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Gepflogenheiten im Ausland Warum ein einfacher Knigge-Kurs nicht reicht

Unternehmer, die beispielsweise in Indien Geschäfte machen wollen, brauchen mehr als nur ein Standard-Kniggetraining. Quelle: dpa

Wer sich mit lokalen Gepflogenheiten nicht auskennt, fällt bei der Geschäftsreise negativ auf. Schlimmer ist es, wenn kulturelle Unterschiede Expansionspläne oder ganze Unternehmen ruinieren. Wo Stolperfallen lauern.

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Ist Kaugummi kauen erlaubt? Wer bestellt den Wein und wer grüßt wen? Wie übergibt man eine Visitenkarte korrekt, welche Kleidervorschriften gibt es und wie geht guter Smalltalk in Italien? Zig Seminare und Workshops rund um interkulturelle Kompetenzen beschäftigen sich mit den kleinen und großen Fettnäpfchen, in die Geschäftsreisende im Ausland treten könnten. Die Nachfrage nach den Benimmkursen für den beruflichen Auslandsauenthalt ist groß.

Zu Recht, wie einige bekannte Patzer zeigen. So hat sich etwa Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Gipfeltreffen in Peking 2014 in die Nesseln gesetzt: Gemeinsam mit Staats- und Regierungschefs der asiatisch-pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) wartete er bei Temperaturen knapp über Null Grad auf ein Feuerwerk. Ganz der russische Gentleman legt er Chinas First Lady Peng Liyuan eine Decke um die Schultern, um sie zu wärmen. Die reagierte peinlich berührt und reichte die Decke an einen Begleiter weiter.

In China gehört es sich nicht, sich derart einer fremden Person zu nähern. Entsprechend irritiert schaute auch Staatschef Xi Jinping drein. Ein Crashkurs zu Benimm in China hätte diesen Fauxpas verhindern können. Wer kein Staatschef, sondern Unternehmer ist, kann sich durch derartiges Verhalten das Geschäft mit einem ausländischen Partner durchaus verscherzen.

