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Führungswechsel
Quelle: Fotolia

Ein Rat an die Generation Y: Fragt nicht, was ihr dürft!

Braucht es in unseren Management-Etagen einen Generationenkampf jung gegen alt? Es klingt zwar nach Revolution und Aufbruch, doch der Kampf ist unnötig. Die heute 50-Jährigen haben eine Menge Erfahrung mit Innovationen.

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Allenthalben wird auf die unbewegliche alte Manager-Garde geschimpft: Sie sperren sich gegen Innovationen, sie blockieren neue Ideen und sie verstehen das Internet nicht. Dagegen tritt derzeit mit Pauken und Fanfaren die hochgelobte Nachwuchs-Elite der jungen Generationen an. Sie machen alles anders, digital native, agil, kooperativ, disruptiv. „DesignThinking“, „Scrum“ und „New Work“ sind die Schlagworte, mit denen die schweren Gefängnistore der Old Economy zertrümmert werden sollen. Doch Augen auf: Der vermeintlich revolutionäre Sturm auf die Bastille des Kapitalismus ist in Wahrheit ein Spaziergang durch weit geöffnete Türen!

Sicher, gegen die autoritären Vorstandsetagen mussten einst die 68er-Studierenden rebellieren. Und die Grenzen national beschränkter Mittelstands-Patriarchen mussten später liberal sozialisierte Young Urban Professionals überwinden. Doch die Wirtschaftselite von heute ist gar nicht so verknöchert wie behauptet. Das aktuelle Top-Management besteht überwiegend aus weltoffenen, innovationsorientierten Männern und – doch, wirklich! – Frauen, die zwar 20 Jahre Erfahrung mitbringen, aber eben oft 20 Jahre Erfahrung im Innovationsmanagement.

Es entstand nämlich schon um die Jahrtausendwende, also vor ziemlich genau zwei Jahrzehnten, die sogenannte „New Economy“, die mit anderen Geschäftsmodellen, anderen Beteiligungsformen, anderen (genau: digitalen) Produkten und Dienstleistungen die bestehende (analoge) Marktwirtschaft unter Druck setzte: Facebook gibt es anderthalb Jahrzehnte. AOL hatte schon Anfang der Nuller-Jahre Millionen Kunden weltweit und war als Anbieter von Suchmaschine, Unterhaltungsportal und Kommunikationsnetzwerk quasi die Mutter aller heutigen Messenger-, Chat- und Streamingdienste. Google ging 1997 online. Amazon verkaufte 1995 das erste Buch via Internet und machte bereits 1996 mehr als 15 Millionen US-Dollar Umsatz.

Kurz: Wer heute im Top-Management arbeitet, war zu Beginn der digitalen Revolution so alt, wie die Generation Y es heute ist. Und eben jene vermeintlich bloß spaß- und konsumfixierte Generation X war es, die mit Kraft, Mut und Energie die Tore der analogen Wirtschaftsburg aufgestoßen hat.

Ich zum Beispiel habe Ende der 90er Jahre in meinen ersten Berufsjahren bei Daimler an der Entwicklung des Smart-Mobilitätskonzepts mitgewirkt – und damit gemeinsam mit anderen die Grundlagen für das geschaffen, was heute als Zukunftsmodell „Share Economy“ bejubelt wird. Andere haben ihre Lebens- und Arbeitszeit der Entwicklung mobiler Bezahldienste, GPS-gesteuerter Dienstleistungen oder künstlicher Intelligenz gewidmet. Das brauchte schon damals weniger martialischen Kampf- als mutigen Erfindergeist. Es war keine Revolution, sondern ein munteres Experimentieren in Nischenmärkten am Rande der konventionellen Marktwirtschaft.

