Innovationen Vergesst das nächste große Management-Ding!

Die Historikerin Jill Lepore erweist der Wirtschaftswissenschaft einen großen Dienst. Sie entzaubert Clayton Christensens Management-Konzept der „disruptive innovation“ - und damit die Vermessenheit einer ganzen Professoren-Zunft.

Diese grandiosen Erfindungen entstanden zufällig
Coca Cola Quelle: AP
Chocolate-Chip Cookies Quelle: Fotolia
Kartoffelchips Quelle: AP
Die Mikrowelle Quelle: obs
LSD Quelle: Fotolia
Sir Alexander Fleming Quelle: AP
ViagraAuch das Potenzmittel Viagra war eine Zufallsentdeckung. Ursprünglich sollte das Mittel gegen Bluthochdruck und Herzprobleme helfen. Das bewirkte Viagra zwar nicht, dafür sorgte es bei den männlichen Probanden für Erektionen. Quelle: AP
Corn Flakes1898 kochten die Brüder John und Will Kellogg Getreide - und ließen es ein paar Tage auf dem Herd stehen. Eigentlich wollten sie damit Müsli herstellen, heraus kamen Cornflakes. Der Grundstein des Erfolges von Kellogs. Quelle: AP
Post it Quelle: dpa
Porzellan Ursprünglich kommt das Material aus China. Als der deutsche Alchemist Johann Friedrich Böttger um 1700 allerdings versuchte, Gold herzustellen, in dem er Feldspat, Quarz und Wasser mischte und brannte, kam das Porzellan auch nach Deutschland. Quelle: dpa

Clayton M. Christensen ist sehr innovativ. Seine Erfindung heißt „disruptive innovation“. Aber weil das nicht schön klingt, hat Christensen sie unter dem Buchtitel „The Innovator’s Dilemma“ vermarktet.

Der Professor der Harvard Business School hat mit seinen Büchern, allen voran dem „Innovator’s Dilemma“ (1997), eine starke Position auf einem heißumkämpften Markt erobert. Dieser Markt kommt zwar nicht in volkswirtschaftlichen Statistiken vor und auch in keiner Anlagestrategie von Finanzinvestoren. Auf ihm wird auch nur vergleichsweise wenig Geld bewegt, aber dafür etwas anderes, das mindestens ebenso wirkmächtig ist: Das Denken.

Zerstörerische Erfindungen

Christensen schuf mit seiner These von den disruptiven, zerstörerischen Erfindungen, die die althergebrachten Zustände „zerreißen“, so etwas wie das akademische Fundament des anschwellenden Rufs nach Innovation, ohne den keine Stellenanzeige, kein Quartalsbericht und kein parteipolitisches Programm mehr auskommt. Seine These: Nicht schlechte Entscheidungen sorgen für den Untergang von Unternehmen, sondern „gute“, aber alte Entscheidungen. Das ist das angebliche Dilemma: Das früher Gute ist nicht gut, weil es nicht neu ist. Und weil die Geschichte immer schneller läuft, wächst die Gefahr, Chancen zu verpassen.

Christensens These gewann bald einen dogmengleichen Status, wozu der Ruf seines Arbeitgebers Harvard Business School sicher beitrug. Ökonomen und Management-Autoren haben die Chancen denn auch ergriffen: Als „disruption consultants“ predigen sie auf „disruption conferences“ und „disruption seminars“ Christensens Lehre. Bloß gibt es dabei einen Haken: Christensens Fallbeispiele halten nicht, was sie versprechen.

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