Kapitalismus "Habgier kann sehr produktiv sein"

Ute Frevert, Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, findet, dass Gefühle im Kapitalismus bedeutend sind und sieht die Gesellschaft in einem ständigen Streit um ihr emotionales Selbstbild.

Warum das Bauchgefühl im Job nützlich sein kann
Hören Sie öfter auf Ihren Bauch. Studien bestätigen, dass Menschen auf ihre Intuition vertrauen können, wenn sie genug Erfahrung und Vorwissen mitbringen. Dieses ruft das Unterbewusstsein ab und hilft so bei komplexen Problemen weiter. Deshalb sollten auch Kopfmenschen ab und an ihrer Intuition vertrauen. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Im direkten Umgang mit Menschen ist das Bauchgefühl unerlässlich. Bei Meetings oder Kundengesprächen sollten Sie sich also mitunter von Ihrer Intuition leiten lassen. Entscheidungen wie: Welches Produkt passt zum Kunden oder wie gehe ich mit den Kollegen um, kann man nicht nur auf sachlicher Ebene treffen. Ein bisschen (Fingerspitzen-)Gefühl gehört dazu. Quelle: Fotolia
Genauso lassen sich auch Stimmungen im Team intuitiv wahrnehmen. Wenn es Kollegen schlecht geht oder ein unterschwelliger Konkurrenzkampf schwelt, sollten Führungskräfte nicht erst warten, bis Streits eskalieren. Sobald Sie spüren, dass etwas falsch läuft, sprechen Sie die Mitarbeiter darauf unter vier Augen an. Quelle: Fotolia
Was muss ich können, um meine Karrierechancen zu verbessern? Welche Fremdsprache hilft mir in meinem Job weiter und welcher Computerkurs macht sich im Alltag bezahlt? Auch bei der Wahl einer Weiterbildung hilft die Intuition - gepaart mit Erfahrung - weiter. Quelle: Fotolia
Wer sollte das Projekt managen und wer den Kunden betreuen? Selbst wenn Sie Aufgaben delegieren, sollten Sie bei der Wahl des Mitarbeiters Ihrem Bauchgefühl folgen. Quelle: Fotolia
Bei Einstellungsgesprächen spielt die Intuition des Personalers eine große Rolle. Schließlich geht es bei dem potenziellen neuen Mitarbeiter nicht nur darum, dass er die besten Zeugnisse und Referenzen besitzt. Er muss auch menschlich zum Team passen. Und das steht nun mal nicht in der Bewerbung, sondern muss im Gespräch herausgefunden werden - mittels Bauchgefühl. Quelle: Fotolia
Das Bauchgefühl hilft aber nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich weiter, es kann auch ein Frühwarnsystem sein. Wenn Sie bei einem neuen Projekt, einem großen Auftrag oder Ähnlichem ein schlechtes Gefühl haben, überdenken Sie Ihre Entscheidung lieber noch einmal und prüfen Sie alle Risiken genau, bevor Sie in eine Falle tappen. Quelle: Fotolia
Gleiches gilt für ein Jobangebot: Obwohl die Aufgaben spannend sind, das Gehalt stimmt und man Sie mit vermögenswirksamen Leistungen überschütten würde, haben Sie ein schlechtes Gefühl bei der Sache? Dann sollten Sie Ihrer Intuition folgen und zumindest noch einmal darüber nachdenken, welche Konsequenzen es hätte, wenn Sie den Job annehmen. Quelle: Fotolia
Oft spüren Menschen intuitiv, wenn es Zeit für einen Wechsel ist: Vielleicht liegt es an der Stimmung zwischen den Kollegen, vielleicht an der Art, wie der Chef auf einmal mit seinem ehemaligen Lieblingsmitarbeiter umgeht. Vertrauen Sie sich selbst und machen Sie sich auf die Suche nach etwas Neuem. Quelle: Fotolia
Auch wenn Menschen sich neuen Aufgaben widmen oder sich beruflich ganz verändern wollen, kann die Intuition ein Wegweiser sein. Quelle: Fotolia

WirtschaftsWoche: Frau Frevert, Kapitalisten gelten als gefühlskalt. Sie meinen aber, dass Gefühle im Kapitalismus eine wichtige Rolle spielen. Wie passt das zusammen?

Ute Frevert: Gefühle sind auf vielen Ebenen wirtschaftlichen Handelns wichtig. Bei der  Motivierung der Mitarbeiter etwa, wenn es um die Herstellung von Arbeitsfreude oder job satisfaction geht; bei der Werbung für Produkte und ihrem Verkauf an Konsumenten, deren Gefühle dafür „angezapft“ beziehungsweise teilweise auch erst erzeugt werden; bei der Gestaltung von Geschäftsbeziehungen und Vertragsabschlüssen durch gesichtsabhängiges Vertrauen; oder bei der Investition von Kapital und der Formulierung von Gewinnerwartungen.

Vita

Hat also auch der homo oeconomicus Gefühle?

Aber selbstverständlich! Schon Adam Smith sprach von der Selbstliebe als zentralem Motiv wirtschaftlichen Handelns. Bei Thomas Mann kann man nachlesen, welche Gefühle Thomas Buddenbrook bewegten, als er unter die Spekulanten ging (und daran scheiterte). Dass Menschen ihre ökonomischen Transaktionen nicht nur nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung vornehmen, hat sich inzwischen selbst unter heutigen Wirtschaftswissenschaftlern herumgesprochen. Hinter dem, was sie „Präferenzen“ nennen, verbirgt sich in der Regel ein kompliziertes Geflecht sozialmoralischer Gefühle.

Können Gefühle selbst rational sein?

Gefühle kommen nicht einfach „aus dem Bauch“; sie fußen auf vorangegangenen Erfahrungen und sind stark wertend, das heißt an gesellschaftliche Vorstellungen und Konventionen gebunden. Worüber sich Menschen freuen und was sie verabscheuen, wonach sie sich sehnen und wovor sie sich fürchten, ist weit weniger individuell und intuitiv als wir denken. Es hat eine eigene Grammatik und Logik, und es hat Gründe, über die man Auskunft geben kann.  

Es gibt durchaus unterschiedliche und sich entgegenstehende Gefühle. Es gibt Gier, aber auch Mitgefühl. Neid, aber auch Fairness. Woran liegt es, wenn bestimmte Gefühle dominieren?

Gefühle werden erlernt, wir werden nicht damit geboren. Kein Baby ist gierig oder neidisch oder schämt sich. Aber es wird in eine bestimmte Gefühlskultur hineinsozialisiert, von klein auf. Manche Kulturen tabuisieren Gier oder Geiz, andere belohnen solche Gefühle.

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