WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Führungsstärke Der Kotzbrocken als Chef hat ausgedient

Autoritäre Führung war einmal, heute brauchen Manager vor allem Einfühlungsvermögen. Warum Mitgefühl so wichtig ist - für alle Beteiligten.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Was Sie bei der Teamführung beachten müssen
Keine virtuellen TeamsEine Harvard-Studie hat herausgefunden, dass Teams, die physisch zusammenarbeiten, besser harmonieren und funktionieren, als virtuelle Gruppen. Nur per E-Mail und Telefon zu kommunizieren, verschlechtert das Arbeitsergebnis also. Wer virtuelle Teams trotzdem nicht umgehen kann, findet hier einige Tipps, wie sich deren Führung verbessern lässt. Quelle: Fotolia
Narzissten sind ideale ChefsNarzissmus ja, aber bitte nicht zu viel. So lautet die Beschreibung für den idealen Chef. Wissenschaftler um Emily Grijalva von der Universität von Illinois fanden heraus, dass der Zusammenhang zwischen Narzissmus und dem Erfolg als Führungskraft die Form eines umgekehrten U annimmt. Soll heißen: Extremer Narzissmus hilft ebenso wenig weiter wie überhaupt kein Narzissmus. „Der ideale Chef ist in Maßen narzisstisch“, sagt Grijalva. Quelle: Fotolia
Männer mögen keine TeamarbeitDer Mann als einsamer Jäger - eine Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) zeigt, dass es sich dabei nicht nur um ein Klischee handelt. Männer arbeiten tatsächlich nicht gerne im Team. Es sei denn, sie können daraus einen konkreten Vorteil erzielen: Ein Mammut lässt sich schließlich auch nicht von einem allein erlegen. Quelle: Fotolia
Ausbeuterischer Arbeitgeber Quelle: Fotolia
10. In der Wir-Form denkenEin guter Manager vergisst das „Ich“ und denkt in der „Wir“ Form. Er weiß zwar, dass er die Hauptverantwortung trägt, die sich weder teilen noch delegieren lässt. Seine Autorität entsteht aber erst dadurch, dass er Vertrauen durch die anderen Mitarbeiter bekommt. Druckers Tipp: Kümmern Sie sich erst um die Bedürfnisse und Chancen der Organisation und Ihrer Mitarbeiter, bevor Sie sich um Ihre eigenen Bedürfnisse Gedanken machen. Dieser Grundsatz mag einfach klingen, wird aber von vielen Führungskräften missachtet. Quelle: Fotolia
Querulanten steigern KreativitätDementsprechend kann es sich lohnen, auch ein paar Kollegen mit ins Boot zu holen, die so gar nicht zum Rest zu passen scheinen. Das mag zwar die Harmonie stören, ist aber enorm kreativitätsfördernd. Quelle: dpa/dpaweb
Soziale Vereinsamung Quelle: Fotolia

Wenn der Kollege gähnt, müssen wir meist mitgähnen. Ist unser Partner traurig, leiden wir mit. Geteilte Freude gilt als doppelte Freude. Warum? Weil der Mensch mitfühlt. Oder, wie Psychologen sagen, weil er zu Empathie fähig ist.

Der Duden definiert sie als "Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen". Und diese Bereitschaft und Fähigkeit wird immer wichtiger. Im Privatleben, aber auch im Beruf. Egal in welcher Branche, egal auf welcher Ebene.

Im gedanklichen Exil

Führungskräfte sollen sich in die Lage ihrer Mitarbeiter hineinversetzen, Angestellte sollen sich auf die Bedürfnisse von Geschäftspartnern einstellen, Verkäufer die Wünsche der Kunden kennen. Wer das kann, der erkennt Motive, Kompetenzen und Bedürfnisse. Wer Gefühle lesen kann, ist klar im Vorteil.

Vor allem als Vorgesetzter. Denn wenn der Chef nicht passt, gehen die Angestellten mindestens ins gedankliche Exil - oder ins tatsächliche.

47 Prozent der deutschen Angestellten haben schon einmal wegen eines Vorgesetzten gekündigt, ergab vor wenigen Monaten eine Umfrage des Nürnberger Beratungsunternehmens Information Factory unter 1000 Beschäftigten. Immerhin 20 Prozent gaben zu, sie hätten zumindest mit diesem Gedanken gespielt.

