WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Interview Christoph Quarch "Alte Tugenden können den Kollaps aufhalten"

Seite 2/2

Tugenden

Und zwar wie? 

Etwa über Rollentausch. Führen Sie als Manager zum Beispiel Gespräche mit ihrem Stellvertreter und nehmen dabei die Position des Betriebsrats oder des einfachen Angestellten ein. Das erweitert ihr Blickfeld. Oder verzichten Sie bei Konferenzen mit ihrem Führungsteam auf die tradierte Sitzordnung und bilden einen Stuhlkreis. Dieses Format lässt viel besser eine Diskussion auf Augenhöhe zu. Über solche Kleinigkeiten schulen Sie Ihren ganzheitlichen Blick, der der Schlüssel zur Weisheit ist.

Welche anderen Tugenden würden modernen Managern denn außerdem gut zu Gesicht stehen?

Ich orientiere mich da an den Kardinaltugenden von Platon. Weisheit haben wir ja schon besprochen. Dann gibt es noch die Courage. Sie beschreibt für mich die Fähigkeit, zukünftige Entwicklungen zu antizipieren und auch mal einen Schritt ins Unbekannte zu wagen. Gerade in Zeiten, in denen die Controller alles an sich reißen, braucht unsere Wirtschaft beherzte Menschen. Unternehmer brauchen Mut, weil gerade zukünftige Entwicklungen schwierig in Zahlen zu fassen sind. Die dritte Tugend ist die Besonnenheit. Da geht es um Empathie, um angemessene Reaktionen auf Situationen. Das ist sehr schwierig zu erlernen, da es letztlich um einen ausgeglichenen Emotionshaushalt geht.

Wie kann man es dennoch versuchen?

Für die Griechen waren Kunst und Kultur dieser Hort der Besonnenheit. Sie gingen ins Theater, um dort in einem geschützten Raum Emotionen zu erproben. Diese emotionale Intelligenz wurde in Deutschland sehr lange durch das ganzheitliche, humanistische Bildungssystem gefördert. Doch seitdem unsere Universitäten immer mehr von Bildungs- zu Ausbildungsstätten geworden sind, verkümmert die emotionale Intelligenz. Es geht nur noch um Effizienz, Produktivität und darum, dass junge Menschen mit ihrem Hochschulabschluss möglichst gut auf den Jobeinstieg vorbereitet sind. Davon müssen wir uns lösen, sonst stehen wir vor einem Kollaps. Das gilt sowohl für das Individuum als auch für die gesamte Gesellschaft und auch die Wirtschaft.

Management



Sehen Sie für diesen Kollaps schon Anzeichen?

Natürlich. Nicht zufällig steigt die Zahl psychischer Erkrankungen stetig an. Seit den Neunziger Jahren ist die mentale und emotionale Gesundheit der Beschäftigen weitgehend aus dem Blick geraten. Es zählt nur noch Leistung, der Zeitdruck ist allgegenwärtig. Eine Rückbesinnung auf die alten Tugenden kann diesen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kollaps aufhalten.

Ist das nicht alles etwas unzeitgemäß?

Unzeitgemäßes ist nicht unbedingt schlecht, wenn uns das Zeitgemäße wahnsinnig macht.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%