Gastbeitrag Was ist Talent und wie kann man es fördern?

Man muss nicht gleich an Mozart oder Einstein denken, wenn von Talent die Rede ist. In jedem Menschen stecken individuelle Begabungen. Entscheidend ist, ob sie entdeckt und durch die richtige Umgebung gefördert werden, schreibt der Begabungsforscher Christian Fischer.

Wo erfolgreichen Menschen die besten Ideen kommen
Stress, nervige Kollegen, besserwisserische Vorgesetzte - es gibt viele Gründe für Einfallslosigkeit am Arbeitsplatz. So ist es nicht erstaunlich, dass gerade einmal 3,4 Prozent aller Deutschen finden, ihr Arbeitsumfeld fördere Kreativität. Satte 9,9 Prozent weichen zum Grübeln und Überlegen folgerichtig auf das stille Örtchen aus: Sie haben ihre besten Ideen auf der Toilette. Fotos: dpa, Reuters, ap, PR
Er gilt als einer der berühmtesten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Seine geistigen Ergüsse schrieb der Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway am Stehpult nieder - mit einem Drink in der Hand.
Sein umfangreiches Werk gehört zu den bedeutendsten im Repertoire der klassischen Musik: Das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart hatte seine besten Ideen - im Bett. Im gemütlichen Zettel-Chaos lief der Komponist erst so richtig zur Hochform auf.
Sir Isaac Newton war ein englischer Physiker, Mathematiker, Astronom, Alchemist, Philosoph und Verwaltungsbeamter. Bis heute gilt er als einer der größten Wissenschaftler aller Zeiten, mit seiner Prinzipia legte er den Grundstein für die klassische Mechanik. Gearbeitet hat Newton am liebsten im Garten.
Seine Dramen gehören zum besten, was die deutsche Sprache zu bieten hat. Aber auch als Lyriker hat sich Friedrich Schiller einen großen Namen gemacht. Um sich zu entspannen und der Kreativität freien Lauf zu lassen, stellte der Stürmer und Dränger seine Füße gerne in kaltes Wasser.
Das Badezimmer scheint auch für Regisseur Woody Allen ein besinnlicher Ort zu sein: Inspiration findet der US-Amerikaner beim Rasieren. Angesichts von über 50 Filmen als Drehbuchschreiber und Regisseur scheint dies eine recht vielversprechende Form kreativer Entspannung zu sein.
Dirk Engehausen, in der Mitte des Bildes, ist der Deutschland-Chef von Lego. Seine besten Ideen hat der Manager im Swimmingpool: Beim Drehen der Bahnen lässt er seine Gedanken kreisen.
Beim Sport kann man abschalten und/oder kreativ sein: Hans-Peter Villis, Ceo von EnBW, setzt sich zum Grübeln am liebsten aufs Fahrrad.
Für viele ist Autofahren pure Hektik und Stress. Nicht so für Petra Hesser. Die Ikea-Deutschland-Chefin ist erst hinter dem Lenkrad so richtig kreativ - und verpasst bei neuen Ideen bisweilen die richtige Ausfahrt.
Auch Ralph Haupter, Deutschland-Chef von Microsoft, nutzt das Auto als Kreativraum - wenn da nicht einmal die Sicherheit im Straßenverkehr leidet.
Um seine Ideen zu kreieren, gönnt sich der Chef von Carl Zeiss, Dieter Kurz, gerne einmal eine Auszeit. Am liebsten zieht sich Kurz auf sein Segelboot auf dem Bodensee zurück.
Beinahe schon klassisch mutet die Suche nach Einfällen bei Herbert Hainer an. Der Adidas-Ceo ist beim Joggen im Wald besonders einfallsreich und hetzt sich so regelmäßig zu sportiven und gedanklichen Höchstleistungen.
Auch René Obermann, Chef der Deutschen Telekom, joggt gerne morgens vor der Arbeit, um sich für den anstehenden Tag gedanklich fit zu machen.
Auf sportliche Ideenjagd geht auch Jürgen Großmann. Der ehemalige RWE-Chef fährt im Urlaub gerne Ski - im Sessellift und auf der Piste kommt er so auf neue Gedanken.

