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Impostorsyndrom im Management „Ständige Angst vor dem Auffliegen“

Selbstzweifel: Warum Manager sich oft selbst unterschätzen Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

Jede zweite Führungskraft fürchtet, sie werde von anderen überschätzt. Wo die Ursachen dafür liegen, wen es trifft und was sich dagegen unternehmen lässt, verrät Psychologieprofessorin Sonja Rohrmann.

WirtschaftsWoche: Frau Rohrmann, Ihr Buch beginnt mit einem Zitat von Mike Myers: „Ich erwarte jederzeit, dass die Kein-Talent-Polizei kommen wird und mich verhaftet.“ Dabei gehört der Emmy-Gewinner zu den reichsten und bekanntesten Schauspielern der Welt. Wie kann das sein?
Rohrmann: Myers ist ein klassisches Beispiel für das Hochstapler-Selbstkonzept.

Was heißt das?
Er gehört zwar zur Gruppe der überdurchschnittlich Erfolgreichen, empfindet das aber nicht so. Damit ist er nicht allein: Wir haben in einer Studie unter 457 Führungskräften herausgefunden, dass rund die Hälfte von ihnen von dem Phänomen betroffen ist. Sie alle haben gemein, dass sie in ständiger Angst vor dem Auffliegen leben. Und so fürchten sie, sie seien nicht so kompetent, wie andere sie einschätzen. Ihre Erfolge führen sie stets auf glückliche Zufälle oder äußere Umstände zurück – nie auf die eigene Leistung.

Woher kommen diese Zweifel?
Meist ist es eine Mischung aus Persönlichkeitsstruktur und Umwelteinflüssen, wobei bestimmte Faktoren familiärer Sozialisation eine wesentliche Rolle spielen können. Ängstliche Menschen sind häufiger betroffen als solche, die extrem risikobereit sind. Viele von ihnen kommen aus Familien, in denen es einen hohen Leistungsanspruch gibt. Etwa, wenn die Zuneigung der Eltern stets an gute Noten oder sportliche Erfolge geknüpft war. Schwierig wird es auch, wenn Geschwister mit verschiedenen Rollen bedacht wurden. Wenn der Sohn etwa immer als „der Schlaue“ galt und die kleine Schwester nur „die Charmante“ war. Dann kann es passieren, dass die eigene Persönlichkeit so eng mit dieser Rolle verwächst, dass die jüngere Schwester irgendwann tatsächlich glaubt, nicht klug zu sein.

Sind Frauen häufiger betroffen als Männer?
Empirisch gesehen nein. Es gibt Studien, die einen leicht höheren Frauenanteil feststellen und welche, die einen leicht höheren Männeranteil fanden. Das hat mich überrascht.

Warum?
Ich hätte gedacht, das Frauen aufgrund ihrer oft eher ängstlichen Persönlichkeitsstruktur häufiger betroffen sind. Doch das hat sich nicht bewahrheitet. Nachdem ich meine Forschung veröffentlicht habe, erzählten mir viele Männer, wie sehr sie sich in den Ergebnissen wiedergefunden haben. Ich glaube, sie verstecken ihre Unsicherheiten nur besser. Was wir aber feststellen konnten: Es gibt Unterschiede in den verschiedenen Ländern. In den westlichen Industrienationen findet sich dieses Phänomen deutlich häufiger als etwa in Afrika.

Weil die wettbewerbsorientierter sind?
Und leistungsorientierter. Menschen mit Hochstapler-Selbstkonzept orientieren sich immer nur nach oben. Was grundsätzlich gar nicht schlecht ist, denn dadurch werden Entwicklungspotenziale freigesetzt. Aber: Wer sich immer nur nach oben orientiert, findet auch immer Menschen, die noch erfolgreicher, intelligenter oder belesener sind als man selbst. Besser ist es, eine Mitte zu finden. Zu sehen, dass es noch Luft nach oben gibt, aber eben auch die vielen Menschen im Blick zu behalten, die deutlich weniger erreicht haben.

