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Länger leistungsfähig im Beruf So halten Sie im Job bis 63, 67 und 70 durch

Wer einen Bürojob hat, hält wahrscheinlich eher bis 63, 67 oder 70 durch, als ein Gießer in der Metallverarbeitung. Ein Leitfaden der Handelskammer Hamburg sagt, wie man länger gesund und leistungsfähig im Beruf bleibt.

Warum die Deutschen in Frührente gehen
In Deutschland gehen weniger Menschen vorzeitig in den Ruhestand: Nur noch jeder dritte Neurentner sei zuletzt vorzeitig mit Abschlägen in die Altersrente gegangen, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion, über die die „Rheinische Post“ berichtet. Die Zahl der Frührentner ging demnach vom Jahr 2007 bis 2013 um 85.000 auf 323.000 zurück. Ihr Anteil an allen Neurentnern habe damit 2013 bei nur noch 36,7 Prozent gelegen. Sechs Jahre zuvor seien es noch 45,9 Prozent gewesen. Wer 2013 vorzeitig Altersrente beansprucht hat, musste laut Regierung zudem deutlich geringere Abschläge in Kauf nehmen - im Durchschnitt 77,50 Euro pro Monat, nachdem es 2007 noch 115,24 Euro waren. Quelle: dpa
Wenn der Friseur auf einmal die Shampoos und Haarfarben nicht mehr verträgt und mit Hautausschlag reagiert, ist Schluss mit dem Beruf. Gleiches gilt für den Maler und Lackierer, der auf die Farben sensibel reagiert. Probleme mit der Haut sind allerdings nur sehr selten Gründe für das vorzeitige Ausscheiden aus dem Berufsleben. Nur 0,4 Prozent der Frührentner hängen den Job wegen Erkrankungen der Haut an den Nagel. Quelle: dpa
2,9 Prozent, also rund 5226 Personen, mussten wegen Erkrankungen der Atemwege wie Asthma vorzeitig in Rente gehen. Quelle: dpa
3,9 Prozent litten dagegen an Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes oder an chronischen Erkrankungen des Verdauungssystems. Quelle: dpa
Erkrankungen der Sinne waren bei 5,9 Prozent der Grund für das vorzeitige Ende des Berufslebens. Im Jahr 2010 tauchten Erblindung oder Taubheit noch gar nicht in den Statistiken der Deutschen Rentenversicherung als Gründe für die Frührente auf. Quelle: AP
Die übrigen Diagnosen, also andere Krankheiten, haben 9,2 Prozent aus dem Beruf geworfen. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Auf dem vierten Platz landen in diesem Jahr die Krankheiten von Herz und Kreislaufsystem, also zum Beispiel Herzinfarkte, Schlaganfälle und Durchblutungsstörungen. 9,7 Prozent aller Frührentner gingen wegen Herz-Kreislauf-Problemen in den Ruhestand. Quelle: dapd

"Wir leben länger, erfreuen uns besserer Gesundheit und sind leistungsfähig bis ins hohe Alter. [...] Und uns allen ist eines klar: Wir müssen länger arbeiten. Nicht weil wir uns noch einmal verwirklichen wollen, sondern weil es unausweichlich ist." Das sagt Helmut Schmidt, Bundeskanzler a.D. bei der Vorstellung des Leitfadens "Neue Wege bis 67 - gesund und leistungsfähig im Beruf" der Handelskammer Hamburg und der Zeit-Stiftung. Seiner Meinung nach ist längeres Arbeiten "geradezu eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit, wenn die Renten in Zukunft finanzierbar sein sollen." Daran werde auch die umstrittene Rente mit 63 nichts ändern.

Doch klar ist auch, dass es für Beschäftigte in körperlich harten Berufen eine deutlich größere Herausforderung ist, bis 67 zu arbeiten, als für Büroangestellte. Bislang gehen viele Arbeiter aus Produktionsbetrieben wegen gesundheitlicher Probleme früher in Rente.