Da würde sich Knigge im Grabe umdrehen
SchulmeisterereiOberlehrerhaftes Verhalten scheint typisch deutsch zu sein. Wachsender Trend: Deutsche schulmeistern gerne ihre Mitmenschen. „Sie sind ein schlechtes Vorbild für mein Kind, wenn Sie bei Rot über die Ampel gehen“ „Hier ist Ballspielen verboten“ „Hier raucht man nicht“: Schulmeistern hat nichts mit gutem Verhalten zu tun. Die Deutsche Kniggegesellschaft urteilt sogar: „Wir entwickeln uns zu einem Volk von Zurechtweisern. Das muss besser werden.“ Quelle: V.V.V.-Verlag
Sitz mit Aktentasche blockierenNerv-Trend Nummer zwei speziell bei Geschäftsreisenden: ein einziges Ticket kaufen und den Nebenplatz dennoch mit der Aktentasche blockieren. Andere Fahrgäste müssen stehen, das Gepäck hat´s bequem. Sehr effektiv, um von Hamburg bis Frankfurt ungestört zu sein, sozial aber nicht kompatibel, findet die deutsche Kniggegesellschaft. Quelle: dpa
Zu viele Löcher, labberige Hemden, kurze Ärmel mit KrawatteDer Businessmann macht laut der Kniggegesellschaft noch viel falsch. Darum: Perfekte Gürtel haben nur fünf Löcher, das Hemd muss zwei Zentimeter aus dem Ärmel schauen und kurze Arme mit Krawatte sind ein No Go. Damit sich diese Fashion-Fauxpas nicht wiederholen, raten die Benimm-Experten, auch als Mann mal hin und wieder einen Blick in eine Modezeitschrift zu werfen. Quelle: dpa
Lautstark in der Öffentlichkeit telefonierenEbenfalls auf der Kniggeliste steht der Handybrüller, vorzugsweise in Bus und Bahn. Den ganzen Waggon zu beschallen, ist schon ein Klassiker und bleibt dadurch weit oben auf der Liste der Benimm-Fehler der Deutschen. Dass leise und weniger und höflicher ist, ist immer noch nicht bei allen angekommen: Rechtsanwälte etwa posaunen immer noch die Namen und Aktenzeichen ihrer Mandaten durch den Zug (Gab´s da nicht eine Schweigepflicht?), andere lassen Mitreisende lautstark Anteil an Familien- und Beziehungsproblemen nehmen. Übrigens: Man kann auch leise in seinen Laptop hacken. Das muss nicht wie die alte Schreibmaschine MG klingen. Quelle: dpa
Vor dem Abbiegen nicht blinkenBlinken ist uncool, ist schon klar. Das machen nur Spießer. Der Selfmade-Man biegt ohne ab. Davon gibt es immer mehr, geißelt die Kniggegesellschaft. Da weiß man dann gar nicht, was der andere will und schon kracht es. Das ist extrem unsolidarisch. Also: Blink mal wieder! Quelle: dapd
Besteck falsch haltenJeder Zweite kann's nicht richtig, dabei ist es nicht schwer, Messer und Gabel richtig zu halten. Ein Messer ist kein Bleistift, also kein Grund, es wie einen Griffel zu halten. 50 Prozent der von der Knigge-Gesellschaft getesteten Besucher von Biergärten machten Besteckfehler beim Essen. Ein Vorsatz: Dringend Tischsitten updaten. In der Muße liegt der Genuss, dann klappt´s auch mit dem Knigge. Quelle: dpa
Daneben-Benehmen auf BetriebsfeiernAlle Jahre wieder immer dieselben Fehler. Vorsicht mit dem Alkohol, nicht Sexy-Hexy spielen und kein Geknutsche mit dem Chef. Das Betriebsfest ist nach wie vor vermintes Gelände. Hier enden immer wieder Karrieren. Überlebenstipp: Klappe halten, nichts ausplaudern und nicht am nächsten Tag krankfeiern. Quelle: dpa

Die Zusammenarbeit ist das größere Problem

"Kulturelle Probleme tauchen, anders als erwartet und in Workshops gelernt, nicht in Geschäftsessen oder Verhandlungen auf, sondern in täglichen Banalitäten wie Deadlines, Offenheit im Umgang mit Problemen oder der Feierabendkultur", sagt dagegen Heinz-Jürgen Althoff. Der Urerbe aus der Karstadt-Dynastie arbeitet seit vielen Jahren als Interim Manager und Berater für Start-ups und mittelständische Unternehmen.

Russlands Präsident Wladimir Putin mit Chinas First Lady Peng Liyuan Quelle: AP

Seit rund einem Jahr macht er den Ableger eines deutschen Mittelständlers in Indien fit. Althoff, der sich auf die Branchen Automobilindustrie, Maschinenbau, Elektrotechnik, Erneuerbare Energien und Medizintechnik spezialisiert hat, soll dort helfen, ein B2B-Produkt reif für den Massenmarkt zu machen.

„Der indische Ableger wurde von der Mutter gegründet, dann aber weitestgehend alleingelassen“, sagt Althoff. Der Gedanke dahinter: den deutschen Perfektionismus, der in der Heimat zu langsamen Entwicklungszyklen sowie zu überfunktionalen und teuren Maschinen führte, nicht auf die indische Tochter zu übertragen. Eine gute Idee – eigentlich.

So benehmen Sie sich in China richtig

Verzögerungen und Frust auf beiden Seiten

„Leider ist man dabei über das Ziel hinausgeschossen, hat notwendiges Wissen nicht weitergegeben, die Führung Menschen überlassen, die im Mutterkonzern niemand kannten und es dann noch versäumt, sich regelmäßig des Entwicklungsfortschritts zu vergewissern“, erzählt Althoff.

