WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Führungswechsel
Quelle: imago images

Berliner Denkdeckel

Der Mietendeckel ist die dritte Stufe der Ideenlosigkeit. Dabei hat die Smart City viele kreative Köpfe, auf deren Ideen man zugreifen könnte.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Berlin bekommt einen Mietendeckel. Die Aufregung ist groß, die Gemüter sind erhitzt. Doch es könnte mit dem Berliner Mietendeckel enden wie mit dem Flughafen, wo man endlos die Blütenblätter der wechselnden Verlautbarungen zupft: Er kommt, er kommt nicht.

Die Idee ist so alt wie ihr Scheitern: Im deutschen Gesetzbuch gibt es schon lange eine „Kappungsgrenze“, damit die Miete für ein Objekt innerhalb von drei Jahren höchstens um 15 bis 20 Prozent steigt. Es gibt eine „Mietpreisbremse“, damit bei Neuvermietungen der Quadratmeterpreis höchstens zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen darf. Und jetzt gibt es also eventuell auch noch einen Mietendeckel, der für fünf Jahre den Mietpreis einfriert.

Wird die Regulierungs-Rakete bei Zündstufe 3 nun endlich abheben? Eher nicht. Studien zeigen: Preiskontrollen machen es nicht leichter, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Die Preise steigen trotzdem, und wo sie nicht steigen, verfallen die Immobilien. Das ist die offenbar schwer zu begreifende Logik eines Wirtschaftszweigs, bei dem Angebot und Nachfrage nicht wirklich in Deckung kommen – was auch daran liegt, dass die Wohnansprüche sich kurzfristig verändern, die (städte-)baulichen Entwicklungen aber Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte brauchen.

Den regierenden Senatsparteien in Berlin scheint das egal zu sein. Die Ausrufung des Mietendeckels ist ein Freudenfest: Endlich kann man den „Immobilienhaien“ einen Denkzettel verpassen. Symbolpolitik pur, die leider nur für mehr Spaltung unserer Gesellschaft sorgt.

Vom Deckel betroffen sind ausgerechnet die sozial denkenden Wohnungsbaugenossenschaften. Sie sind gezwungen, ihr Neubau-Engagement in der Hauptstadt zurückzufahren. Die verringerten Mieteinnahmen der nächsten Jahre reduzieren ihr Eigenkapital zur Finanzierung der Projekte.

Und so verlaufen die Diskusssionen in der immer gleichen Schleife: Die einen jammern, die anderen klagen. Es ändert sich nichts. Statt neuer Lösungen gibt es alte Vorwürfe. In Wahrheit ist der Mietendeckel ein Denkdeckel – quasi die dritte Variante der Ideenlosigkeit.

Dabei könnte doch gerade die Hauptstadt der Hipster durch Kreativität glänzen. Ja, auch in der Immobilien-Branche gibt es Start-ups mit disruptiven Ideen und Win-Win Lösungen für alle Seiten. So spalten wir unsere Gesellschaft nicht, sondern ziehen alle am selben Strang.

Das Startup Einhundert Energie von Ernesto Garnier zum Beispiel gibt Mietern und Vermietern die Möglichkeit, gemeinsam und zugleich nachhaltig zu agieren. Das Unternehmen finanziert und installiert Photovoltaikanlagen auf den Dächern von Mehrfamilienhäusern. Zusätzlich werden Sensoren verbaut, sogenannte Smart Meter, welche die Energieflüsse im Gebäude in Echtzeit erfassen. So wird Solarenergie erzeugt, für Mieter gibt es Einsparungen bei den Stromkosten und für Vermieter zusätzliche Einnahmen. Dank einer Echtzeit-App wird Verwaltern und Mietern das Monitoring der Energiekosten leicht gemacht. Und unsere Umwelt hat auch etwas davon! Win-Win-Win sozusagen.

Also: Klimaschonende Gemeinschafts-Kraftwerke von Mietern und Vermietern oder doch lieber Klagewelle? Die erwartet Berlin nämlich in Folge des beschlossenen Mietendeckels. Deswegen investiert die Stadt in die Einrichtung von mindestens sechs neuen Kammern im Berliner Verwaltungsgericht. Wie viele Solarpanele könnte man stattdessen bauen?

Mehr noch: Bei der Berliner Stadtentwicklungsverwaltung will man jetzt in Windeseile 140 neue Stellen besetzen, plus 48 befristete Stellen in den Bezirksämtern. Ihre Aufgabe: Durchsetzung des Mietendeckels.

Wäre es nicht zukunftsweisender, wenn dieselbe Anzahl städtischer Mitarbeiter sich mit innovativen Lösungen beschäftigte? Junge Talente in Tech-Quartieren wären gewiss auch in Berlin hoch motiviert, neue Smart-Living-Konzepte für eine Smart City zu entwerfen – sicher auch gern in Zusammenarbeit mit der Politik.

Warum gibt es noch kein „BerlinBnB“, das sich weniger an Touristen als an die eigene Bevölkerung richtet? Mit den Modellen der Sharing Economy und entsprechender regulativer Unterstützung könnte man eine digitale Plattform für Mieter und Vermieter entwickeln, um Wohnungen flexibel zu nutzen oder kurzfristig und bedarfsgerecht zu tauschen. Stattdessen wird der Mietendeckel die Beharrungskräfte verstärken, in der günstigen Mietwohnung zu bleiben – egal ob seit dem Auszug der Kinder die Wohnung eigentlich viel zu groß ist.

Man könnte das Augenmerk auch auf eine Optimierung der Flächennutzung lenken: Etwa die Hälfte der Gewerbe-Immobilien steht leer – nämlich zwischen 18 Uhr abends und 8 Uhr morgens. Strikte Gesetze erlauben uns aber nicht diese Flächen für Wohnzwecke zu nutzen, obgleich allerorten von flexiblen Home- und Mobile-Offices die Rede ist.

Wir leben in disruptiven Zeiten. Wenn die Berliner Regierung nachhaltig niedrigere Mieten erreichen möchte, muss mehr Wohnraum her. Das bedeutet: entweder neue Investoren oder neue Ideen – oder am besten beides!

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%