Bevor man übers Talent spricht, muss man klären, was das überhaupt ist. Talent oder Begabung lässt sich allgemein als individuelle Befähigung zu bestimmten Leistungen definieren. Man muss also deutlich zwischen Begabung und Leistung unterscheiden, wie es der Begabungsforscher William Stern bereits 1916 getan hat: „Begabungen sind immer Möglichkeiten zur Leistung, unumgängliche Vorbedingungen, sie bedeuten jedoch nicht Leistung selbst“. Unterscheiden muss man aber auch die sehr verschiedenen Talentbereiche beziehungsweise Begabungsformen, sowohl die intellektuellen, als auch nicht-intellektuellen. Dazu gehören vor allem verbale, numerische und räumliche Begabungen sowie musikalische, sportliche und künstlerische Talente.

Prof. Dr. Christian Fischer ist Vorstandsvorsitzender am Internationale Centrum für Begabungsforschung (ICBF) in Münster. Quelle: PR

Zunehmend wird auch die Bedeutung der sozialen und emotionalen Begabung hervorgehoben, wie etwa Howard Gardner in der Theorie der multiplen Intelligenzen betont. Diese Begabungen umfassen wiederum unterschiedliche Facetten, wie dies etwa bei sportlichen Talenten bezogen auf die verschiedenen Sportarten deutlich wird. In diesem Kontext ist die Kopplung von Stärken und Schwierigkeiten nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb eines Talentbereichs denkbar. So kann ein Mensch bezogen auf eine Sportart hochtalentiert sein, während dieselbe Person hinsichtlich einer anderen Sportart als untalentiert gilt. Diese Vielfalt des Fähigkeitspotenzials lässt den Schluss zu, dass jeder Mensch über individuelle Begabungen in verschiedenen Bereichen mit unterschiedlichen Ausprägungen verfügt. Anders gesagt: Völlig untalentiert ist niemand.

Wie kann man Talent entdecken und fördern?

Ob diese individuellen Talente eines Menschen identifiziert werden können, hängt von den unterschiedlichen Formen der Begabung ab. Einige lassen sich relativ eindeutig feststellen: Intellektuelle Begabungen kann man zum Beispiel mittels Intelligenztests prüfen. Mit verschiedenen Untertests lassen sich dann verbale, numerische und räumliche Begabungsprofile überzeugend abbilden. Bei nicht-intellektuellen Talenten wird es komplizierter. Sie zu identifizieren erfordert spezielle Diagnoseverfahren etwa in Form von Wettbewerben bezogen auf musikalische, sportliche und künstlerische Talentschwerpunkte. Dabei ist die Talentsichtung oftmals mit der Begabungsförderung gekoppelt, wie dies etwa in Musikschulen, Sportvereinen und Kunstakademien schon lange erfolgreich praktiziert wird.

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Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung einer förderlichen Lernumgebung, also von Personen und Institutionen des persönlichen Umfeldes. Sie müssen zu den individuellen Begabungen und Interessen passen. Letztere hängt eng mit der persönlichen Motivation zusammen, die dazu beiträgt, dass Menschen passende Lernumgebungen aktiv aufsuchen und somit die eigene Talententfaltung beeinflussen können. Dies wird vor allem bei Menschen sichtbar, welche sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit einer bestimmten Talentdomäne etwa in Musik oder Sport vom Novizen zum Experten entwickeln. Dieser Weg zur Leistungsexzellenz verdeutlicht gleichermaßen die Bedeutung persönlicher Begeisterung für eine Talentdomäne sowie die Relevanz intensiver Beziehungen zu kompetenten Personen, wobei wiederum die Anpassung der Lernangebote an die Lernbedürfnisse entscheidend ist.

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