Job Crafting: „Viele kündigen nicht, ändern aber auch nichts“
Viele Menschen prokrastinieren auch deshalb, weil sie auf einen Geistesblitz von außen warten, der eine Lösung offenbart. Veränderung braucht aber Zeit.
Foto: Getty Images, Illustration: Marcel ReyleWirtschaftsWoche: Frau Struss, ich bin unzufrieden mit meinem Job. Wie kann mir Job Crafting helfen?
Ragnhild Struss: Die Kernidee ist: Ich habe es selbst in der Hand, den Job durch kleine Veränderungen so umzubauen, dass er besser meiner Persönlichkeit entspricht und ich mich authentischer fühle.
Viele Menschen kündigen - zumindest innerlich - wenn sie unzufrieden sind.
Es wird häufig viel zu früh gekündigt – und am Ende machen die Leute doch wieder einen ähnlichen Job, nur in einem anderen Unternehmen.
Vor der Kündigung sollte also immer der Versuch stehen, das Beste aus seinem alten Job rauszuholen?
Auf jeden Fall. Wenn ich am Ende feststelle: Hier geht es für mich trotz aller Verbesserungen nicht weiter, kann ich ja immer noch gehen. Weil ich mich aber schon detailliert damit auseinandergesetzt habe, was ich eigentlich möchte, weiß ich dann besser wonach ich beim nächsten Arbeitgeber suchen muss. Mangelnde Wertschätzung, fehlender Teamgeist, über- oder unterfordert sein: All diese Kritikpunkte lassen sich meist darauf zurückführen, dass der Job nicht zur Persönlichkeit passt.
Ragnhild Struss.
Foto: PrivatWas aber nicht bedeutet, dass man sich für den falschen Beruf entschieden hat?
Überhaupt nicht! Wir entwickeln uns ja ständig weiter. Da sind auch die Unternehmen gefragt, den Bedarf nach Fortbildung frühzeitig zu erkennen. Auch als Arbeitskraft sollte man selbst immer wieder prüfen: Passt der Job noch zu mir? Viele Leute gehen nicht, ändern aber auch nichts. Dann fängt das Nörgeln an und die Unzufriedenheit weitet sich auf andere Lebensbereiche aus.
Woran merke ich denn, ob das einfach nur ein Durchhänger nach dem Sommerurlaub ist oder aber eine echte Sinnkrise?
Diese diffuse Unzufriedenheit nach den Ferien hat vielleicht gar nichts mit dem Job zu tun. Am Anfang steht deshalb immer eine fundierte Standortanalyse. Kommt die Unzufriedenheit wirklich aus dem Job, schaue ich mir das genauer an: Was finde ich am nervigsten, was macht mir am wenigsten Spaß?
Das kann ja aber auch Einstellungsproblem sein.
Deshalb ist Schritt zwei erst einmal eine Persönlichkeitsanalyse. Wenn ich generell eine negative Einstellung zum Arbeiten habe oder die Schuld eher bei Anderen suche, muss ich gegensteuern. Ansonsten führt das zwangsläufig in die Unzufriedenheit.
Das klingt nach einem schwierigen Prozess.
Viele Menschen überspringen deshalb diese Selbstreflexion. Doch bevor ich den Job anpassen kann, muss ich wissen, was ich will, brauche und kann. Erst dann kann ich in den nächsten Schritten schauen: Wie sieht mein Traumjob aus und wie kann ich meinen Job optimieren, um da hinzukommen – bei Aufgaben, Arbeitsweise, Beziehungen, Energiemanagement, der eigenen Einstellung.
Haben Sie mal ein Beispiel?
Vielleicht mache ich seit 20 Jahren Vertrieb und merke, dass mir die persönlichen Gespräche mit Kunden am meisten Spaß machen. Wenn ich mehr davon in meinen Arbeitsalltag integrieren will, muss ich nicht den Beruf aufgeben, sondern könnte mir ein Produkt suchen, das mehr mit persönlichen Themen zu tun hat, bei dem ich mein Interesse stärker einbringen kann.
