Jens Schadendorf "Deutschland bräuchte mehr Tim Cooks"

Der Unternehmer und Publizist Jens Schadendorf erklärt, was deutsche Unternehmer vom Outing des Apple-Chefs Tim Cook lernen können und warum sich deutsche Top-Manager nicht zum Coming-out trauen.

Apple-CEO Tim Cook hat sich als homosexuell geoutet Quelle: AP

Tim Cook hat sich mit den Worten „I’m proud to be gay“ geoutet, was für reichlich Furore gesorgt hat. Müsste man in einer toleranten Gesellschaft nicht eigentlich sagen: „So what?“

Eigentlich schon. So tolerant sind wir also allem Anschein nach doch noch nicht. Doch unberührt davon bin ich schon ein wenig erstaunt, dass das eine solche Welle macht. Denn eigentlich ist längst bekannt, dass Cook homosexuell ist. Er hatte das ja nie versteckt.

Jens Schadendorf Quelle: Presse

Trotzdem ging die Meldung mit sehr viel Aufmerksamkeit um die Welt. Warum?

Generell ist das zunächst einmal eine Art politische Ansage eines CEO eines der wichtigsten Unternehmen. Das hat es so noch nie gegeben. Daneben aber ist auch zu bedenken, dass der Umgang mit Schwulen und Lesben durchaus variiert. Nehmen wir etwa die USA, aus denen Cook ja stammt. Der liberalen Ost- und Westküste oder den Regionen um die Großen Seen stehen Gegenden wie der Süden oder der Mittlere Westen gegenüber. Dort herrscht in Gesellschaft und Unternehmen teils ein deutlich raueres Klima, das auch Schwule und Lesben zu spüren bekommen.

In den USA gibt es die Outings von Topmanagern immerhin schon, in Deutschland nicht. Sind wir noch konservativer?

Die Tatsache, dass sich bislang noch niemand geoutet hat, spricht doch für sich. Die oberen Etagen deutscher Top-Unternehmen sind im Kern sehr verschlossen. Ähnlich übrigens wie die Welt des Fußballs. Thomas Hitzlsperger hat ja auch erst nach seiner Karriere offen gesagt, dass er homosexuell ist – aus Angst vor den Reaktionen seiner Mit- und Gegenspieler und des Publikums. Ähnliche Angst empfinden auch schwule und lesbische Vorstände in großen oder auch mittelgroßen deutschen Unternehmen. Deswegen outen sie sich nicht.

Jens Schadendorf: Der Regenbogenfaktor Quelle: Presse

Sollten die Outings trotzdem oder aber gerade deswegen so offensiv sein, wie das von Tim Cook?

In den letzten Jahren ist in vielen deutschen Unternehmen zwar Einiges vorangegangen in Sachen offenes Arbeitsklima. Um aber den nächsten Schritt zu noch mehr Chancengleichheit zu machen, täten der deutschen Wirtschaft am besten gleich drei, vier oder fünf solcher Fälle wie Tim Cook sehr gut. Veränderung und Fortschritt brauchen Vorbilder. Coming-outs à la Cook in Serie würden solche Vorbilder schaffen.

Homosexualität ist in deutschen Vorständen also immer noch tabuisiert?

Natürlich, sonst hätte sich ja schon jemand geoutet. Die Politik ist da im Übrigen schon bedeutend weiter: Klaus Wowereit, Ole von Beust oder zuletzt Barbara Hendricks. Die Liste ist lang.

Fälle, die es in der Wirtschaft so noch nicht gibt.

Genau. Zwar gibt es positive Entwicklungen wie den Völkinger Kreis, den sehr aktiven Berufsverband für schwule Führungskräfte oder das Pendant auf lesbischer Seite, die Wirtschaftsweiber. Auch werden deutsche Großunternehmen aktiver im Diversity-Management für schwul-lesbische Kollegen, etwa bei der Post, der Allianz oder bei der Commerzbank. Allerdings werden diese Entwicklung immer von unten oder aus der Mitte heraus getrieben – und nicht aus der Spitze. Darin liegt auch ein Unterschied zu den USA.