Kurzum: Der Cheftyp Kotzbrocken hat ausgedient, Empathie ist ein Karrierefaktor. Einerseits.

20 Lektionen von schlechten Chefs
1. Jeder im Team ist wichtig. Niemand verdient schlechte Behandlung. Knoblauch bezieht sich in seinem Buch auf den ehemaligen Topmanager Michael Hyatt, der sagt: Ja, man kann auch von schlechten Chefs etwas lernen. „Damals habe ich es gehasst, für sie zu arbeiten, aber heute möchte ich die Lernerfahrung nicht missen.“ Der Kontrast habe ihm gezeigt, wie man es richtig macht. Quelle: AP
2. Mit ihrer Einstellung und ihrem Verhalten schaffen Vorgesetzte ein emotionales Klima. Denn: Jeder Chef kann in seinem Team nur so viel Begeisterung wecken, wie er selbst von seiner Arbeit begeistert ist. Und wo nur mit halber Kraft gearbeitet wird, ist das Unternehmen langfristig in Gefahr. Quelle: dpa
3. Je weiter du aufsteigst, desto mehr versuchen die Leute, aus allen deinen Worten und Taten etwas "herauszulesen". Während die Vermutungen nach unten durchsickern, wird ihnen immer mehr Bedeutung beigemessen. Quelle: dpa
4. Ein aufmunterndes Wort kann einem Mitarbeiter die ganze Woche retten. Umgekehrt kann ein barsches Wort sie ruinieren. Quelle: dpa
5. Stelle die richtigen Leute ein und dann habe Vertrauen, dass sie ihren Job erledigen. Quelle: dpa
6. Stelle niemals Menschen absichtlich vor ihrem Chef, ihren Kollegen oder ihren direkten Untergebenen bloß. Quelle: AP
7. Greife niemanden persönlich an. Nimm stattdessen die Leistung in den Blick. Quelle: dpa

Andererseits hat Mitgefühl noch immer einen schlechten Ruf. In vielen Unternehmen gelten Menschenkenner als Schwächlinge und Weicheier, Mitgefühl gilt als Makel, Empathie als überflüssig. Vielleicht auch aus Selbstschutz.

So mancher Manager flüchtet sich in das Machtgefüge des Unternehmens, versteckt sich hinter offiziellen Abläufen, will sich weder von anderen durchschauen lassen noch in Kollegen hineinversetzen. Stattdessen hält er lieber die harte Fassade aufrecht, die ihn stark, perfekt und unnahbar wirken lässt.

Natürlich kann man das so machen. Doch wahr ist eben auch: Die exzellente Führungskraft zeigt Empathie. Sie stellt die Menschen in den Mittelpunkt der Arbeit, nicht nur ihre Funktion. Erst dann können Unternehmen dauerhaft erfolgreich sein.

Manager brauchen Sensibilität

Der MinoritätseffektEin Experiment des Psychologen Serge Moscovici zeigt, wie leicht sich Teams manipulieren lassen. Er zeigte vier Probanden in einem Raum Dias in verschiedenen Blauschattierungen. Anschließend sollten die Teilnehmer sagen, welche Farbe die Dias hatten. Zwei der Versuchsteilnehmer waren vorher instruiert worden, grün statt blau zu sagen. Danach stieg die Zahl derjenigen an, die meinten, das Dia sei tatsächlich grün. Quelle: Presse

Das bestätigt auch Kerstin Hof, Karriereexpertin und Unternehmenscoach. "Unternehmen brauchen Mehrperspektivität, um erfolgreich zu sein. Die Voraussetzung dafür ist Empathie." Vor allem für Manager in Spitzenpositionen - denn ihr berufliches Aufgabenspektrum bestehe besonders aus "konfliktgeneigten Tätigkeiten".

Da ist Sensibilität gefragt. "Manager erlangen wichtige Informationen, wenn sie die Lage des Mitarbeiters nachvollziehen", sagt auch Matthias Hoenen, Psychologe der Uni Düsseldorf. Dann können sie besser abschätzen, wie Mitarbeiter auf Entscheidungen reagieren - und wie sich die Motivation steigern lässt.