Setzt das nicht eine große berufliche Freiheit voraus?
Als Führungskraft oder Selbstständiger ist das natürlich einfacher umzusetzen. Aber diese Gedanken sind genauso relevant für eine Pflegekraft im Krankenhaus mit festen Schichten und Aufgaben. Auch sie kann Schwerpunkte setzen, je nach der persönlichen Präferenz. Eine Kollegin hat vielleicht besonders gern mit Patienten zu tun, die andere organisiert lieber.
Man muss sich also abstimmen.
Beim Job Crafting ist man nicht allein. Es geht auch um eine Umverteilung von Verantwortlichkeiten im Team. Entscheidend ist zudem, sich die Bedeutsamkeit des eigenen Jobs zu verdeutlichen. Das haben wir spätestens in der Pandemie bei den systemrelevanten Berufen gesehen.
Trotzdem bezahlen Authentizität und Anerkennung nicht die Miete.
Job Crafting bedeutet nicht, dass jeder seiner Leidenschaft nachgehen muss. Es geht um meine Erwartungen an den Job und wie ich dafür sorgen kann, dass sie erfüllt werden.
Die Arbeit darf auch rein dem Broterwerb dienen?
Selbstverständlich. Die Erwartung kann lauten: Mein Job muss mich nicht seelisch erfüllen, sondern meine Rechnungen bezahlen. In jedem Job gibt es außerdem die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Das gilt auch für die Pflegekraft aus unserem Beispiel, etwa durch Weiterbildung in Gesprächsführung oder Qualitätsmanagement.
Häufig gibt es keinen konkreten Grund, sich zu beschweren. Man hat in der Karriere ein Plateau erreicht, wo alles ganz gut läuft. Aber irgendwie fehlt der Funke.
Das ist das Unbewusste, das die Botschaft schickt: Du hast mehr Potential, als du gerade einbringst. Das äußert sich in dem Gefühl von Langeweile und dem Gedanken: Ist das jetzt schon das Ende der Fahnenstange?
Jammern auf hohem Niveau ist also erlaubt?
Entscheidend ist immer die persönliche Erwartung an den Job. Einer findet Erfüllung vor allem im Privatleben, der andere möchte einen identitätsbildenden Job. Wer das nicht herausfindet, wird immer unzufrieden sein.
Wie überwindet man sich, mit der Analyse anzufangen?
Viele Menschen prokrastinieren auch deshalb, weil sie auf einen Geistesblitz von außen warten, der eine Lösung offenbart. Stattdessen sollte man sich erlauben, dass solche Veränderungen Zeit brauchen – ähnlich wie beim Vorsatz, fitter zu werden. Also bitte nicht erst abwarten, bis die psychischen und körperlichen Probleme da sind. Sondern sich fragen: Wie bin ich gewachsen, wo stehe ich jetzt, wie kann ich mit kleinen Veränderungen zufriedener werden?
Was wäre dann ein guter Zeitrahmen für den Anfang – vielleicht ab jetzt bis Weihnachten?
Das Timing muss zur individuellen Lebenssituation passen, auf jeden Fall erleichtert eine regelmäßige Praxis den Prozess. Kleine Schritte können sofort umgesetzt werden, zum Beispiel die Selbstreflektion am Ende eines Arbeitstages oder das Sammeln von Stärken und Interessen in einer Liste.
Ist es im Arbeitsleben irgendwann zu spät für Job Crafting?
Ich höre in Workshops immer wieder: Ich muss nur noch zehn Jahre bis zur Frührente durchhalten, da lohnt sich das nicht. Aber ich bin doch lieber zehn Jahre lang zufrieden als unzufrieden. Es ist nie zu spät, man kann auch mit über 60 noch den Job wechseln. Hier sind aber auch die Unternehmen gefragt, um Fachkräfte zu halten und ihnen die beste Position für ihre aktuellen Erwartungen und Fähigkeiten anzubieten.
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