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Managerpannen "Öffentliches Tratschen ist tabu"

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Jeder Fehltritt wird dokumentiert


Selbsterkenntnis also der erste Schritt zur Besserung?

Kirchner: Richtig. Das Problem dabei ist bei Top-Managern aber, dass sie kaum Rückmeldung zur ihrer Person oder ihrem Verhalten bekommen, denn einen Vorgesetzten gibt es nicht. Und die Mitarbeiter trauen sich nicht, zu kritisieren. Deshalb ist Reflexion von außen nötig, um den Erkenntnisprozess erstmal in Gang zu setzen. Dazu sind spezielle Coachings geeignet, denn durch die Medien werden Manager zwar auf ihren Fehltritt aufmerksam gemacht. Zum Reflektieren brauchen sie aber einen anderen Sparringspartner.

Sie haben gerade schon die Medien erwähnt. Ist die Wahrscheinlichkeit, in ein Fettnäpfchen zu treten, größer geworden in einer Zeit, in der ständig eine Kamera mitläuft und Menschen mit ihren Smartphones alles festhalten, was ihnen vor die Linse kommt?
Breyer-Mayländer: Nein, aber die Fehltritte werden besser dokumentiert. Wenn ein Chef zum Beispiel die Kritik bei einer Mitarbeiterversammlung einfach abgetan oder gar aggressiv darauf reagiert hat, dann war das auch früher schon verheerend. Der Unterschied ist, dass heute irgendjemand dieses Verhalten mit seinem Handy festhält und den Mitschnitt eventuell ins Netz stellt. Die Auswirkungen des Fettnäpfchens können also größer sein. Deshalb müssen Manager zum Beispiel auch mit Privatem noch viel vorsichtiger umgehen als früher.

So umgehen Sie Fettnäpfchen
Maria-Elisabeth Schaeffler Quelle: REUTERS
Stefan Mappus Quelle: dpa
Jürgen Fitschen Quelle: REUTERS
Michel Friedman Quelle: dpa
Hartmut Mehdorn Quelle: dpa
Utz Claassen Quelle: dpa

Gar nicht so einfach in Zeiten, in denen von Managern erwartet wird, dass sie twittern und auf Facebook aktiv sind, weil sie sonst vielleicht als unnahbar gelten.
Breyer-Mayländer: Das war früher schon ähnlich – nur auf einer anderen Ebene. Wenn ich meinen Mitarbeitern nichts Privates erzählt habe, haben sie kein Vertrauen zu mir aufbauen können. Daran hat sich nichts geändert. Allerdings muss diese Offenheit sehr dosiert sein, da sonst schon die nächsten Fettnäpfchen lauern. Ein Staatssekretär des Landes Baden-Württemberg ist zum Beispiel dank seines Facebook-Accounts entlassen worden. Er hatte seine Politikkollegen dort zum Beispiel als „FDPisser“ bezeichnet. Er habe gedacht, Facebook sei Privatsache. Weit gefehlt.

Das heißt, Politiker und Manager sollten die sozialen Medien lieber meiden?
Breyer-Mayländer: Nein, aber sie sollten sorgfältig damit umgehen. Mir ist kürzlich ein Profil eines Aufsichtsratsvorsitzenden aufgefallen, der wenig preis gibt und seinen Account wohl vor allem nutzt, um mit seinen Töchtern in den USA zu kommunizieren. Dagegen ist gar nichts einzuwenden. Aber Dinge wie der Beziehungsstatus oder Äußerungen, die nichts mit dem eigenen Geschäft zu tun haben, sind für Manager tabu.
Kirchner: Stefan Raab findet da eine gute Balance. Er gibt kaum etwas aus seinem Privatleben preis, aber durch seine Show „Schlag den Raab“ hat trotzdem jeder Zuschauer das Gefühl, ihn zu kennen. Wir wissen, was er alles kann und worin er sich auskennt.

