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Innovation Labs Warum die Tempel der Digitalisierung oft scheitern

Wer ein klassisches Unternehmen digitalisieren will, gründet ein „Innovation Lab“. Allerdings scheitern viele dieser Testlabore, weil sie falsch konzipiert sind. Eine Anleitung zur erfolgreichen Digitalisierung.

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Junge Frau und junge Männer vor einem Computermonitor Quelle: goodluz - Fotolia.com

Die beschreibbare Wandfarbe ist noch nicht ganz trocken, die Eröffnungsfeier findet trotzdem schon statt. Es gibt Fingerfood, Craft Beer und natürlich kommen viele wichtige Menschen. Die Willkommensbotschaft: „Sei die Disruption, die du in der Welt sehen willst“. Nach der Begrüßungsrede geht es wahlweise zum Kicker oder Tischtennis.

Labs, Hubs und Inkubatoren entstehen derzeit reihenweise, mittlere und große Unternehmen wollen sich mit ihnen an die Digitalisierung herantasten. Abseits der gewohnten (und als lähmend empfundenen) Strukturen und Prozesse sollen hier innovative Produkte entstehen und neue Formen der Zusammenarbeit getestet werden. Die grundsätzliche theoretische Idee ist sinnvoll, doch die Realität sieht oftmals anders aus. Vier Beobachtungen:

1. Im Mittelpunkt stehen selten die Inhalte, sondern die sichtbaren Symbole der Digitalisierung. So entsteht oft eine attraktive und hochleistungsfähige Hülle, die im täglichen Tun nur wenige zu „bedienen“ beziehungsweise zu nutzen wissen. Die Potenziale vieler Labs bleiben so auf der Strecke.

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2. Während im Vordergrund das Neue sichtbar ist, regiert im Hintergrund das Alte. Ein Innovation Lab ist ein klares Symbol der Erneuerung. Bei genauerer Betrachtung funktionieren viele Labs jedoch nach den bekannten Mustern klassischer Organisationen: Starke Hierarchie, ein zentral Verantwortlicher und komplexe Reportinglinien in die Mutterorganisation sind nur wenige Beispiele.

3. Der „Clash of Cultures“ verhindert systematische Weiterentwicklung. Innovation Labs treten mit dem Anspruch an, anders zu sein als ihre Mutterorganisationen. Es werden also bewusst Gräben gezogen: Schwerfälliger Tanker hier, Innovation Lab-Speedboot dort. Aber wie in jeder Organisation führt Lager-Trennung auch hier dazu, dass kein Austausch und kaum sinnvoller gegenseitiger Austausch stattfindet.

4. Innovation wird zum Zufallsprodukt der Methodenschlacht. Klar, wer Innovationen entwickeln will, muss innovativ arbeiten. Allerdings führt nicht jeder Design Thinking-Workshop automatisch zu bahnbrechenden Ideen und Prototypen. Die Fragen der erfolgreichen Skalierung werden nicht gestellt und so verharren viele gute Ideen im PostIt-Dschungel und kommen selten in die Umsetzung.

All diese Punkte zeigen: Viele Innovation Labs drohen an der Umsetzung zu scheitern. Sie sind als Leuchttürme konzipiert, die nach innen und nach außen strahlen, aber nicht als Treiber einer systematischen Vorbereitung der Unternehmen auf eine veränderte Umwelt. Warum ist das so?

Schnelle Digitalisierung ist ein Missverständnis

Die Innovation Labs stehen sinnbildlich für den allgemeinen Umgang mit den Herausforderungen der Digitalisierung in deutschen Unternehmen. Zum einen ist der Leidensdruck noch nicht groß genug, um wirklich tiefgreifende Veränderungen umzusetzen. Den meisten deutschen Unternehmen geht es grundsätzlich gut. Trotz einer angeschlagenen Weltwirtschaft gehen die Gewinne kaum zurück. Selbst bei VW sind nach dem Abgasskandal die Gewinne nur so unwesentlich eingebrochen, dass die neue Strategie 2025 nur allgemeine Ziele zu selbstfahrenden Elektroautos enthält und ansonsten vor allem Effizienz predigt. Ein radikaler Umbau sieht anders aus.

Zum anderen löst die Digitalisierung bei deutschen Unternehmen eher ein abstraktes Bedrohungsgefühl aus als einen echten Handlungsimpetus. Das operative Tagesgeschäft läuft in den meisten Unternehmen weiter wie gehabt. Die Konsequenz: viele in der Fläche wirkungslose Digital-Einzelaktionen, statt einer systematische Auseinandersetzung und mutigen Transformation.

