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Homeoffice wegen Corona To-do-Liste gegen die Unsicherheit

Exklusiv
Heimarbeiter können mit der Corona-Isolation unterschiedlich gut umgehen. Quelle: imago images

Wie ist die Stimmung unter Arbeitnehmern, die die Pandemie ins Homeoffice zwingt? Eine Umfrage zeigt, wie wichtig fürsorgliche Führung in diesen Zeiten ist. Und überrascht mit den Dingen, die besonders nerven.

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Die vierte Woche ist angebrochen, in der Millionen Menschen von zu Hause aus arbeiten. Wie schlagen sie sich? Und welche Defizite zeigen sich bei Führungskräften? Das wollte functionHR, ein Anbieter für Employee Experience- und People Analytics-Software, genauer wissen. Vergangene Woche befragte das Start-up knapp 600 Arbeitnehmer im deutschsprachigen Raum zu ihren Erfahrungen. Die Ergebnisse liegen der WirtschaftsWoche nun exklusiv vor.

Insgesamt ist die Stimmung derzeit überwiegend positiv. Wie sie sich entwickelt, sollte der Shutdown noch länger anhalten, ist allerdings schwer absehbar. „Wir befinden uns gerade an einem Scheidepunkt“, sagt Julian Süß von functionHR, der die Ergebnisse für die WiWo ausgewertet hat. Überraschend dabei: Es sind eher die jüngeren Arbeitnehmer unter 40 Jahren, die ihre Schwierigkeiten mit dem Homeoffice haben.

Das Arbeiten im Homeoffice war vor der pandemiebedingten Umstellung für manche bereits Routine, für andere ein unerfüllter Wunsch – und für wieder andere unbekannt und uninteressant. Insgesamt zeigten sich nun 88 Prozent der Befragten zufrieden mit ihrer Arbeitsleistung und 86 Prozent mit ihren Vorgesetzten. Umgekehrt waren auch 88 Prozent derjenigen mit Führungsverantwortung mit der Produktivität ihres Teams zufrieden. „Nur ein Drittel sagt aber, sie seien sehr zufrieden damit, was sie selbst und ihr Team im Homeoffice leisten“, betont Julian Süß. Jeder Vierte (26 Prozent) hat Sorge, die Kollegen könnten denken, er leiste im Homeoffice zu wenig.

Überhaupt, die Sorgen und Nöte. 70 Prozent haben Angst um die wirtschaftliche Zukunft ihres Unternehmens – dabei sind es 77 Prozent der Mitarbeiter von Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern, 62 Prozent bei größeren Unternehmen. Eine echte Herausforderung in Zeiten, in denen sie nicht mal eben Trost in der Kaffeeküche suchen können. 31 Prozent fühlen sich laut der Umfrage von functionHR nun im Homeoffice einsam – laut einer Statistik der Bundesregierung ist das sonst nur bei zehn Prozent der Bevölkerung der Fall. 37 Prozent leiden unter Unsicherheit, 32 Prozent unter Nervosität, 23 unter Langeweile und 28 Prozent fühlen sich ängstlich.

Vor allem Alleinstehende fühlen sich einsam im Homeoffice. Das zumindest gaben 47 Prozent unter ihnen in der Umfrage an – doppelt so viele wie unter den Nicht-Alleinstehenden. Sie stürzen sich zudem in die Arbeit und häufen mehr Stunden als sonst an. 48 Prozent können nicht mehr gut abschalten.

Ausgerechnet die jüngeren Arbeitnehmer zwischen 20 und 40 Jahren tun sich der Umfrage zufolge schwerer mit der Umstellung aufs Homeoffice. Das hat mehr mit den Einschränkungen des Lebens durch Corona zu tun als mit dem Homeoffice selbst – aber eben nicht nur. „Diese Altersgruppe hat insgesamt etwas weniger Erfahrung mit Homeoffice. Es kommt aber noch der Verlust des sozialen Lebens hinzu“, sagt Süß. Nur noch 60 Prozent sind bei ihrer Arbeit motiviert, bei den Älteren sind es 80 Prozent motiviert. Und 34 Prozent der jüngeren Arbeitnehmer haben größere Schwierigkeiten, sich selbst zu organisieren.



Klare Anweisungen steigern die Produktivität

Es gibt übrigens auch Profiteure des Homeoffice-Zwangs: Jeder Sechste (16 Prozent) ist regelrecht enthusiastisch, motiviert und inspiriert. Diese positiven Gefühle sorgen auch für einen höheren Arbeitseinsatz: 54 Prozent dieser Gruppe gab an, im Homeoffice länger zu arbeiten als im Büro (unter den anderen Befragten waren es 38 Prozent). Diese Enthusiasten fanden sich in allen Alters- und Geschlechtsgruppen sowie in jeder Familiensituation. Besonders häufig gehören dazu aber Mitarbeiter, die schon in der Vergangenheit sehr regelmäßig im Homeoffice gearbeitet haben.

Die Ergebnisse zeigen, wie stark Führungskräfte mit ihrem Verhalten die Arbeit in ihrem Unternehmen beeinflussen können – und das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter. Zu erkennen, dass diese in der anderen Situation nun auch anders ticken als in gewohnter Firmenumgebung, ist der Schlüssel für den Erfolg im Team. In einer tieferen Analyse untersuchte functionHR, welche Faktoren in der aktuellen Phase die Produktivität am stärksten beeinflussen. An erster Stelle steht emotionale Unterstützung der Vorgesetzten, gefolgt von klaren Regeln und Routinen für die Kommunikation, eindeutigen Ansprechpartnern bei technischen Fragen sowie klare Arbeitsanweisungen.

Wo Mitarbeiter allein vor sich hin arbeiten und mitunter in schlechte Stimmung abgleiten, braucht es mehr Halt und Zuspruch von außen. Klappt die Kommunikation im Team und mit dem Chef, senkt das negative Gefühle wie Einsamkeit (27 versus 36 Prozent ohne Unterstützung), Nervosität (25 versus 37 Prozent), Unsicherheit (30 versus 43 Prozent) und Langeweile (18 versus 28 Prozent). Eine fürsorgliche Führungskraft kann gleichzeitig positive Stimmungen fördern. Mitarbeiter fühlen sich dann häufiger  inspiriert (51 versus 38 Prozent) und motiviert (82 versus 63 Prozent).

Feste Termine für Online-Meetings geben Struktur und die Möglichkeit zum Austausch – ein kleiner Trost in Zeiten, in denen der gemeinsame Besuch der Kantine nicht mehr möglich ist. Wenn die Software nicht tut, was sie soll, hilft das Wissen um einen Ansprechpartner, der genau dafür bereitsteht. Und wer es nicht gewohnt ist, sich selbst zu organisieren, braucht umso klarere To-dos, um zu wissen, wo es lang geht. „Für manche ist es eine Hürde, Fragen für ein Chattool zu verschriftlichen“, erläutert Julian Süß. „Schriftliche Kommunikation ist auch anfälliger für Missverständnisse, weil die Zwischentöne fehlen.“ Weil es nun aber meist nicht anders, hilft nur, sich besonders genau abzustimmen – oder eines der vielen Video-Konferenztools konsequent zu nutzen.

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