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Führungswechsel
Quelle: imago images

Die Behörden zeigen im Brexit-Chaos die größte Weitsicht

Wirtschaftslenker und Politiker haben beim Brexit als Führungskräfte versagt: Alles läuft derzeit auf den worst case hinaus. Ausgerechnet einige als behäbig belächelte Behörden behielten den Durchblick.

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In 70 Tagen verlässt Großbritannien die EU. Bereits jetzt ist deutlich, dass selbst ein Brexit ohne Deal kein echtes Ende der Beziehungen sein wird, sondern der Beginn neuer Verhandlungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich. Dann gilt es, die künftige Beziehung zwischen den 27 Staaten diesseits und dem einst so mächtigen Reich jenseits des Ärmelkanals auszuloten. Willkommen in der rechtsstaatlichen Wirklichkeit: Nach dem Vertrag ist vor dem Vertrag!

Erst rang man jahrzehntelang ums Miteinander, jetzt ringt man – nunmehr schon seit mehr als drei Jahren – ums Auseinander. Und bald wird man ums Nebeneinander ringen. Keine Nation, und sei sie noch so mächtig und stolz, kann ohne die anderen. Eine globale Weltwirtschaft zwingt uns in eine globale Weltgemeinschaft – und die muss nun mal geregelt werden.

Wer übernimmt dabei die Verantwortung? In der Politik verstecken sich die Akteure derzeit lieber hinter Dienstordnungen und Wahlverfahren – und überlassen auf diese Weise großspurig auftretenden Populisten das Handlungsfeld. Der neue britische Premierminister hat schon als Außenminister versagt und gibt auch jetzt keine überzeugende Figur ab. Hatte mancher Beobachter vielleicht noch auf einen – eventuell stilistisch etwas exzentrischen – Verhandlungspoker gehofft, so ist jetzt klar, dass Boris Johnson sein Land tatsächlich in einen No-Deal-Brexit steuert.

Politisch legitimiert ist er dazu lediglich durch die sehr knappe „Leaver“-Mehrheit im Referendum 2016 und durch seine Wahl zum Parteivorsitzenden durch 160.000 Tories-Mitglieder. Eine karge Basis, um ein Land mit 60 Millionen Bürgerinnen und Bürgern zu vertreten. Da sollte man meinen, dass etwas mehr Vernunft in die Diskussion zu bringen leichtfallen müsste. Schließlich wird der No-Deal-Brexit dem Land verdammt wehtun, was eigentlich alle wissen. Doch auch die Opposition in Großbritannien hat sich verrannt. So bewegt sich das Land wie in einem Albtraum unweigerlich auf ein böses Erwachen zu.

Es fehlt eine klare Vision für die britische Wirtschaft nach einem harten Brexit. Der Finanzplatz London erlebt bereits jetzt einen gigantischen Braindrain und Abfluss der Gelder. Die Abwanderung von Unternehmen und Wirtschaftskraft ist eine unmissverständliche Botschaft, was die Unternehmer und Top-Manager von dem aktuellen Chaos-Kurs erwarten. Sie wollen und können die wirtschaftlichen Fakten nicht länger ignorieren.

So wird demnächst Realität, was nach dem Referendum vor mehr als drei Jahren niemand für möglich hielt. Großbritannien trotzt sich ohne Not zurück in die vormoderne Isolation – nur diesmal nicht als weltbeherrschendes Commonwealth, sondern als in sich gespaltener Inselstaat.

Schuld an dem Desaster hat aber nicht allein ein unüberlegt ausgeführtes Referendum und ein politisches System, das sich seit jeher mit politischen Kompromissen schwertut. Auch die Wirtschaftselite hat ihren Anteil daran. Sie hätte das Realitätsvakuum der polarisierten und zum Teil schlecht informierten Bevölkerung zumindest teilweise schließen können, ja, müssen. Stattdessen wurde vor allem darauf vertraut, dass es schon nicht so schlimm nicht werden würde.


Die politische Verantwortung als Wirtschaftslenker zu missachten, rächt sich spätestens dann, wenn die letztlich doch für rational gehaltenen Politiker plötzlich wirtschaftspolitische Weichen stellen, die aus wirtschaftlicher und sozialer Sicht irrational sind und katastrophale Folgen haben. Die Brexit-Sackgasse hat keine Wendemöglichkeit – jetzt kommt niemand mehr unbeschadet heraus.

Airbus hatte sich immerhin lautstark gemeldet und auch schon frühzeitig gewarnt. Doch vermutlich aufgrund des dadurch evozierten heftigen Gegenwinds aus der Politik fand kaum ein weiteres Unternehmen den Mut, ebenfalls die Stimme zu erheben. Gerade mittelständische und kleinere Unternehmen sind nicht oder zumindest nicht gut auf den No-Deal-Brexit vorbereitet. Die Frage ist nur, wie groß der Schaden sein wird. Noch überwiegt auf dem Festland die Hoffnung, dass es für Europa „nicht so schlimm“ wird. Zumindest dies geradezu starrsinnige Beharren und Vertrauen auf den Status quo haben wir mit den Briten gemein.

Doch der europäische Finanzmarkt, der sich gerade erst von der 2008er Krise erholt hat, kann sich nicht leisten, unvorbereitet in die nächste Finanzkrise zu schlittern. Welcher Liebhaber britischer Wettlust hätte wohl auf dieses Pferd gesetzt: Ausgerechnet die oftmals als müde Amtsschimmel verspotteten Beamten haben die stärkste Führungskompetenz bewiesen. Es waren die Finanzaufsichtsbehörden in den Mitgliedstaaten, auch in Großbritannien, wie die BaFin, die FCA und auch die EZB, die in den letzten drei Jahren vorausschauend agiert haben, um den Markt in Europa stabil zu halten. Von Anfang an den Worst Case im Blick, haben sie Banken und Finanzinstitute gedrängt, entsprechend vorzusorgen. Ja, das war unbequem und hat Geld gekostet. Aber jetzt hegt die besonnene Weitsicht der Behörden das anstehende Chaos ab November ein. Der Finanzplatz London wird an Bedeutung verlieren, aber der europäische Finanzmarkt wird hoffentlich nur mit einem blauen Auge davonkommen.

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