Doch wahr ist auch: Nicht nur in Unternehmen ist Empathie keine Selbstverständlichkeit mehr, auch Studenten sind heutzutage gut 40 Prozent weniger empathisch als noch vor 20 Jahren. Das entdeckten Forscher der Universität von Michigan, als sie 72 Studien zwischen 1979 und 2009 auswerteten. Viele seien "auf sich selber fixiert, narzisstisch, selbstbewusst und individualistisch", resümierte Mitautorin Sara Konrath. "Außerdem dominiert das Konkurrenz-Denken."

Kein Wunder, dass die Unternehmen jetzt gegensteuern. Sie wissen, wie wichtig Empathie ist. "Teamfähigkeit und Einfühlungsvermögen werden im Beruf immer wichtiger", sagt Kerstin Hof. "Das wird schon bei Vorstellungsgesprächen deutlich."

Aber lässt sich Empathie lernen? Ist nicht die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ein angeborenes Charaktermerkmal?

Mitnichten, meinen Forscher des Max-Planck-Instituts für kognitive Neurowissenschaften in Leipzig. Sie sind davon überzeugt, dass sich das richtige Maß an Einfühlungsvermögen ebenso erlernen wie etwa Matheformeln oder Vokabeln.

Mehr noch: Sogar Narzissten können Empathie lernen. Das zeigt eine aktuelle Studie von Erica Hepper von der Universität von Surrey. Für ihre Untersuchung gewann sie 300 Freiwillige mit stark narzisstischen Zügen. Mit gewalttätigen Videos gelang es ihr tatsächlich, die Versuchspersonen zu Gefühlsregungen zu verleiten.

Die gute Nachricht ist: Empathie ist trainierbar, Einfühlungsvermögen lässt sich schärfen. Dafür kann es schon helfen, den Begriff aufzuschlüsseln und in seine Bestandteile zu zerlegen. Denn hinter dem vermeintlich komplexen Begriff Empathie verstecken sich ziemlich alltägliche Fähigkeiten - wie beispielsweise Zuhören, Nachfragen und Kritikfähigkeit. Experten raten vor allem zu drei Schritten.

1. Aufmerksam zuhören:

"Beobachten Sie die nonverbale Kommunikation des Gegenübers aufmerksamer", rät Psychologe Hoenen. "Hören Sie genau zu, lassen Sie den anderen ausreden und halten Sie sich mit Bewertungen zurück." Das funktioniert in mehreren Stufen. In einem ersten Schritt sollte durch Körperhaltung, Mimik und Ausdruckssignale deutlich werden: Ich höre dir zu. Das macht Mut und veranlasst den Gesprächspartner zu offenen, persönlichen Äußerungen. Zweitens geht es darum, die Aussagen des Gesprächspartners treffend wiederzugeben. Wichtig ist, bei der Widergabe möglichst neutral zu bleiben. Und drittens geht es um die Wiedergabe der Botschaft, die der Gesprächspartner vermitteln möchte. Das kann etwa wie folgt eingeleitet werden: "Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen vor allem darum, dass..." Das hilft dabei, die Gedanken des Anderen besser zu verstehen und sich in ihn hineinzuversetzen.

2. Perspektive wechseln

Sich räumlich in die Lage eines anderen zu versetzen, kann dabei helfen, ihn auch emotional zu verstehen. Der Manager könnte für einige Zeit ins Großraumbüro umziehen, der Inhaber in die Kantinen-Küche: Was auf den ersten Blick skurril klingt, bringt in Wahrheit oft neue Perspektiven.

3. Persönlichkeit hinterfragen

Wer andere verstehen will, muss sich selber kennen. Falls Sie das üben wollen: Setzen Sie sich mit Personen zusammen, denen Sie vertrauen. Jeder schreibt über jeden (auch über sich selbst) mindestens drei Stärken und mindestens drei Schwächen auf. Anschließend diskutieren Sie die Einschätzungen. Dann können Sie etwas Neues über sich lernen.

Doch wie immer gilt: Die Dosis macht das Gift. Heißt konkret: Die Empathie darf nicht Überhand nehmen. Denn aus Mitgefühl kann schnell Mitleid werden: "Ein Manager soll die Gefühle des Gegenübers nachvollziehen und bewerten können", sagt Matthias Hoenen, "aber nicht aufgrund dieser Gefühle wichtige Entscheidungen fällen."

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%