Jetzt ist es Zeit, dass die nächste Generation den Anfangsmodellen durch technologische Weiterentwicklung einen eigenen Stempel aufdrückt. Und genau da ist noch allerhand zu tun. Wissen, Bildung, technologisches Geschick und alle Grundkompetenzen sind vorhanden. Was fehlt den jungen Talenten noch, um richtig durchzustarten? Die Aufgaben, vor denen die globale Wirtschaftswelt derzeit steht, sind allemal nicht zu unterschätzen. Es geht darum, global skalierbare Geschäftsmodelle zu schaffen, standardisierte und damit automatisierbare Prozesse zu entwickeln und gleichzeitig eine menschenwürdige Arbeitswelt zu formen, die den industriellen Reichtum mit sozialer Gerechtigkeit verbindet. Es geht darum, nicht nur massenhaften Konsum, sondern eben auch globale klima- und umweltgerechte Produktion zu ermöglichen. Auch das ist übrigens nicht neu. Die Umwelt- und Friedensbewegung ist ebenfalls schon ein halbes Jahrhundert alt. Aber das Bewusstsein, dass es nun an der Zeit ist zu handeln, dies Bewusstsein ist stärker – und das ist gut so!

Deswegen, liebe Nachwuchs-Führungskräfte, spart euch den Kampf mit verbalen Disruptions-Wattebäuschen. Präsentiert der Welt lieber eine Vielzahl an Ideen, von denen am Ende mindestens eine funktioniert. „Wir haben eine App!“ ist aber noch keine überzeugende Antwort auf nur eine einzige Zukunftsfrage. Dafür braucht es schon ein wenig mehr. Deswegen ist es auch nicht verknöchertes Klammern ans Ewiggestrige, wenn aus eurer Chefetage kritische Rückfragen kommen: Zielgruppe? Nutzen? Mehrwert? Marktrelevanz? Skalierbarkeit? Anbindung an bestehende Bezugspunkte? Nein, liebe Leute, es ist die Aufgabe einer verantwortungsvollen Führungskraft, digitale Schnapsideen als das zu entlarven, was sie sind. Durch Mitdenken, Reflektieren und Nachhaken zu befeuern oder, bevor zu viele Ressourcen versenkt werden, eben auch rechtzeitig zu stoppen.

Wenn ihr an solch minimalem Gegenwind schon zerbrecht, dann werdet ihr den weiten Weg bis zum Markt und dann noch weiter bis zum Endkunden nicht bewältigen. Macht die Augen auf! Vielleicht sitzt ihr tatsächlich im goldenen Käfig des untergehenden Industriezeitalters, aber die Türen stehen längst offen, weit offen. Schaut nicht auf die Gitter. Schaut auf den blauen Himmel. Statt mit rhetorischen Fahnen gegen ein vermeintlich bürokratisch-autoritäres System anzustürmen, geht lieber Schritt für Schritt mit klaren Ideen, konkreten Vorschlägen und durchdachten Konzepten in die zukünftige Welt und holt Euch – wenn Ihr nicht mehr weiterwisst, aber erst dann! – aus anderen Generationen Rückhalt! Seid die nächste Pioniergeneration. Träumt, probiert aus und scheitert. Träumt wieder, probiert erneut und triumphiert. Ihr habt das Zeug dazu und – versprochen! – die geistige und finanzielle Unterstützung, um weitere Innovationen in einem sicherlich komplexeren sozial- wie umweltbewussten Umfeld voranzutreiben.

Selbst wenn euch jemand zurückpfeifen will – was juckt euch das?! Lieber hinterher um Entschuldigung bitten als vorher um Erlaubnis fragen! Oder sucht ihr in Wahrheit nach Grenzen, Regeln und Verboten, weil ihr Ausreden für eure eigene Ideen- und Mutlosigkeit braucht? Weil euch das weiße Blatt Papier mehr Angst macht als die engen, aber sicheren Leitplanken? Traut euch doch einfach mal. Fragt nicht, ob ihr dürft. Lauft los und zeigt, was ihr könnt!

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