Zypern sendet falsche Neujahrsansprache
Die Panne dauerte nur zehn Sekunden, ist aber ein Aufreger: Zyperns staatliches Fernsehen hat am Silvesterabend versehentlich die Neujahrsansprache für das Jahr 2013 gesendet. Die Sendung zeigte den inzwischen abgewählten linken Staatspräsidenten Dimitris Chistofias. Der Fehler wurde laut Augenzeugenberichten nach etwa zehn Sekunden bemerkt und die Sendung mit der Ansprache wurde unterbrochen. Wenige Sekunden später wurde dann die richtige Ansprache des amtierenden konservativen Präsidenten Nikos Anastasiades (im Bild) gesendet. „Ich habe gedacht, ich mache eine Zeitreise“, sagte Andreas Stylianou, ein zyprischer Ingenieur aus Nikosia. Offiziell hatte es bis zum Neujahr keine Reaktionen gegeben. Lediglich hieß es aus Regierungskreisen, solche Fehler „können manchmal auftreten“. Das Thema sollte „nicht so ernst“ genommen werden. Eine ähnliche Panne hatte es am Silvesterabend des Jahres 1986 auch in Deutschland gegeben... Quelle: REUTERS
Damals sahen in der ARD fast sieben Millionen Menschen nach der „Tagesschau“ um 20 Uhr, wie Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) am Ende seiner Neujahrsansprache alles Gute für das Jahr 1986 wünschte - und nicht, wie es richtig gewesen wäre, für 1987. Der Sender hatte versehentlich erneut die Ansprache vom Vorjahr anstelle der aktuellen Rede gesendet. Weil die Rede so allgemein war, hätte das "friedvolle 1986" noch als Versprecher durchgehen können. Aufgefallen war die Panne unter anderem wegen derselben Krawatte Kohls. Quelle: dpa
Auch der Radiosender SWR1 Rheinland-Pfalz leistete sich schon mal einen Patzer mit der Neujahrsrede: Versehentlich wurde im Januar 2010 eine siebenminütige Ansprache des damaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck von 2009 gesendet. In der Rede ging es unter anderem um die "bevorstehenden" Europa- und Bundestagswahlen. Quelle: REUTERS
2001 bot der MDR eine kuriose Neujahrsrede: Zwar war der richtige Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Reinhard Höppner (im Bild) zu sehen - zu hören war aber die Stimme seines sächsischen Amtskollegen Kurt Biedenkopf. Der Sender entschuldigte sich und begründete die Panne mit technischen Problemen bei der Satellitenübertragung. Quelle: AP
Ärger gab es 2011 in Russland: Die Neujahrsrede des Kremlchefs Dmitri Medwedew wurde in einigen Regionen eine Stunde zu früh ausgestrahlt. “Alles Gute zum gerade begonnenen Neuen Jahr“, wünschte Medwedew in der aufgezeichneten Rede da zahlreichen Bürgern schon um 23 Uhr. Irritierte Russen beschwerten sich beim Sender. Grund für die Panne sei vermutlich ein technischer Fehler an einem Übertragungs-Satelliten, hieß es. Wegen der Zeitzonen in Russland begrüßten die Menschen im Riesenreich das Neue Jahr zu unterschiedlichen Zeiten. Quelle: dpa
Bulgariens Präsident Rossen Plewneliew startete mit einer peinlichen Panne ins Jahr 2013: Während seiner ersten Neujahrsansprache , in der er Bulgariens "einmalige Natur" pries, flimmerten im Hintergrund Bilder eines Gebirges zur Untermalung seiner Worte. Dummerweise waren es die Rocky Mountains in den USA. Aufgedeckt wurde der Fauxpas von einem privaten bulgarischen TV-Sender. Hohn und Spott ergossen sich über Plewneliew. Die Panne kam dadurch zustande, dass der Sender BNT, der für die Neujahrsrede zuständig ist, ein Foto eines Reiseanbieters nutzte ohne es zu überprüfen. Quelle: AP

Das Internet ist also ein Terrain, auf dem Fettnäpfchen lauern. Wie ist sieht es mit Auftritten im Ausland aus? Sind die Fallen dort größer?
Breyer-Mayländer: Sie sind vielfältiger. Zunächst gibt es da nämlich die sprachliche Dimension. Das kann schon mal peinlich werden, wenn man internationales Parkett betritt und das Englisch für niemanden verständlich ist – wir erinnern uns alle an den Auftritt von Herrn Oettinger, kurz nachdem er EU-Kommissar wurde. Solche Defizite müssen sich Manager und Politiker eingestehen. Sie sollten dann lieber einen Dolmetscher hinzuziehen. Das zweite Problem im Ausland sind die kulturellen Codes. Auch darauf müssen sich Manager vorbereiten. Das geht von der Begrüßung, über den Tausch von Visitenkarten bis hin zum Essen.

Geben Sie ein Beispiel.

Breyer-Mayländer: Der Entwickler des Computerspiels Tetris kommt aus Russland. Als er vor vielen Jahren zu Verhandlungen beim japanischen Spielehersteller Nintendo zu Gast war, kannte er Wasabi nicht. Man erklärte es ihm als eine Art Meerrettich und er langte ordentlich zu. Das Ergebnis: Ihm blieb die Luft weg, die Verhandlung musste unterbrochen werden.

Kirchner: Hätte er sich besser auf seinen Japanbesuch vorbereitet, wäre ihm das nicht passiert. Vorbereitung ist zentral, um Fehltritte zu vermeiden.

Management



Das alleine dürfte aber nicht reichen, oder?

Breyer-Mayländer: Nein. Jeder Manager braucht ein Umfeld, in dem sich Menschen trauen, ihn zu kritisieren. Sie sollen ihm sagen, wenn er nicht der große Redner ist oder seine Argumente unpassend sind, da sie beispielsweise den Erfahrungen weiter Teile seiner Zuhörer nicht entsprechen. Diese Offenheit entsteht aber nur, wenn der Manager Kritik auch zulässt und aktiv Rückmeldungen einfordert.
Solche Fehltritte sind ja bisweilen auch zum Schmunzeln. Was war denn ihr Lieblingsfettnäpfchen in jüngster Vergangenheit?

Kirchner: Als Gregor Gysi während einer Podiumsdiskussion zur Toilette ging und vergessen hatte, das Mikro auszuschalten. Solche Sachen passieren, denn wir sind alle nur Menschen. Die schlimmen Fettnäpfchen sind die, bei denen sich Charakterschwäche offenbart.

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