Warum Perfektionismus schadet
Perfektionisten erbringen schlechtere LeistungenJeder Anforderung gerecht zu werden, ist der Wunsch vieler Menschen. Doch wer sich permanent hohe Ziele im Alltag steckt, riskiert psychischen schaden. Das stete Streben nach 110 Prozent ist eher kontraproduktiv - denn Perfektionismus schlägt schnell in Frustration um. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universitäten von York, Toronto und Winnipeg. Das Ergebnis: Perfektionisten bringen keine besseren Leistungen, neigen dafür aber schneller zum Workaholismus. Quelle: dpa
Perfektionismus macht depressivGefährlich wird Perfektionismus vor allem dann, wenn Betroffene an den eigenen Ansprüchen Scheitern. Wer das nur schwer wegsteckt, wird schnell unmotiviert und depressiv. Die Folgen von übertriebenem Perfektionismus können sogar zu Essstörungen oder zu Selbstmord führen. Zu diesem Ergebnis kam eine britische Studie. Laut der Forschergruppe stellten mehr als 70 Prozent der jungen Männer, die Selbstmord begingen, extrem hohe Ansprüche an sich selber und neigten zum Perfektionismus. Quelle: dpa
Perfektionisten haben BindungsängstePerfektionismus wirkt wie ein „Schutzschild“. Wer alle Handlungen kontrolliert, will unverletzlich sein. Tatsächlich haben Perfektionisten aber Probleme, mit anderen Personen in Kontakt zu treten und langfristige Bindungen aufrecht zu erhalten. Das zeigt eine Studie von Shauna Springer. Sie fand heraus, dass Perfektionisten nicht nur Angst vor dem Scheitern haben, sondern sich zudem ungern verletzlich zeigen. Stattdessen haben sie das Gefühl, dauerhaft stark sein und ihre Emotionen kontrollieren zu müssen. Quelle: dpa
Perfektionismus macht schlechte LaunePerfektionisten sitzen gewissermaßen in der Falle. Auf der einen Seite genießen Sie Ansehen, weil sie meist gute Leistungen erbringen. Auf der anderen Seite haben sie das Unglücklichsein praktisch gepachtet. Wer dauerhaft hohe Ansprüche an sich selbst stellt, kann gar nicht anders als Scheitern. Eine Studie von Danielle Molnar von der Brock Universität in Kanada beweist: Das macht schlechte Laune. Alles muss stimmen, ein zweiter Platz gleicht einem Misserfolg und die Freiheit des Mittelmaßes einer Bedrohung. Quelle: AP
Perfektionisten leiden an Aufschieberitis Je höher die Ansprüche, die ein Perfektionist an sich stellt, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit, dass er hin und wieder scheitert. Laut der Psychologen Rist und Engberding von der Universität Münster kann das dazu führen, dass Personen, die alles perfekt machen wollen, Aufgaben über lange Zeiträume hinweg aufschieben. Sie resignieren, weil Fehler offenbar nicht vermieden werden können. Quelle: dpa
Perfektionismus führt zu StressDauerhaft perfekt sein – das ist anstrengend. Eine Studie von Paul Hewitt und Gordon Flett zeigt, dass Perfektionismus das Stresslevel erhöht. Wer hohe Ansprüche an sich selber stellt, setzt sich damit automatisch selber unter Druck – und verringert so seine Leistungsfähigkeit,  anstatt sie zu erhöhen. Quelle: dpa
Perfektionismus schadet der GesundheitWer perfektionistisch ist, fragt selten um Hilfe. Denn er will alle Aufgaben bestmöglich erledigen und ist überzeugt davon, dass nur er alleine das kann. Danielle Molnar befragte 500 Erwachsene zwischen 24 und 35 Jahren zu ihrem Gesundheitszustand. Das Ergebnis: Menschen mit einem Hang zum Perfektionismus leiden öfter an Krankheiten, melden sich häufiger auf der Arbeit krank und gehen regelmäßiger zum Doktor. Quelle: dpa

Stehen die selbst erklärten Hochstapler unter besonderem Stress?
Sie glauben, anderen permanent etwas vorzuspielen. Das sorgt für Dauerstress. Und das Schlimme ist: Mit jedem neuen Erfolg steigt der Druck. Die Erwartungen an sich selbst werden größer, aber auch die Angst vor dem Versagen.

Was passiert, wenn sie tatsächlich scheitern?
Das wird als besonders dramatisch angesehen. Ich kenne eine Professorin, die aus Angst vor der regelmäßigen Evaluation ihren Job gekündigt hat. Dabei hätte sie sich überhaupt keine Sorgen machen müssen, denn sie hätte die Überprüfungen mit Bravour bestanden. Mit ihrem Job hat sie einen Teil ihrer Daseinsberechtigung verloren. Die Betroffenen sind der Meinung, nichts mehr wert zu sein, und erkranken häufiger an Depressionen.

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