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Führungswechsel
Quelle: dpa

Wie Immobilien beweglich bleiben

Flexibilität und Wendigkeit sind auch in der Immobilienbranche angekommen. Jedenfalls bei den Bewohnern. Viele Unternehmen hinken da noch hinterher.

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Tiny Houses sind der neuste Schrei. Kleine smarte Hütten, am besten mit vier Rädern drunter, damit man sich frei bewegen kann. Früher sagte man Wohnwagen dazu und nannte deren Bewohner abfällig „Zigeuner“. Heute sind die Small Houses ein „Movement“ und werden von Hipstern von Berlin-Neukölln bis London-Shoreditch als „Must-have“ vergöttert. 

Flexibilität, Wendigkeit, Mut zum Ausprobieren und die permanente Lust, etwas Neues zu starten, sind auch in der Immobilienbranche angekommen. Jedenfalls bei den Bewohnern. In den Unternehmen leider noch sehr langsam. Hier zählen in der Regel erwiesene und erfolgversprechende Werte der Vergangenheit wie Beständigkeit und Stabilität. 

„Bricks & Mortar“, englisch für Stein und Lehm, dient in der Abkürzung „B&M“ als Bezeichnung für herkömmliche Ladengeschäfte, die anders als Online-Shops ihre Kunden nicht via Internet werben und bedienen. Der „B&M“-Einzelhandel liegt zunehmend auf der Palliativstation der Wirtschaft. Selbst wenn sich Applenoch opulente Konsum-Kathedralen als Flagshipstores in die Innenstädte bauen, das Geschäft wird verstärkt online gemacht. 

In immer kürzeren Rhythmen neue Produkte mit neuen Features – das lässt sich nicht in Immobilien materialisieren. Wie soll man solche Flexibilität in vier Wände kleiden? Ist der „aufgepimpte“ Bauwagen tatsächlich die Wohnform der Zukunft?! Und werden die Flexibilität und „User Experience“ die altbewährten Erfolgsfaktoren im Unternehmertum ersetzen? 

Nicht nur die Kunden möchten immer schneller immer individueller bedient werden, sondern auch die Mitarbeiter wollen sich nicht mehr stur an Arbeitszeiten und Arbeitsorte binden lassen. New Work meint vor allem flexibles Arbeiten: Home Office, Beach Office, Mobile Office. Morgens, mittags, nachts arbeiten. Vier Tage die Woche oder zwei Stunden am Tag. Heute hier, morgen dort.

Statistiken zeigen, dass die Zahl der Selbständigen und Freelancern stetig steigt. Unternehmen wie Mindspace oder Design Offices stellen sich diesem Trend und beeindrucken durch starkes Wachstum (auch wenn First-Mover wie WeWork erste Turbulenzen durchleben dürfen). Das wird derzeit vorrangig durch finanzstarke Investoren ermöglicht. Indem sie große Immobilien einfach kaufen oder mieten und in hochwertige Co-Working-Spaces umwandeln, drängen sie allerdings eher mit monetärer Gewalt als mit kreativen Ideen in den Markt. 

„Wir formen unsere Gebäude, danach formen sie uns“

Doch braucht die Wirtschaft wirklich statt der traditionellen Gewerberäume-Laufzeit von mindestens fünf Jahren, jetzt eine Tag-für-Tag-Flexibilität? Oder geht es bei aller Beweglichkeit nicht doch eigentlich um mittelfristige Stabilität mit Perspektiven für einige Monate oder doch ein paar Jahre? 

Eine wirklich smarte Antwort wagt das Berliner Startup intertempi, das statt in eigene Immobilien zu investieren mit seiner Technologie-Plattform ein Ökosystem von Smart-Office-Funktionalitäten schafft und so durch Hard- und Software-Module den Vermietern und Mietern ermöglicht, schnell eine attraktive Nutzung ihrer Flächen zu realisieren. So spart man sich den Mittelsmann und erzeugt eine preiswerte Win-Win-Lösung für Eigentümer und Mieter. Zwischennutzung nannte sich das früher. Doch die verkürzte Langfristigkeit könnte zur Dauerlösung werden. 

Auch das Innen- und Außenleben der Gebäude kann flexibler und interaktiver werden. Im Wohnbereich geht die Entwicklung in diese Richtung: IKEA hat diesen Trend erkannt und kooperiert mit dem Unternehmen Ori, um Micro-Apartments durch ein roboterbetriebenes Möbelsystem schneller umgestalten zu können. Das gemeinsam entwickelte Produkt „Rognan“ soll schon 2020 in HongKong und Japan auf seine Marktfähigkeit getestet werden. 

„Wir formen unsere Gebäude, danach formen sie uns“, sagte Winston Churchill und das gilt nicht nur als Metapher für politische Räume, sondern auch tatsächlich für die Welt, die wir uns aus Beton und Asphalt schaffen. Immobilien sind Ausdruck von Form und Struktur unseres Denkens und unserer Haltung. Aber sie prägen auch Denken und Haltung. Im Management großer Unternehmen sollten wir uns deswegen fragen, was wir ändern müssen, um mit dem Wertewandel des 21. Jahrhunderts Schritt zu halten. 

Die beste Antwort stammt von der Architektin Eileen Gray: „Um zu erschaffen, muss man zuerst alles in Frage stellen.“ Also: Um im Kopf beweglich zu werden, müssen wir die Strukturen der Vergangenheit einreißen. Wir sollten Räume für die vielen Alternativen des Noch-Nicht offen halten und Platz für die Vielfalt künftiger Möglichkeiten schaffen. Wir müssen die Grenzen der Ordnung sprengen und das Althergebrachte durcheinanderbringen: Alte Hasen, redet mit jungen Füchsen! Konzerne kooperieren mit Start-ups! Stahlbetonbauer fragt Software-Architekten! Denn nur so lässt sich das Paradox der heutigen Bauwelt, „mobile Immobilie“, flexibel in Stein meißeln.

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