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Hitschies statt Hitschler„Mir wurde klar, dass unsere Produkte jeder kennt, aber keiner die Marke“

Ein grinsender Chef auf Insta, bizarre Essgewohnheiten in Südkorea – und ein etwas freundlicherer Markenname: Wie es dem Familienunternehmen Hitschler gelungen ist, seine Schnüre und Ufos wieder bekannt zu machen.Claudia Tödtmann 03.06.2023 - 09:24 Uhr

Bekannte Kaubonbons: Aber warum heißen die Hitschies so?

Foto: WirtschaftsWoche

Im Lockdown von Köln Hürth aus den Süßwarenmarkt in Südkorea erobern? Philip Hitschler-Becker, Familienunternehmer in vierter Generation, ist dieses Kunststück gelungen. Genauer gesagt: Es ist ihm passiert. Einfach so.

Irgendwann wunderte er sich, dass sich Bestellungen in Südkorea auffällig häuften – und er erkundigte sich bei seinem dortigen Vertriebspartner. Der leistete kulturelle Aufklärungsarbeit. In Asien finde man Gefallen daran, sich auf Youtube Videos von Leuten anzusehen, die Speisen besonders geräuschvoll verzehren. Lebende Tintenfische zum Beispiel. Oder eben die Produkte, die das Familienunternehmen Hitschler im Odenwald produziert: kleine süße Stäbchen, die klacken, wenn man sie aneinander haut. „Auch das Schmatzen, das finden die besonders toll“, erzählt Hitschler-Becker im aktuellen WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“. „Das guckt man sich dort dann beim Abendessen an.“

Die Koreaner hatten für die Naschereien einen neuen Verwendungszweck gefunden. Und via Youtube die Nachfrage angekurbelt. „Und dann haben wir das natürlich aufgegriffen“, erzählt Hitschler-Becker. „Mittlerweile sind wir eine der Top drei Süßigkeitenfirmen in Südkorea. Und das Ganze setzt sich jetzt weiter fort: Japan ist dann auch auf den Hype aufgesprungen. China mittlerweile auch.“

Führt eine Süßwarenfirma mit 150 Mitarbeitern: Philip Hitschler-Becker.

Foto: PR

Mit 150 Mitarbeitern produziert Hitschler allerlei Naschwerk mit Namen wie Drachenzungen oder Spinnenbeinen – und schreibt (auch jenseits von Südkorea) gute Zahlen, wie der Chef versichert.

Doch was sich so kommod anhört, war ein Kraftakt. Denn als Hitschler-Becker 2017 mit 29 Jahren ins Familienunternehmen einstieg, machte es Verluste. Die Lage war kritisch: Mehrere Fremdgeschäftsführer hatten, nachdem sein Großvater 2010 verstorben war, das Unternehmen nur verwaltet statt in die Zukunft geführt. Und er als Youngster, der nach seinem Wirtschaftsstudium bloß in die Firmen Danone oder Iglo hineingeschnuppert hatte, sollte die Firma retten.

Hitschler und das SCH-Problem

Um gleich mal Marksteine zu setzen, knüpfte sich Hitschler-Becker die Marke vor. Denn die war in 90 Jahren nicht aus dem Schatten von Kult-Marken wie Haribo oder Maoam herausgetreten. Hitschler-Becker erinnert sich noch an ein Gespräch mit einem Bekannten kurz vor seinem Antritt im Familienunternehmen. Der konnte mit dem Namen der Firma gar nichts anfangen. Aber sehr wohl mit den Schnüren und den Drachenzungen, auf die Hitschler-Becker sodann verwies. „Ach, krass, ich wusste nicht, dass es die Marke noch gibt“, entgegnete ihm der Bekannte. „In dem Moment habe ich gedacht: Okay, Leute, irgendwas läuft hier falsch“, erinnert sich der Unternehmen im Podcast. „Da wurde mir klar, dass unsere Produkte jeder kennt, aber keiner die Marke.“

Podcast – Chefgespräch

Hitschies-Chef Hitschler-Becker: „Der Zuckerpreis ist über 120 Prozent in die Höhe geschnellt“

Philip Hitschler-Becker erzählt im Podcast, wie eine erfolgreiche Nachfolge in Familienunternehmen gelingt, was Medizin und Bonbons gemeinsam haben und vor welchen Herausforderungen die Süßwarenindustrie steht.

von Varinia Bernau

Der neue Chef schuf also eine neue Marke: Hitschies. Und dahinter steckte eine Mission: Ihm sei klar gewesen, erzählt er, dass er das Unternehmen im Inland stabilisieren und den Export zum Wachsen bringen müsse. „Und da habe ich dann gesagt: Okay, wir wollen international wachsen. Mit Hitschler, wenn man das SCH mal rausnimmt, ist das relativ herausfordernd.“ Zudem sei Hitschler auch nicht gerade „jung, frisch und das, was wir sind.“

Hitschies hingegen schon. Wem das nicht sofort einleuchtet, dem schmettert der junge Unternehmer ein „Hitschies“ in der gleichen Tonlage entgegen wie ein „Say Cheese!“ vorm Familienschnappschuss. Um dann zu ergänzen: „Dann habt ihr automatisch dieses Grinsen. Und das ist das, was wir jedem Einzelnen vermitteln möchten mit unseren Süßigkeiten: ein Grinsen.“

Leichter auszusprechen sei Hitschies auch noch.

Geholfen hat Hitschler-Becker bei der Neuausrichtung ganz gewiss, dass er so alt wie seine Zielgruppe ist. Er, mit seinen 34 Jahren, seiner Frau und kleinen Tochter, kenne deren Bedürfnisse daher ganz genau. Und er weiß, wo sie unterwegs sind. Auf Social Media.

Natürlich verlässt sich Hitschler-Becker nicht allein darauf, dass ihm ein paar schmatzende Südkoreaner einen viralen Hit bescheren. Sein Großvater sei nicht mal zu einer Homepage zu überreden gewesen. Der Enkel hingegen gibt selbst den Corporate Influencer: 1095 Beiträge veröffentlichte Hitschler-Becker bisher bei Instagram und bringt es auf stolze 92.400 Follower im offiziellen Hitschler-Account. Das zeigt, wie sehr die junge Zielgruppe auf seine flippigen Beiträge abfährt. Zudem ist der Kölner so clever, einen zweiten Account mit seinem Bindestrich-Namen zu betreiben, der es noch mal auf 51.700 Follower bringt.

Da grinst er breit in die Kamera, hält sein Gesicht neben eine Packung „Saure Drachenzungen“ – und die Insta-Nutzer liken zu Tausenden seine unverblümten Werbefeldzüge. Bei seiner Familie am Abendbrottisch war das durchaus umstritten. Nicht jeder sei der Meinung gewesen, dass es sich geziemt, den Instagram-Kasper zu geben – und das auch noch in fast jedem Clip. Anders als andere Familienunternehmer versteckt sich der temperamentvolle Kölner nicht vor der Öffentlichkeit, sondern prescht vor, setzt sich in Szene. Der Marke zuliebe. Damit es mit deren Bekanntheit weiter bergauf geht – und er der fünften Generation eines Tages ein gesundes Unternehmen übergeben kann. Und die sich dann von niemand fragend anschauen lassen müssen: Hitschies? Ach, krass, wusste gar nicht, dass es die noch gibt.

Lesen Sie auch: Quadratische Kaubonbons sind ein Klassiker im Supermarkt – und beliebtes Wurfmaterial im Karneval. Bei Twitter witzeln Nutzer über das unverwüstliche Design. Und selbst der Chef des Herstellers steht vor einem Rätsel.

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