Mittelständler Vetter Pharma "Wir sind vielleicht nicht hip, aber berechenbar"

Der Hauptsitz des Pharmazulieferers Vetter ist in Ravensburg, doch der Hidden Champion ist in den USA ein großer Player. Quelle: Haas School

Viele Unternehmen fragen sich, wie sie Fachkräftemangel und Digitalisierung beikommen sollen. Vetter Pharma nicht. Der Zulieferer wächst – auch dank der schwäbischen Unternehmenskultur.

Frank Böttger arbeitet im Keller. Seine Arbeitskleidung: Schutzbrille und Laborkittel. Durch eine gläserne Front schaut er in das Innere eines riesigen, metallenen Kühlschranks, der in seinem Labor in eine Wand eingelassen ist. Innen drei Metallplatten über Kühlschlangen, auf denen weiße Plastikschalen liegen, die entfernt an Eiswürfelbehälter erinnern. Darin befinden sich mehrere Glaskolben, alle verschlossen mit einem grauen Plastikpfropfen. „Hier drin lassen wir unsere Spritzen quasi simuliert fliegen“, sagt der Leiter der Produktionswissenschaft und Produktionsverfahren beim Pharmazulieferer Vetter.

Der Kühlschrank kann nicht nur Substanzen gefriertrocknen, kühlen oder erwärmen. Er kann auch verschiedene Druckverhältnisse simulieren. Denn die Spritzen, die bei Vetter mit Medikamenten befüllt werden, kommen überwiegend per Flugzeug zum Kunden.

60 Prozent des Umsatzes kommt aus den USA

Der Hauptsitz des Hidden Champions ist zwar Ravensburg, den größten Absatz macht das Unternehmen jedoch in den USA. Und da müssen die Produkte heil ankommen. Also überprüfen Böttger und seine Kollegen, ob und wie stark sich die Flüssigkeit in den Kolben bei verändertem Druck ausdehnt. Das ist wichtig, denn darin befinden sich empfindliche Impfstoffe. Bei steigendem Druck dehnen die sich aus, wodurch sich der Verschluss bewegen kann. „Im allerdümmsten Fall könnte der Stopfen abgehen“, erklärt der Chemiker.

Was die Zufriedenheit der Mitarbeiter steigert

„Manchen der Menschen, die die Medikamente bekommen, die hier verarbeitet werden, geht es richtig schlecht. Die sind sehr, sehr krank.“ Kontaminierte Injektionen könnten sie töten. „Deshalb muss hier alles wasserdicht sein, alles wird nochmal und nochmal und nochmal getestet.“ Auf den Chemikern und Ingenieuren laste deshalb ein großer Druck, aber der Job sei ungeheuer erfüllend, so Böttger

„Unsere Arbeit ist enorm sinnstiftend. Wir sichern Leben. Und Lebensqualität. Ich fühle mich damit schon wesentlich besser, als wenn wir hier Zigaretten herstellen würden“, sagt auch Peter Sölkner, einer von drei Geschäftsführern des Pharmazulieferers. Er ist für das internationale Vertriebs- und Marketinggeschäft verantwortlich und lebt entsprechend kundennah in San Francisco. Einmal im Monat kommt er zum Hauptsitz nach Ravensburg.

Vetter-Geschäftsführer Peter Sölkner und Beirat Udo Vetter mit Mustern ihrer Produkte.

Zu diesem Anlass schenkt Udo J. Vetter, Sohn des Unternehmensgründers und Beiratsvorsitzender, seinem Geschäftsführer höchstpersönlich den Kaffee ein. „Die Sinnhaftigkeit unserer Arbeit bekommen die Mitarbeiter vorgelebt: Bei gemeinsamen Veranstaltungen mit unseren Kunden berichten immer wieder Patienten, wie sich ihr Leben durch die Medikamente, die wir mitentwickeln und herstellen, verbessert. Das motiviert die Belegschaft ungemein“, sagt Vetter.

Beide sitzen in einem Besprechungszimmer, ein paar Stockwerke über und ein paar Meter von Böttger und seinem Team entfernt. Fachlich sind die drei Männer aber ganz nah beieinander: Vetter studierte klinische Pharmazie an der Universität von Washington und arbeitete als klinischer Apotheker. Sölkner ist Chemieingenieur. Böttger Doktor der Chemie.

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