Warum die Apple-Aktie eine Goldgrube ist
Apple: Milliardengewinne dank iPhone 6Ende des vierten Quartals des Apple-Geschäftsjahres 2013/14, das Ende September zuende ging, präsentierte Apple-Chef Tim Cook ein Ergebnis, das die Erwartungen weit übertraf. Der Umsatz erreichte mit 42,12 Milliarden Dollar einen neuen Rekord, übertraf das selbst gesteckte Ziel von 40 Milliarden Dollar und liegt fast fünf Milliarden Dollar über dem Vorjahreswert. Damit stieg auch der Nettogewinn um eine Milliarde auf 8,5 Milliarden Dollar. Aktionäre wie der aktivistische Carl Icahn können sich freuen: Nach den guten Zahlen und den von ihm durchgesetzten Aktienrückkäufen im Wert von 17 Milliarden Dollar kletterte auch der Gewinn pro Aktie um 24 Cent auf 1,42 Dollar. Icahn dürfte aber noch nicht zufrieden sein. Denn er sieht noch viel Potenzial für einen weiteren Kursanstieg der Apple-Aktie. Quelle: dpa
Carl Icahn ist bekannt für sein aktivistisches Investorenverhalten. In einem Brief an Apple-Chef Tim Cook begründete Icahn, warum die Aktie des iPad-Herstellers eigentlich an der Börse bei 203 Dollar stehen sollte. Das ist ungefähr das Doppelte des aktuellen Kurses. Icahn zufolge müsste Apple damit 1,2 Billionen Dollar wert sein. Einen Rat an Tim Cook enthielt der Brief auch... Quelle: REUTERS
Apple-Chef Tim Cook solle einen Aktien-Rückkauf im Volumen von bis zu 100 Milliarden Dollar angehen, schrieb Icahn. Er sprach von einer „massiven Unterbewertung von Apple auf dem heutigen Markt, von der wir glauben, dass sie nicht lange anhalten wird.“Für seine Einschätzung nannte Icahn fünf Argumente... Quelle: AP
Grund 1: Das iPhone dominiert den Premium-MarktDas neue iPhone 6 und iPhone 6 Plus sind wie Mercedes-Benz- Luxuswagen, jedoch erschwinglich genug für den Massenmarkt, argumentierte Icahn. Daher würden die Smartphones Marktanteile von anderen Herstellern gewinnen, deren Handys auf Android und damit auf dem Betriebssystem von Google basieren. Das gelte besonders auf dem Premiummarkt. Apple würde ein „zunehmend dominierendes mobiles Öko-System schaffen“, schrieb Icahn. Quelle: AP
Grund 2: Apple-Watch als neuer WachstumstreiberDie Apple Watch, die das Unternehmen vergangenen Monat vorgestellt hat und deren US-Verkaufsbeginn für Anfang 2015 in Aussicht gestellt wurde, sollte laut Icahn einen signifikanten Einfluss auf das Wachstum von Apple haben. Der Investor glaubt, dass Apple im kommenden Geschäftsjahr 20 Millionen Uhren verkaufen wird. In den Jahren 2016 und 2017 werde der Absatz dann auf insgesamt fast 120 Millionen Stück ansteigen. Icahn prognostizierte einen durchschnittlichen Verkaufspreis von 450 Dollar pro Uhr. Quelle: AP
Grund 3: iPads ziehen immer mehr in Unternehmen einDie neuen iPads und die im Juli dieses Jahres verkündete Allianz mit IBM sollten dazu beitragen, das Tablet-Geschäft von Apple in jedem der drei nächsten Geschäftsjahre um 13 Prozent nach oben zu treiben, sagte Icahn. Quelle: REUTERS
Grund 4: Der Fernseher könnte kommenSamsung und LG bauen bereits seit längerem sogenannte „Smart TVs“ – Fernsehgeräte, die mit dem Internet verbunden sind und ein ganzes Betriebssystem enthalten. Icahn glaubt, dass auch Apple in diesen Markt einsteigen könnte... Quelle: REUTERS
Seit 2006 bietet Apple bereits eine „Set-Top-Box“ an, die jeden Fernseher zu einem Smart-TV macht (Apple TV, damals noch iTV). Doch gegen TV-Geräte sträubte sich Apple immer. Die Margen seien zu gering, der Markt sei zu hart umkämpft. Bislang hat Apple noch keine Pläne für den Verkauf von Fernsehgeräten vorgestellt. Doch Icahn glaubt, dass der Konzern im Geschäftsjahr 2016 einen Ultra-HD-Fernseher vorstellen könnte. Icahn traut Apple zu, 2016 rund 12 Millionen Geräte und 2017 etwa 25 Millionen Geräte zu verkaufen. Ganz sicher scheint sich der Star-Investor aber nicht zu sein: Er schränkte ein, dass Cook sich gegen TV-Geräte entscheiden könnte. Quelle: dpa
Grund 5: Apple Pay zahlt sich ausApples neues System für mobiles Bezahlen, das in diesem Monat an den Start geht, hat das Potenzial, im Geschäftsjahr 2017 einen Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar zu erzielen – falls es sich unter den US-Ausgaben via Kredit- und Debitkarten einen Marktanteil von 30 Prozent sichern kann, erklärte Icahn. Und weiter: „Apple, dominant im Premium-Segment, hat Kunden, die im Durchschnitt mehr ausgeben als jene von Wettbewerbern. Daher ist das Unternehmen ungewöhnlich gut dafür positioniert, mit Apple Pay dort erfolgreich zu sein, wo andere es nicht waren.“ Quelle: dpa

