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Gefühle im Job „Ekel führt zu Gesundheit, auch im Job“

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„Viele glauben, dass sie nicht emotional sein dürfen“

Zurzeit wird viel über die Generation junger und künftiger Arbeitnehmer gesprochen, Stichwort Generation Z. Sie gilt als sehr entspannt und weniger gestresst. Was machen jüngere Leute anders?
Sie weichen aus. Sie gehen nicht in den Widerstand, sondern ins Loslassen. Das ist ihre Art, mit Druck umzugehen. Sie ziehen den Widerstand nicht nach innen – das Pflichtgefühl ist nicht mehr so stark – das dürfte auch gesundheitliche Auswirkungen haben.

Ist es also eine gute Reaktion?
Eigentlich nicht, weil sie sich der Sache nicht stellt. Ich stelle mich damit auch nicht meinen inneren Bedürfnissen. Das Thema Identität spielt hier eine Rolle. Identität und Gesundheit hängen aber zusammen. Ich komme nicht zu mir, wenn ich immer ausweiche. Da fehlt dann auch die Reflexion, die genau da hinführen könnte. Diese jungen Leute müssten auch mal in den Konflikt hinein und ihn ausleben. Sie vermeiden zwar den Ekel, aber der ist auch das Symbol für die Auseinandersetzung mit mir selbst. Der Ekel ist dafür da, dass wir uns selbst und unsere Werte und Überzeugungen verteidigen. Das verleiht Energie.

Was bedeutet das eben beschriebene Verhalten der Jüngeren für Führungskräfte? Müssen sie emotionaler werden?
Die Arbeit muss aus Sicht der Jungen cool sein und Spaß machen. Wie soll das ohne Emotionen gehen? Geld ist dagegen kein Faktor mehr. Wenn man des Geldes wegen arbeitet, kommt man in den kühlen, emotionsfreien Bereich, das macht nicht glücklich. Die junge Generation hat das losgelassen. Die Antwort lautet also: Ja!

Wie ist die bisherige Managementdenke in Bezug auf Emotionen?
Der Großteil der oberen Manager würde sagen: Emotionen gehören nicht in die Entscheidungsfindung. Wenn man sie aber fragt: Was ist mit Begeisterung, mit Kraft und Power, das Ding zu machen? Da stimmen sie dann voll zu. Das Problem ist also, dass Emotionen den Ruf haben, etwas Weiches zu sein. Wenn man erklärt, was alles Emotionen sind, sind auch die meisten Manager der Meinung, dass sie sie doch gebrauchen können. Natürlich wollen sie Sicherheit, das Gefühl von Erfolg und so weiter. Das Management ist gerade in einem Umbruch. Diese Managergeneration kapiert langsam, dass sie Emotionen brauchen, haben aber noch Berührungsängste. Viele glauben, dass sie nicht emotional sein dürfen. Aber sie dürfen. Und sie müssen. Das ist zwingende Voraussetzung für Führung. Wer Emotion nicht kann, dem werden die Leute weglaufen.

Das heißt, die Haltung der Jüngeren verstärkt nur die Dringlichkeit, dass Führungskräfte sich mehr Gedanken über Emotionen machen.
Es wäre schon immer gut gewesen, sich Gedanken über Emotionen machen und dann selber emotional zu werden. Aber die Vergangenheit war einfach mal so, dass wir sehr viel Energie ins Rationale und Prozessorientierte gesteckt haben. Jetzt sind wir in der Zeit der Digitalisierung. Heißt auch: Die Maschinen können die Aufgaben übernehmen, auf die wir keine Lust haben. Damit befreien wir das menschliche Potential wieder, die Kreativität.

Fußballtrainer gelten als Meister der Motivation, für den Erfolg zu kämpfen. Wenn dann ein Spiel trotzdem verloren geht, sehen wir verzweifelte, frustrierte, manchmal weinende Spieler. Was passiert da?
Beim Fußball sehen wir, was passiert, wenn man in die Extreme geht. Die Emotionen sind so aufgeheizt, dass sie außer Kontrolle geraten. Die Spieler sind so unter Druck, dass sie vor dem Tor stehen und den Ball drüber ballern. Wichtig ist zu erkennen: Es geht nicht um tatsächlichen Erfolg, sondern um das Gefühl von Erfolg. Kann ich einen Erfolg fühlen, auch wenn ich verliere? Wenn ich mit mir zufrieden bin, ja. Genauso geht es in meinem Ansatz mehr um ein Gefühl von Gesundheit, ein Gefühl von Freiheit und so weiter. Das beeinflusst wiederum meine Haltung und wie ich mein Gegenüber auch beeinflussen oder mitreißen kann.

Es klingt ein wenig unheimlich: Wo ist die Grenze, ab der ich meine Emotionen so stark kontrolliere, dass sie vielleicht gar nicht mehr authentisch sind? Was ist noch echt und welches Gefühl ist vielleicht nur mal eben hoch- oder runtergefahren worden?
Was wir uns bei unseren Reaktionen wünschen ist, dass sie aus einer souveränen Position herauskommen. Wir wollen nicht unkontrolliert herausknallen. Wir wollen nicht, dass unsere Emotionen und Gefühle uns steuern und wir hinterher bereuen, was wir gesagt oder getan haben. Das heißt nicht, dass ich die Emotionen nur steuere. Wenn ich verliebt in einen anderen Menschen bin, tue ich das ja nicht bewusst, kann das auch nicht hoch- und runterfahren. Was ich aber tun kann ist, meine Gefühlsregungen bewusster wahrnehmen. Bei einem schönen Gespräch kann ich innehalten und denken „wie schön es gerade ist“ – dann verstärkt das die Situation. Oder ich habe gerade total Stress, weil meine Sicherheit gefährdet ist. Ich kann aus dieser Panik herauskommen, indem ich mir ein Gefühl von Vertrauen aufbaue, indem ich alles genau beobachte und mich freimache. Dann komme ich aus der Starre. So finde ich einen Zugang zu meinen Emotionen. Ich werde also nicht unauthentisch, sondern kann mit meinen Emotionen umgehen.

Nun sagt vielleicht manche Führungskraft: Das ist mir zu anstrengend. Ich kann meine Mitarbeiter nicht alle ständig lesen und womöglich sogar umerziehen. Ich hole mir lieber Mitarbeiter, die von vornherein funktionieren.
Was wäre das für eine Führungskraft? Die Aufgabe ist doch Führung und eine gute Definition ist: Die Führungskraft schafft die Rahmenbedingungen, damit die Mitarbeiter erfolgreich sein beziehungsweise sich erfolgreich fühlen können. Wenn ich das ernst nehme und Emotionen erkenne und damit umgehen kann, dann werde ich diese Mitarbeiter zu Höchstleistungen bringen, sie fördern und ihre Ängste verschwinden lassen. Wenn Mitarbeiter angstfrei über ihre Bedürfnisse sprechen können, dann habe ich das maximale Vertrauen. Der Mitarbeiter kann sagen: ich mache mir Sorgen, dass ich das nicht schaffe. Oder ich erkenne es selbst. Dann bin ich wirklich Führungskraft. Wenn nicht, hat man einfach nicht verstanden, was es bedeutet, zu führen.

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