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Führungswechsel
Quelle: imago images

Zickzack ist das neue Straight

Das Jammern über Fachkräftemangel führt auf die falsche Fährte. Gerade in Deutschland ist der Glaube besonders ausgeprägt, es brauche für alles Spezialisten. Stimmt nicht: Wir brauchen kluge Köpfe mit Mut und Phantasie.

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Stieg man früher nach dem Kamin-Prinzip die Karriereleiter systematisch nach oben, im bequemsten Fall, indem man dem Chef einfach nachfolgte, so geht es heute auch nach oben garantiert nicht mehr geradeaus. Zickzack ist das neue Straight!

Spezialisten haben auf die Dauer keine Chance. Im Gegenteil: Je präziser sich Wissen strukturieren lässt, desto leichter lässt es sich automatisieren. Maschinen übernahmen einst die körperliche Arbeit, jetzt übernehmen Roboter die geistige. Bleibt die emotionale Arbeit übrig. Und die kreative und die soziale. Je bunter, desto besser. Aus Blue- wurden White-Collar-Jobs; jetzt werden daraus Colourful-Jobs.

Die globalisierte Informationsgesellschaft benötigt vollkommen andere Skills als die herkömmliche Industriewelt. Künftig geht es um kritischen Verstand, interkulturelle Kompetenz und emotionale Intelligenz. Es geht um unternehmerische Eigenschaften wie Ideenreichtum, Lösungsorientierung, Eigenantrieb, Mut, Entschlussfreude, Tatendrang, Selbstverantwortung, und Teamfähigkeit – und auf keinen Fall zu vergessen: umsichtiger Umgang mit Menschen und Umwelt, ethische Reflexionsfähigkeit und moralisches Urteilsvermögen.

Heutige Berufseinsteiger stehen vor der besonderen Herausforderung einer radikalen Umbruchszeit. Sie sind noch im alten Bildungssystem aufgewachsen, in dem oftmals das fleißige Reproduzieren tradierter Wissensinhalte besser bewertet wurde als das kritische Hinterfragen oder die Entwicklung ungewöhnlicher Ideen. Ihre älteren Berufskollegen hatten als Anfänger noch Seminare, Kurse und Schulungen bekommen. Immer getreu dem Motto: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Fort- und Weiterbildung war ein fest strukturiertes Personalentwicklungstool in einer geordneten Unternehmenswelt, in der man High Potentials direkt von der Uni abwarb und sie dann systematisch durch Traineeprogramme bis auf den höchstmöglichen Chefsessel schleuste. Dort reproduzierten sie tausendfach ihr einmal erworbenes Wissen.

Damit ist es längst vorbei. Heute ist lebenslanges Lernen unabdingbar, schon allein um die eigene „Employability“, also Vermittelbarkeit auf dem Arbeitsmarkt, langfristig sicherzustellen. Während gleichzeitig die traditionellen Fort- und Weiterbildungsangebote dem Sparzwang zum Opfer fallen, müssen Hans (und natürlich auch Greta) selbst sehen, woher sie das Wissen bekommen, das sie – buchstäblich unvermittelt – mitbringen müssen. Wurde ihnen in der Schule und im Bachelor-Studium noch jegliche Eigeninitiative ausgetrieben, müssen sie im Job plötzlich ihre Weiterentwicklung selbst in die Hand nehmen.

Wer nicht mit dem Wandel geht, geht mit dem Wandel. Neugier ist Top-Skill Nr. 1 und Innovationsfitness steht auf dem Trainingsplan der neuen Leadership-Generation. Obgleich Internet und soziale Netzwerke beständig neue „Self learning“-Möglichkeiten für Wissbegierige bieten, tun sich Deutsche damit oft schwer. Wie oft höre ich solche Sätze: „Ich spreche ganz gut Französisch, aber habe dafür kein Diplom.“ Als wenn es zum Sprechen ein Zertifikat bräuchte!

Hat man in Deutschland ein Problem, sucht man einen Experten. In Frankreich sucht man eine Idee. Deswegen führt das hierzulande besonders verbreitete Jammern über Fachkräftemangel meist auf die völlig falsche Fährte. Wir brauchen nicht neue Spezialisten. Wir brauchen kluge Köpfe mit Mut und Phantasie. „Mieux vaut une tête bien faite qu’une tête bien pleine!“, sinngemäß: Lieber ein denkender Kopf als ein Kopf voller Wissen, wusste schon Michel de Montaigne, Philosoph des 16. Jahrhunderts, der mit seinen Essays Generationen von Franzosen geprägt hat. In einer Zeit, in der Agilität großgeschrieben und Geschwindigkeit wichtiger als Perfektion wird, ermutige ich (ganz Französin) deswegen mein (überwiegend deutsches) Team immer wieder: „Einfach mal loslegen! Wenn’s schief geht, reparieren!“

Es geht nicht darum, alles zu wissen und Fehler partout zu vermeiden. Es geht vielmehr darum, Fehler zu machen und daraus zu lernen! Stichwort: „Minimum Viable Product“, zu Deutsch „minimal überlebensfähiges Produkt“. Gemeint ist, mit so wenig Aufwand wie möglich eine erste Anwendung zu erarbeiten, um ausprobieren zu können, ob die neu erdachte Lösung funktioniert.

„À cœur vaillant rien d'impossible“, sagen die Franzosen. Für ein mutiges Herz ist nichts unmöglich! Solch forscher Ton mag – nicht nur in Deutschland – für einen traditionellen CFO, den personifizierten Ärmelschoner mit größtmöglicher Risiko-Aversion, ungewöhnlich klingen. Für den CFO 4.0 gehört jedoch die Entwicklung neuer Geschäfts- oder Bezahlmodelle und das Aufspüren innovativer Prozesse und unkonventioneller Finanzierungswege zum ganz normalen Business-Alltag. Statt nach der perfekt konzipierten Lösung zu suchen, muss man dabei manchmal etwas wagen. Es geht um den Mut, einfach mal ins unbekannte Wasser zu springen. Ce n'est pas la mer à boire, heißt ein französisches Sprichwort. Zu Deutsch: „Man muss nicht das Meer austrinken.“ Oder anders gesagt: Es wird schon nicht so schlimm, wie du denkst.

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