Und wo funktioniert das in den USA besser?

Zum Beispiel bei IBM, wo es ein Out Executive Programm gibt, mit dem queere Top-Führungskräfte nach innen und nach außen Flagge zeigen – wovon natürlich auch die deutschen IBM-Kollegen profitieren. Und Tim Cook ist nun ein weiteres Beispiel – das den deutschen Apple-Mitarbeitern nützt.

Wie hoch schätzen Sie denn den Anteil an homosexuellen Top-Managern in Deutschland?

Genau lässt sich das nicht sagen. Aber es gibt verlässliche Schätzungen, dass fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung homosexuell sind. Warum sollte das in den Top-Etagen der deutschen Wirtschaft anders sein?

Ist es für den Beruf nicht egal, welche sexuelle Orientierung man hat?

Natürlich. Oder besser: Schön wär‘s, wenn‘s so wäre. Aber jenseits aller Fortschritte auch hierzulande gehört auch diese Geschichte zur Wirklichkeit: Manche Teilnehmer an Kongressen oder Workshops, die sich mit der Akzeptanz von Homosexualität im Beruf beschäftigen, wollen am Ende nicht mit auf das übliche Abschlussfoto. Und warum? Weil sie Angst haben, von Kollegen oder Kunden erkannt zu werden.

In Arbeit
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Und was würde sich denn für die einzelne Person im Arbeitsalltag ändern?

Die aktuelle Forschung ist da ziemlich klar: Nach wie vor trauen sich mehr als 50 Prozent der Arbeitnehmer nicht, sich am Arbeitsplatz zu outen. Sie wollen ihre beruflichen Perspektiven nicht gefährden. Wenn sich also Arbeitnehmer nicht verstellen müssten, um ihre Aufstiegsmöglichkeiten zu erhöhen, dann wäre das schon ein großer Fortschritt. Im Übrigen nicht nur aus Gründen der Menschlichkeit und Chancengleichheit, sondern auch aus Gründen wachsender Produktivität des Unternehmens.

Inwiefern?

Auch da ist die Forschung ziemlich klar: Wer den Mut zur Wahrheit aufbringen darf, kann sein ganzes Potenzial in den Job einbringen. Deswegen ist ja die Schaffung eines offenen, wertschätzenden Arbeitsklimas so wichtig.

Herr Schadendorf, vielen Dank für das Gespräch!

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