Margot Käßmann "Den ehrbaren Kaufmann gibt es immer seltener"

Ein guter Manager sei verlässlich, integer, übernehme Verantwortung – und die Mitarbeiter ernst. Dieser Typ sei aber selten, sagt die ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche Margot Käßmann. Die Folge: Angestellte verlieren das Vertrauen.

Margot Käßmann ist evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin in verschiedenen kirchlichen Leitungsfunktionen. Käßmann war Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Frau Käßmann, Sie plädieren für mehr christliche Werte in der Arbeitswelt. Wie passt diese Forderung zu einer Wirtschaft, in der es immer noch Niedrigverdiener gibt und Müttern die Rückkehr in Vollzeit verwehrt wird?
Margot Käßmann: Das sind Herausforderungen, die bislang gar nicht oder unzureichend angegangen worden sind. Natürlich sollte jeder Mensch ein Einkommen haben, von dem er leben kann. Und auch bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist noch einiges zu tun. Aber die Wirtschaft ist ja kein freischwebendes Gebilde. Nur die Menschen, die dahinter stehen, können die Bedingungen ändern.

Die Manager müssen also Nächstenliebe lernen?
Ja, aber das ist gar nicht einfach. Denn Nächstenliebe umfasst nach dem christlichen Verständnis die Liebe zu Gott, zu sich selbst und eben zu dem Nächsten. Aber viele Manager haben meiner Meinung nach das Problem, dass Sie nicht mal sich selbst lieben. Sie müssen aber ganz bei sich sein, um anderen Respekt entgegenzubringen.

Und viele Manager sind ferngesteuert, weil sie nur den Profit und die Dividendenzahlung für ihre Anleger im Kopf haben?
Genau. Dabei liegt es an ihnen, dem Gewinnstreben um jeden Preis Grenzen zu setzen. Denn unendliches Wachstum, ohne dass dabei jemand auf der Strecke bleibt, gibt es nicht.

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Glauben Sie, dass diese moralischen Ansprüche in den nächsten Jahren mehr Gehör finden?
Ja, da bin ich optimistisch. Wir beobachten in den vergangenen Jahren eine neue Nachdenklichkeit. Die Shell-Jugendstudie etwa zeigt, dass die junge Generation sich von materiellen Werten entfernt. Dinge, die den jungen Leuten wichtig sind, sind nicht käuflich. Es geht um Familie, Freunde und Freiheit.

Bis diese Generation in den Chefetagen sitzt, dauert es noch etwas. Wie müssten sich heutige Manager präsentieren, um den Wandel auf den Weg zu bringen?
Der Schlüssel sind die drei Vs: Vertrauen, Verlässlichkeit, Verantwortung. Davon gab es in den vergangenen Jahren zu wenig in deutschen Unternehmen. Den ehrbaren Kaufmann gibt es immer seltener. Deshalb haben die Menschen den Respekt vor den wirtschaftlichen Eliten verloren. Sie misstrauen ihnen, weil sie für Korruption und Machtbesessenheit stehen.

Sehen Sie selbst das auch so?
Macht ist nicht per se anrüchig, aber wir brauchen mehr Transparenz. Wenn der Mitarbeiter oder die Bürgerin nicht mehr nachvollziehen kann, wer was mit welchem Ziel tut und dann auch die Verantwortung trägt, kann kein Vertrauen entstehen.

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