Auch hier war der indische Ableger auf sich alleine gestellt. In der Folge kam es zu Verzögerungen, Enttäuschung und Frust auf beiden Kontinenten. Was nicht nur an einer Partei liege, sondern daran dass sich die Deutsche Mutter offenbar nicht damit befasst habe, wie in indischen Betrieben gearbeitet werde.

Kreative Problemlösetaktiken? Fehlanzeige

„In vielen Besprechungen zu Versuchsergebnissen und der Suche nach einer technischen Lösung fiel mir auf, dass zwar fleißig Versuche gemacht, aber aus den vermeintlichen Fehlschlägen kaum Schlüsse gezogen wurden“, erzählt Althoff. Stattdessen sei etwas anderes ausprobiert worden – in der Hoffnung, dass der andere Weg den gewünschten Erfolg bringt. „Anders ausgedrückt: In der Regel werden Strategien verfolgt, die auf Gelerntem beruhen. Die meisten Ideen zur Lösung technischer Probleme wurden im Verlauf der Ausbildung auswendig gelernt und nacheinander ausprobiert. Eine kreative Auseinandersetzung mit Fehlversuchen und die Kombination neuer Ideen findet eher weniger statt.“

Nicht jeder, der europäisch scheint, arbeitet auch so

Althoff, der sich viel mit Unternehmensexpansionen und -niederlassungen in Asien, Nordamerika und Europa befasst, erlebt häufig, dass sehr erfolgreiche Mittelständler im Ausland schwer auf die Nase fallen. Sie gehen davon aus, dass Menschen, die auf den ersten Blick europäisch zu denken scheinen auch arbeiten, wie der gemeine Deutsche es gewohnt ist. Dabei schlackert ja schon innerhalb Europas so mancher Unternehmer mit den Ohren, weil beispielsweise Pünktlichkeit von Land zu Land anders interpretiert wird.


Auf anderen Kontinenten sind die Unterschiede dann noch stärker spürbar, wie er sagt. „Eigentlich merkt man es schon am indischen Flughafen: Der Taxifahrer hat die Regel gelernt, dass er Fahrgästen das Gepäck ins Auto zu tragen hat. Die Regel wird gnadenlos durchgezogen – ob der Fahrgast das möchte oder nicht. Ihm wird ohne einen einzigen Augenkontakt das Gepäck entrissen.“

Dass die Regeln der Kommunikation den unseren aber wieder sehr ähnlich seien, ließe viele Unternehmer die restlichen Unterschiede übersehen. Schließlich werde man sich viel schneller einig, als beispielsweise mit japanischen Geschäftspartnern, die Wert auf ganz andere Konversationsformen legten.

So benehmen Sie sich in Indien richtig


Das ändere aber nichts daran, dass Inder und Deutsche unterschiedlich ticken, so Althoff. „Oft bekomme ich zu hören, man könne dies und jenes nicht tun, weiterführende Aktivitäten müssen gestoppt werden und in der Folge sei der Terminplan nicht mehr zu halten. Schaut man dann genauer hin, ist alles nicht so tragisch und man kann vieles umlenken in positive Effekte, die alle angeblichen Verzögerungen kompensieren.“ Ein paar Planänderungen, ein bisschen Kreativität und schon sei man wieder auf dem richtigen Weg. Diese Herangehensweise gehöre jedoch nicht zum Repertoire der Kollegen vor Ort – und schon steht die Produktion so lange, bis jedes Einzelteil völlig perfekt ist.

Bei der Lösung solcher kultureller Differenzen nützt es natürlich wenig, wenn sich der deutsche Unternehmer lediglich damit beschäftigt hat, ob er den Herrn oder die Dame zuerst begrüßt, und ob man schon vor oder erst nach dem Dessert über das Geschäftliche spricht.

Tipps für Meetings im Ausland

Wer nicht nur höflich, sondern auch unternehmerisch erfolgreich sein wolle, brauche vor allem eine Beobachtungsgabe für kulturelle Unterschiede und genügend Feingefühl, damit umzugehen. Standard-Kniggetrainings nützen da eher dem Studenten, der fürs Auslandssemester nach Spanien geht.

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