Krise bei General Electric Ex-CEO Welch sollte besser nichts sagen

Jack Welch Quelle: imago

General Electric ist in der Krise. Die Finanztochter GE Capital muss Milliarden in eine gescheiterte Geschäftssparte buttern. Wäre das Managerlegende und Ex-CEO Jack Welch auch passiert? Besser, er schweigt.

Der heute 82 Jahre alte Jack Welch wird wohl wieder nichts dazu sagen. Der unter ihm groß gewordene Weltkonzern General Electric (GE) muss für das vierte Quartal 2017 eine Belastung von 6,2 Milliarden Dollar verbuchen. In den nächsten sieben Jahren muss GE außerdem Rückstellungen von 15 Milliarden Dollar für das Versicherungsgeschäft bilden. Was für ein Schlag für GE, den Konzern, den Welch einst zu einem der größten Mischkonzerne der Welt machte. Hätte es unter Führung der Managerlegende überhaupt zu so einer Katastrophe kommen können?

Zweifel sind da angebracht. Geschäftlicher Erfolg und Gewinn seien das einzige, was zähle, ließ Welch in seiner 2001 erschienenen Autobiografie („Was zählt. Die Autobiographie des besten Managers der Welt“) wissen. Im Zweifel müssten Teile von Unternehmen für nötige Veränderungsprozesse auch mal ins Chaos gestürzt werden, sagte er einmal.

Seit er im Ruhestand ist, hält sich der für die härtesten Sprüche der Managerwelt berüchtigte Welch allerdings mit Äußerungen zu GE zurück. Schon vor acht Jahren winkte er ab, als er nach einer Einschätzung zum Zustand des Konzerns gefragt wurde, den er von 1981 bis 2001 geführt hatte. „Ich habe mein altes Leben hinter mir gelassen“, sagte die er seinerzeit der Süddeutschen Zeitung. Damals stand die US-Wirtschaft noch unter dem Schock der Finanzkrise und GE hatte gerade überraschend eine Gewinnwarnung an seine Aktionäre herausgegeben - ein Schock.

Gemessen daran müsste Welch, wäre er noch CEO von GE, jetzt geradezu ausflippen. Er gab in den 80er Jahren als GE-Chef die Devise aus, dass in einem Konzern die nicht profitablen Sparten entweder repariert, verkauft oder geschlossen werden müssten („fix, close or sell“). Wenn Unternehmensteile binnen zwei Jahren nicht nach vorne gebracht werden konnten, stieß er sie ab. Er entließ nach seiner Postenübernahme 100.000 Beschäftigte – ein Viertel der damaligen Belegschaft. Einmal sagte er: „Wenn ein Mitarbeiter sich nicht für Six Sigma [GE’s von Motorola übernommene Strategie zur Qualitätssicherung, d. Red.] begeistern kann, dann ist GE einfach nicht das richtige Unternehmen für diese Person.“

Jahrzehntelang ordnete Welch dem Profitabilitätsgedanken alles unter und prägte maßgeblich das Konzept des Shareholder Value – die Anleger waren die Könige. Erst im Alter änderte Welch seine Meinung dazu und bezeichnete die Fixierung auf die Anleger als „blödeste Idee der Welt“. Die wichtigsten Interessen eines Unternehmens müssten die eigenen Mitarbeiter, die Kunden und die Produkte sein. Denn: „Damit Ihnen die Kunden die Treue halten, ist es unabdingbar, dass Sie ihre Erwartungen erfüllen und oder gar übertreffen“, soll er einmal gesagt haben.

Welch ist nicht unschuldig

In seinem 2014 erschienenen Buch „Winning. Das ist Management“ beschrieb Jack Welch das Leitbild, nach dem seiner Ansicht nach jedes Unternehmen handeln müsse, wiederum mit dem Satz: „Wie wollen wir in unserem Geschäftsfeld erfolgreich sein?“ Betrachtet man das Debakel mit den Pflegeversicherungen, die dem Konzern jetzt auf die Füße fallen, kann man auf den ersten Blick nur sagen: Das Leitbild wurde irgendwann nicht mehr verfolgt.

Der zweite Blick zeigt, dass Welch ohnehin ein Glaubwürdigkeitsproblem hätte, wenn er wagte, seinen Senf zur aktuellen Krise abzugeben. Sein nach eigener Aussage „tief enttäuschter“ Nach-Nachfolger John Flannery büßt mit dem Milliardenverlust nämlich für ein Geschäft, das Welch selbst Anfang der 1990er Jahre tätigte. Er war es, der damals groß ins Versicherungsbusiness einstieg und Pflegeversicherungen kaufte. Diese waren auf falschen Voraussagen zu Lebenserwartungen und Gesundheitskosten aufgebaut und lange als Zeitbomben bekannt. Deshalb war schon vor zehn Jahren die Abwicklung eingeleitet worden.

Wie sich jetzt zeigt, zu spät. Welch hätte womöglich schneller gehandelt. Dennoch: Vielleicht hat Flannery auch nach Welch‘ Maßstäben alles richtig gemacht, als er diese Woche mit den schlechten Nachrichten vor die Presse trat. „Stell dich den Realitäten, auch wenn es unbequem ist, und sprich alles offen aus, auch wenn es schmerzt“, ist auch noch so einer von Welchs legendären Sprüchen.

Und auch für den eigenen Fehler aus der Vergangenheit hat der „Manager des Jahrhunderts“ (gekürt 1999 vom Wirtschaftsmagazin Fortune) schon einen Satz geprägt: „Ich habe gelernt, dass Fehler ein ebensoguter Lehrmeister sein können wie Erfolge.“

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