WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Künstliche Intelligenz „Deutsche Manager tun sich schwer damit, Dinge einfach mal zu machen“

Warum die Nutzung von Künstlicher Intelligenz an Managements scheitert. Quelle: Getty Images

Künstliche Intelligenz erlebt einen Hype: Unternehmen tüfteln daran, Investoren fliegen darauf. Hierzulande ist sie noch kaum etabliert. Für den KI-Experten Jörg Erlebach liegt das am fehlenden Mut deutscher Manager.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Zu geringe Förderungen, kaum Glasfaserausbau, zu hohe Steuern – die Probleme, die deutsche Unternehmer bei der Nutzung von Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz oft lautstark anprangern, sind bekannt. Und Jörg Erlebach kann sie mittlerweile nicht mehr hören.

Der Europachef von BCG Gamma, einer auf Datenanalyse spezialisierten Firmentochter der Boston Consulting Group, hat eine Studie erstellt und will deutschen Unternehmen damit den Spiegel vorhalten: Denn dass sich hierzulande laut der Studie erst jedes zweite Unternehmen überhaupt mit künstlicher Intelligenz beschäftigt, liegt für Erlebach nicht an den fehlenden Rahmenbedingungen und vermeintlichen Standortnachteilen. Vielmehr vermisst er den Mut und die Entscheidungsfreude deutscher Unternehmer.

WirtschaftsWoche: Herr Erlebach, in Ihrer Studie schreiben Sie, dass sich „nur jedes zweite Unternehmen in Deutschland aktiv mit KI beschäftigt“. Müssten Sie nicht eher schreiben, dass sich bereits die Hälfte der deutschen Unternehmen mit KI beschäftigt?
Jörg Erlebach: Wenn wir das Ergebnis der Studie positiv sehen wollen, befinden wir uns tatsächlich in recht guter Gesellschaft, was den tatsächlichen Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen angeht: Die USA, Frankreich, Schweiz und Österreich liegen allesamt beinahe gleichauf mit Deutschland. Allerdings steht Deutschland mit den Voraussetzungen als große Industrienation bei KI an der Pole-Position. Aus dieser extrem guten Startposition müssen wir eigentlich mehr machen.

Von der Pole-Position hört man allerdings selten. Vielmehr ist von nicht ausreichenden politischen Rahmenbedingungen die Rede.
Stimmt. Gerade in Ländern, in denen die Künstliche Intelligenz noch nicht so verbreitet ist, monieren Unternehmer gerne falsche Bildungspolitik, langsamen Glasfaserausbau oder fehlende Förderungen – eben auch in Deutschland. Natürlich ist es auch wichtig, ordentliche Rahmenbedingungen zu haben. Aber woran es in der Regel viel mehr hakt, ist die Herangehensweise des Managements.

Warum machen deutsche Unternehmer nicht mehr aus ihrer Pole-Position?
Hierzulande gibt es eine besondere Tugend, die ich bei Unternehmen häufig feststelle: Jeder Prozess wird genauestens durchgeplant. Unternehmen bauen Prototypen, testen diese etliche Male, erstellen mehrjährige Umsetzungspläne und stellen dann erst ein neues Produkt oder einen neuen Service vor. Diesem Vorgehen mag Deutschland seinen wirtschaftlichen Erfolg verdanken. Doch in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz ist es eher hinderlich.

In China nutzen bereits 85 Prozent der Unternehmen KI. Warum ist der Anteil dort so erheblich größer?
Deutsche Unternehmen tun sich momentan noch unheimlich schwer damit, Dinge einfach mal zu machen. Sie mögen es lieber beständig und bewährt. In Ländern mit jüngerer Industrialisierungshistorie, wie eben China, ist das anders. Hier werden Unternehmensentscheidungen mutiger getroffen. Die Innovationszyklen sind deutlich kürzer.

Wie äußert sich dieser fehlende Entscheidungsmut im Unternehmensalltag?
Nur 13 Prozent der deutschen Unternehmen haben Mitarbeiter, die laut eigener Aussage von ihren Chefs die Erlaubnis erhalten, Dinge einfach mal auszuprobieren – ohne große Wirkungsanalysen und Erfolgsgarantien.

Haben wir in Deutschland eigentlich ein korrektes Bild von künstlicher Intelligenz?
Ich frage gerne mal zwischendurch alle möglichen Leute, was sie eigentlich unter Künstlicher Intelligenz verstehen. Die Antworten reichen von sprechenden und selbstlernenden Robotern, die uns die Arbeit wegnehmen, bis zu den deutlich banaleren „Andere Kunden kauften auch“-Vorschlägen, die Amazon seinen Kunden auf Basis des kollektiven Kaufverhaltens macht.

Und hinter den Amazon-Vorschlägen steckt gar keine KI? 
Nein, meiner Meinung nach haben die Vorschläge wie „Kunden, die dieses Produkt gekauft haben, kauften auch“ nichts mit wirklicher Künstlicher Intelligenz oder selbstlernenden Systemen zu tun. Vielmehr sind es sich laufend anpassende Clusteranalysen und Entscheidungsbäume. Das ist alles.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%