Diese Berufe machen krank

Es kann sich jedoch weder eine Gesellschaft, noch ein Betrieb leisten, seine Arbeitskräfte zu verheizen und sie mit 50 Jahren und krummen Rücken in den Vorruhestand zu schicken. Gerade, da auch immer mehr Studien das Vorurteil entkräften, dass Beschäftigte mit fortschreitendem Alter weniger effektiv oder leistungsstark sind. "Berufliche Handlungskompetenz nimmt über die Lebensspanne nicht notwendig ab. Vielmehr sind es Unterschiede in den Lernchancen, die die Unterschiede
in der beruflichen Leistungsfähigkeit in Abhängigkeit vom Lebensalter erklären", heißt es beispielsweise bei Barkholdt (1998), Koller & Plath (2000) und Warr (1995).

Und auch Michael Göring, Vorstandsvorsitzender der Zeit-Stiftung, betont: "Die Frage, wie Arbeit bis 67 leistbar ist, kann nicht den Politikern allein überlassen werden. Hier ist die Zivilgesellschaft gefordert, Modelle vorzulegen und zu testen."

Die Zeit-Stiftung hat deshalb zusammen mit der Handelskammer Hamburg und dem Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Mitarbeiter aus zwei metallverarbeitenden Betrieben befragt und aus den Ergebnissen Handlungsempfehlungen für Beschäftigte und deren Personalverantwortliche in den belastenden Berufen entwickelt.

Mut zu Umschulungen

Um es vorweg zu nehmen: Man braucht dafür gar nicht viel. Eine kollegiale Atmosphäre, in der die Menschen gerne arbeiten, einen Chef, der ihnen auf Augenhöhe begegnet und Ansprechpartner ist, die bestmöglichen Arbeitsbedingungen auhc in Knochenjobs - und die Möglichkeit, zur Not innerbetrieblich den Beruf zu wechseln, wenn es gesundheitlich nicht anders geht. "Hier sehe ich eine große gesellschaftliche Herausforderung, deren Überwindung nicht nur ökonomisches Geschick verlangt, sondern auch pädagogisch-psychologische Begleitung der Betroffenen und ein erfolgreiches gesamtgesellschaftliches Umdenken im Bereich individueller Berufsbiografien", so Schmidt. Denn Chef müssen auch bereit sein, den Gießer im Schichtbetrieb zum medizinischen Assistenten umzuschulen.

Dass das geht, zeigt ein Beispiel aus dem Leitfaden. "Ich bin zum Studieren nach Deutschland gekommen, doch im achten Semester musste ich leider aufhören. Ich hatte Familie, keinen Job und kein Geld. Ich musste einfach Geld verdienen. Es war ein Horror für mich! Schichtarbeit, immer kaputt und müde, aber man hatte immer das Bild der Familie vor den Augen, und man sagte sich: Komm, du musst das aushalten", berichtet ein Berfragter aus einem Hamburger Betrieb. Nach neun Jahren wechselte er zum betrieblichen Rettungsdienst, weitere drei Jahre später wurde er zum arbeitsmedizinischen Assistenten. Doch dieser Schritt ist an sich der Einzige, der Mut und Umdenken von Führungskräften erfordern sollte. Die anderen Erkenntnisse des Leitfadens sollten eigentlich für jede Führungskraft - vom Top-Manager bis zum Schichtleiter - selbstverständlich sein.

Quiz: So finden Sie heraus, ob Sie ein guter Chef sind

Doch das scheint längst nicht überall der Fall zu sein. Ein 44jähriger Schmelzer beispielsweise erzählt: "Ich war früher in einer anderen Schicht. Der Schichtmeister war noch so ein Choleriker mit Rumbrüllen und die Leute zusammenscheißen. Das hat sich auf die Leute übertragen. Die haben angefangen, nicht mehr zusammenzuhalten und sich untereinander zu bekämpfen. In der jetzigen Schicht ist es genau das Gegenteil. Super Kollegen, sehr kollegial. Der Vorgesetzte begegnet uns auf Augenhöhe. Er hört zu. Er hat Ahnung von der Materie. Ich kann mich auf ihn verlassen."

Auflösung: Sind Sie ein guter Chef?

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