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Innovationsforscher im Interview „Neues entsteht durch Freiraum“

Innovationsforscher: „Neues entsteht durch Freiraum“ Quelle: Zukunftsinstitut

Was können Unternehmen tun, um kreativen Köpfen zu helfen? Laut Zukunftsforscher und Systemtheoretiker Christian Schuldt vor allem eins: Ihnen Freiheiten gewähren. Im Interview spricht er außerdem darüber, warum das Führungspersonal der Zukunft viel Empathie braucht und wie die Digitalisierung das Management verändert.

Herr Schuldt, die Wirtschaft vernetzt sich immer weiter, Konzerne wie Facebook, Google und Co vereinen immer mehr Marktanteile auf sich. Wie wichtig ist für Unternehmen da die Innovation?
Sie ist zum entscheidenden Punkt in der Digitalen Ökonomie geworden und erscheint heute als ein absolutes Muss. Es entsteht der Eindruck: Wer nicht innoviert, bleibt im Zuge der Digitalisierung auf der Strecke. Das erzeugt einen hohen Innovationsdruck auf Unternehmen, mit dem häufig falsch umgegangen wird.

Was machen die Unternehmen falsch?
Meist versuchen sie, Neuerungen durch eine spezielle Abteilung oder einen Innovationsmanager zu erwirken. Der Fokus wird dann auf neue, vermeintlich smarte Produkte gelegt, und die Jagd nach der zündenden Idee entwickelt eine gefährliche Eigendynamik. Dadurch geraten Probleme, die eigentlich durch Innovation gelöst werden könnten, aus dem Blick. Viele der angeblichen Innovationen, die wir heute haben, sind im Endeffekt Lösungen ohne Probleme.

Zum Beispiel?
Ein Klassiker ist der smarte Kühlschrank. Wer hat heute ein echtes Problem mit der Nutzung seines normalen Kühlschranks? Die „Smartifizierung“ macht in so einem Fall alles komplizierter und erfüllt kein echtes Bedürfnis. Solche Pseudoinnovationen sind Geschöpfe eines Tunnelblicks innerhalb von Unternehmen. Sie zeigen, dass Unternehmen die Verbindung zum Kunden verlieren.

Zur Person

Diesen Mittwoch hat Apple sein neues iPhone vorgestellt. Obwohl es jedes Mal einen großen Trubel gibt, wenn der Hersteller das neuste Flaggschiff vorstellt, war das erste iPhone im Jahre 2007 viel disruptiver. Sind Innovationen manchmal schlicht zu Ende gedacht?
Große Neuheiten, wie es das Smartphone einmal war, kommen häufig an einem Punkt, an dem die Idee nicht mehr wirklich weiter entwickelt werden kann. Heutzutage sind echte Innovationen eher selten geworden. Vieles ist nur eine Verbesserung von bereits bestehenden Dingen. Michael Lind vom Think Tank New America hat unsere Gegenwart deshalb „The Boring Age“ genannt.

Was können Unternehmen denn tun, um echte Innovationen zu begünstigen?
Es braucht vor allem Spielräume, in denen es erlaubt und erwünscht ist, dass Mitarbeiter sich kreativ ausprobieren. Kreativität entsteht durch Freiraum. Innovation funktioniert nicht durch offiziell verordnete Motivationsprogramme oder Seminare, sondern nur durch offene Räume, in denen man sich frei und offen entfalten kann. Fehler sollten immer erlaubt sein – Innovation ist wie ein Spiel: Man lernt aus seinen Fehlern.

Was bedeutet das für das Management?
In einer vernetzten Welt können Manager nicht mehr primär für Kontrolle und Verwaltung zuständig sein. Immer wichtiger wird es, dass sie vor allem menschlich auf die Kollegen zugehen und ihnen flexible Freiräume schaffen. Projekte, die von engagierten Mitarbeitern initiiert werden und nicht mit dem Vorgesetzten abgesprochen sind, sollten mehr Beachtung und Unterstützung bekommen. Innovationen entstehen nicht dadurch, dass jede Abteilung ihr eigenes Ding macht und es den anderen dann präsentiert. Aufgabe des Managements sollte es deshalb sein, Mitarbeiter zu vernetzen und ihnen den Mut zu geben, sich auszuprobieren.

Ist das eine realistische Forderung?
Es gibt Beispiele, die zeigen, wie es funktionieren kann. Beim Kickbox-Programm von Adobe erhält jeder Mitarbeiter, der eine Idee ausprobieren möchte, 1000 Dollar zur Verfügung, um an seiner Vision weiterzuarbeiten. Google räumt seinen Mitarbeitern 20 Prozent ihrer Arbeitszeit ein, um an neuen Projekten zu tüfteln, auch Apple und LinkedIn haben dieses 80/20-System adaptiert. Alle diese Unternehmen gelten als hochinnovativ.

Um seinen Mitarbeitern solche Freiräume einzuräumen, braucht man allerdings ein ordentliches Budget.
Es stimmt, oft scheitern Ideen auch an der Umsetzbarkeit. Aber gerade das ist es, was Mitarbeiter motiviert: In keinem der gerade genannten Fälle müssen sie Rechenschaft darüber ablegen, was sie mit dem Geld oder der Zeit gemacht haben. Es geht um angstfreie Räume, in denen man sich ausprobieren kann. Dieser Vertrauensvorschuss ist zentral, um Innovationen zu erschaffen.

Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?
Wir befinden uns aktuell in einem Prozess, in dem wir die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine neu ausloten. Menschen konnten lange Zeit nicht mit Computern interagieren, das ändert sich gerade erheblich. Zugleich wird die Digitalisierung entzaubert: Die unkritische Interneteuphorie aus den 2000er Jahren verblasst, der NSA-Skandal, Fake News, und Shitstorms führen uns die Schattenseiten der Vernetzung vor Augen. Zugleich können wir immer weniger auf die Nutzung digitaler Geräte und Medien verzichten.

Welche Konsequenzen sollten Unternehmensführungen daraus ziehen?
Durch die Digitalisierung werden Vorgänge immer komplexer. Das kann Mitarbeiter schnell überfordern. Dabei ist das Zusammenspiel von Mensch und Computer schon heute einer der wichtigsten Bestandteile der Arbeit. Führung sollte sich daher vom klassischen Verständnis lösen und sich eher auf Beobachtungen fokussieren. Das heißt nicht passives Zugucken, sondern aktives Analysieren von sozialen Strukturen. Und dann: verstehen, motivieren, vernetzen. Ein Manager kann heute einfach nicht mehr den kompletten Durchblick haben und alle Aufgaben alleine lösen oder delegieren. Kaum etwas ist noch von A nach B planbar. Das muss man akzeptieren.

Welches Talent sollten also Ambitionierte mitbringen, um im Unternehmen der Zukunft eine Führungsposition zu bekommen?
Sie sollten offen sein für Komplexität und Muster schnell erkennen und systemisch verstehen können. Es geht heute nicht mehr darum, Komplexität simpel zu reduzieren, sondern im Gegenteil, mit den raschen Veränderungen der Umwelt Schritt zu halten, also komplexitätsaffin zu sein. Auf menschlicher Ebene sind soziale und emotionale Kompetenzen entscheidend: Empathie und Motivationstalent. Und man braucht den Mut, sich an neue Sachen zu wagen – auch wenn sie einen verunsichern mögen.

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