Jutta Allmendinger "Männern wird klar, dass sie kein zweites Leben haben"

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"Die Arbeit ist eine Art Marktplatz für den sozialen Austausch"

Und kann man das?
Nach unserer Studie würde ich das nicht tun. Die Jungen machen Abstriche von der Freizeitorientierung, wenn sie an die Zukunft denken. Sie wissen, dass man, um im Job erfolgreich zu sein, eine gewisse Zahl an Stunden arbeiten muss. Sie nähern sich in dieser Frage den Alten an. Aber die Alten kommen auch den Jungen entgegen, weil sie in ihren Zukunftsentwürfen der Freizeit einen viel wichtigeren Stellenwert geben. Was ein erstrebenswertes Leben betrifft, sehen wir also keinen Generationsunterschied, sondern ein allgemeines Umdenken in der Gesellschaft. Das finde ich interessant.

Was ist der Auslöser?
Ich habe Anzeichen für diese Veränderung schon in unseren früheren Studien beobachtet. Es gab dazu starke politische Impulse, wie zum Beispiel die Elternzeitregelung, die das unterstützt haben. Hier am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ist die Abwesenheit von Vätern völlig normal geworden. Sie sind sechs Monate in Elternzeit, kommen zurück und merken: Es passiert mir nichts, wenn ich mal sechs Monate weg bin. Das gilt selbst in diesem hochkompetitiven akademischen Umfeld. Solche Erfahrungen stecken an und machen anderen Männern Mut.

Drei Tipps auf dem Weg zum Glück

Wenn es nicht mehr die klassischen Karriereideale sind, die die Deutschen am Arbeiten schätzen, was ist dann an ihre Stelle getreten?
Die Arbeit ist eine Art Marktplatz, aber eben nicht für das Tauschen von Gegenständen oder Geld, sondern für den sozialen Austausch. Der Arbeitsplatz ist ein Ort, an dem man ganz andere Menschen kennenlernen kann, die man sonst nicht treffen würde. Das ist besonders wichtig, weil uns diese Marktplätze systematisch abhandenkommen.

Wie meinen Sie das?
Ich persönlich habe zum ersten Mal völlig von mir verschiedene Menschen im Konfirmationsunterricht kennengelernt. Mein Bruder hatte ein ähnliches Erlebnis im Zivildienst. Heute ist für viele die Kirche als Treffpunkt unwichtiger geworden, Zivil- oder Wehrdienst gibt es nicht mehr. Schulen werden zunehmend segregierter, in den Stadtvierteln, in denen man lebt, trifft man oft nur Menschen, die einem ähnlich sind. Bald kommen die Produkte automatisch ins Haus und wir müssen nicht einmal mehr einkaufen gehen. Das ist gefährlich in einer Gesellschaft, die lernen muss, mit wachsender Vielfalt umzugehen.

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