahren ein weitgehender Elitenaustausch im Osten statt. Junge westdeutsche Manager machten in der ehemaligen DDR Karriere und förderten wiederum ihresgleichen, die abermals ihresgleichen förderten. „Im Osten greifen bis heute westdeutsche Netzwerke, in Westdeutschland sowieso“, sagt der Leipziger Filmemacher Olaf Jacobs, der sich intensiv mit der Repräsentanz von Ostdeutschen in der Gesellschaft befasst hat. Ein Teufelskreis in Diversitätsbelangen.

    Dies beschäftigt laut einem Bericht des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“ vom Freitag auch SPD, Grüne und FDP. Ein Konzept, um das Muster auf Bundesebene zu durchbrechen, will eine von den Ampelparteien eingesetzte Arbeitsgruppe demnach bis Ende 2022 vorlegen. Sie schlägt vor, neue und zu erweiternde Bundes- und Forschungseinrichtungen bevorzugt in den ostdeutschen Bundesländern und strukturschwachen Regionen anzusiedeln, „bis ein dem Bevölkerungsanteil entsprechender Stand erreicht ist“.

    Denn nicht nur in der Elite der Wirtschaft, auch in den Chefetagen nahezu aller anderen gesellschaftlichen Bereiche sind Ostdeutsche noch immer unterrepräsentiert – ob Justiz, Verwaltung oder Wissenschaft. Auch das zeigt die 2020 veröffentlichte Studie von DeZIM, Universität Leipzig und Hochschule Zittau/Görlitz.

    Eine Ausnahme gibt es: die Politik. Mit 19 Prozent entspricht der Anteil Ostdeutscher an der politischen Führung in etwa ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung. Womöglich deshalb, weil „diese Positionen direkt oder indirekt durch Wähler besetzt werden“, heißt es in der Studie. Zudem spiele die soziale Herkunft für einen Aufstieg in der Politik eine geringere Rolle als in anderen Bereichen.

    Ein anderer Grund dafür, dass die politische Sphäre heute durchlässiger für Ostdeutsche ist als andere Gesellschaftsbereiche, könnte ein ganz bestimmtes Vorbild sein: Angela Merkel, aufgewachsen im Osten, 16 Jahre lang Deutschlands Regierungschefin. Die geschäftsführende Bundeskanzlerin habe die integrativen Kräfte zwischen West- und Ostdeutschland in den vergangenen Jahren geprägt, sagt zumindest Axa-Personalvorständin Sirka Laudon.



    Laudon selbst will eine ähnlich starke integrative Kraft in der Wirtschaft sein, „das Bild vom Osten dahingehend verändern, dass wir auch Geschichten erzählen, die anders verlaufen sind“ als es die heutigen Vorurteile über den Osten nahelegen. Beim Thema Diversität gehe es meist nur um die Genderfrage, moniert sie. Dabei könnten „andere Dimensionen einen viel stärkeren Impact haben“ – zum Beispiel die Herkunft. „Ich bin andere Wege gegangen als meine Kollegen, die mich zu einem anderen Menschen gemacht haben“, sagt Laudon im WiWo-„Chefgespräch“. Dadurch könne sie eine andere Perspektive in ein Unternehmen einbringen und dazu beitragen, „dass wir zu allen Menschen Anschluss haben, die in Deutschland leben – und nicht nur zu einer bestimmten Gruppe.“ Zu Männern etwa. Oder zu Westdeutschen.

    Mehr zum Thema: Hören Sie hier den „Chefgespräch"-Podcast mit Sirka Laudon. Darin erzählt die Axa-Personalchefin, warum sie Sigmund Freud verehrt, wie viele Jobs die Automatisierung kostet – und dass ihr größter Traum in Argentinien spielt.

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