Das Missverständnis in der Digitalisierungsdebatte ist die Annahme, dass die Aufgabe darin besteht, das Unternehmen mit all seinen Prozessen möglichst schnell zu digitalisieren. Der Blick geht also nach innen. Stattdessen ist die Herausforderung viel eher, dass sie das Umfeld der Unternehmen massiv verändert: Andere und schnell aufkommende Wettbewerber, veränderte Kundenbedürfnisse und immer vielfältigere Mitarbeitererwartungen. Wer die Digitalisierung erfolgreich meistern will, muss in der Lage sein, mit den sich wandelnden Umfeld-Faktoren umzugehen. Heute, morgen und 2050. Die wahre Aufgabe besteht darin, flexibel und anpassungsfähig zu werden – und zu bleiben.

Diese vier Hürden muss ein "Lab" überwinden

Das Problem: In deutschen Konzernen wird die  Zusammenarbeit über Bereichsgrenzen hinweg oft als anstrengend, zeitfressend und teilweise kontraproduktiv wahrgenommen. Individuelle Ziele stehen hingegen im Vordergrund. Führungskräfte und Mitarbeiter begeben sich lieber in einen internen Wettbewerb. Das hat dazu geführt, dass Aufgaben und Verantwortung auf viele Schultern verteilt sind. Schnelle Entscheidungsprozesse werden so eher erschwert.

Die Lösung: Eine klare unternehmerische Strategie, die das Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven und komplexen Umfeld mittelfristig erfolgreich positioniert und es so angesichts der Volatilität ihres Umfeldes flexibel und anpassungsfähig macht. Nach innen braucht es eine gelebte Kultur der Offenheit und Entscheidungsfreude, die Führungskräfte und Mitarbeiter dazu ermutigt, neue Wege zu gehen und die Zukunft des Unternehmens aktiv zu gestalten. Dies benötigt viel Vertrauen in die Leistungsfähigkeit als Team und Gesamtorganisation – und eben weniger Barrieren im Unternehmen.

Dieser Wandel ist für Unternehmen extrem anstrengend. Innovation Labs sind Testlabore. Sie sind nicht dazu da, Hort der Innovation zu sein. Vielmehr sollen sie herausfinden, wie das ganze Unternehmen zu diesem Hort werden kann. Ihr Nutzen steht und fällt mit der Vorbereitung, Umsetzung, Verankerung und Skalierung.

Jedes Testlabor startet mit einer klaren Fragestellung, die am Ende beantwortet werden muss. Je spezifischer diese Frage ist, desto konkreter kann es konzipiert werden: Welches Problem soll das Lab lösen und wer wird davon wie profitieren?

Das Lab muss sich der Hürden und Probleme annehmen, die die große Organisation ausbremsen und blockieren. Diese Hürden können von Organisation zu Organisation sehr unterschiedlich sein. Vier Aspekte sind daher wichtig:

1. Fokussiert bleiben auf den eigenen Auftrag. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende eine brauchbare und umsetzbare Lösung entsteht.

2. Reflexion und Lernen einplanen, denn sonst sammeln sich zwar viele Eindrücke, die Organisation lernt aber nicht dazu.

3. Am Kunden dran bleiben. Das ist für Labs zunächst die Mutterorganisation. Das Feedback ist ein Indikator dafür, wo die Mutter steht, was das Lab leistet und wie mühsam die Transformation tatsächlich sein wird

4. Unterstützung der engagierten Beteiligten, um all denen den Rücken zu stärken, die am Transformationsprozess mitarbeiten.

Wenn all das im Kleinen gelingt, müssen die Lösungen in die Mutterorganisation überführt werden. Das klingt einfach, ruft aber wie jede Veränderung und Innovation Widerstand hervor. Daher sollten die Learnings aus dem Lab frühzeitig geteilt werden, um möglichst viele ins Lab einzubeziehen. Nur so bekommen alle Mitarbeiter das Gefühl, dass sie ebenfalls an der Transformation mitarbeiten. Und dann haben Innovation Labs das Potential, das gesamte Unternehmen zu verändern und der neuen digitalen Umwelt gerecht zu werden.

Eine Langfassung des Beitrages können Sie hier lesen.

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