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Mittleres Management "Der Druck ist noch nicht groß genug"

Exklusiv

Deutsche Unternehmen wissen genau, wie wichtig Digitalisierung ist. Sie wissen auch, woran die Umsetzung bei ihnen hapert. Doch da eine Hierarchieebene um ihre Posten fürchtet, tut sich wenig. Hier fehlt ein Augenöffner.

Manche Manager spielen bei der Digitalisierung weiter auf Zeit, die sie nicht haben. Quelle: Fotolia

Frank Jorga ist ein Tausendsassa. Er war mal Programmierer, hatte sein eigenes IT-Unternehmen. Dann arbeitete er als Banker, studierte BWL und Jura, machte seinen MBA. Sein aktuelles Unternehmen, die WebID Solutions GmbH, verbindet die vorherigen Aspekte. Die Dienstleistung, die WebID Solutions anbietet, sind digitale Identifizierungen bei Banken oder Versicherungen. Statt zur Post zu gehen und sich mit dem Personalausweis zu legitimieren, hält der Kunde nur noch seinen Ausweis in die Kamera – und kann kurz danach online ein Konto eröffnen.
Gründer und Co-CEO Jorga lebt die Digitalisierung. Seit 1999 arbeitet er im papierlosen Büro – ohne eigenes Büro. Er ist an jedem Standort seines Unternehmens zu Hause – von Mumbai bis Kiel. Das funktioniert, weil er auf Zusammenarbeit und das Teilen von Informationen setzt. Cloud statt abgesperrter Aktenschränke. Er habe irgendwann gemerkt, dass er sich selbst digitalisieren müsse, um digital erfolgreich zu sein, sagt er.

Frank Jorga ist Gründer und Co-Geschäftsführer von WebID Solutions. Quelle: Presse

Damit ist Jorga unter deutschen Managern ein Unikat. Andere Manager sperren sich bis heute gegen die Digitalisierung. Das zeigt die Studie „Leadership in der digitalen Welt – wo stehen die deutschen Unternehmen?“, die WirtschaftsWoche Online exklusiv vorliegt. Für die Studie haben die EBS Business School und die Personalberatung Boyden Führungskräfte, Manager, Vorstände und Beiräte von großen Konzernen und mittelständischen Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen befragen lassen.

Die Ergebnisse sind ziemlich ernüchternd:


• 81 Prozent der deutschen Manager glauben, dass sie nur bedingt auf die Herausforderungen der Digitalisierung vorbereitet sind.
• Nur jeder zweite Top-Manager räumt eine bedingte Nutzung von Big Data oder IoT ein. Keiner der Befragten ist der Meinung, dass Top-Manager in Deutschland in vollem Umfang die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen.
• Jedes zehnte Unternehmen hält seine Top-Führungskräfte für schlecht aufgestellt.
• 57 Prozent der Unternehmen sind der Meinung, dass ihre Führungsriege beim Thema digitale Strategien nicht auf dem neuesten Stand sind.

Immerhin, die Selbsterkenntnis ist vorhanden. Das belegt auch eine Studie der Boston Consulting-Group, über die WirtschaftsWoche Online kürzlich berichtete. Demnach stehen sich deutsche Unternehmen mit ihrer Regelwut selbst im Weg – und wissen das auch.

Nur: Warum unternimmt niemand etwas gegen die erkannten Schwächen? „Das ist so, als hätten Sie eine kaputte Füllung. Sie wissen, dass Sie zum Zahnarzt gehen müssten, aber es tut noch nicht so weh, dass Sie tatsächlich gehen“, sagt Jörg Kasten, Managing Partner und Chairman bei Boyden Deutschland. „Wenn es dann soweit ist, schlägt der Zahnarzt natürlich die Hände über dem Kopf zusammen und sagt: Warum kommen Sie denn erst jetzt?“

Die Unternehmen müssen also erst richtig schlimme Zahnschmerzen bekommen, bevor sich etwas tut. „Manche Branchen kommen natürlich nicht daran vorbei, sich schon jetzt zu verändern, aber bei anderen ist der Druck aus dem Markt einfach noch nicht groß genug“, so Kasten.

Das zeigen die Zahlen aus der Studie von Boyden und der EBS: Während die Unternehmen aus der IT- und Telekommunikationsbranche ihre Digitalstrategien weitgehend umsetzen, trödeln der Maschinen- und Anlagenbau, die Konsumgüterindustrie und die chemischpharmazeutische Industrie noch. So sind beispielsweise nur fünf Prozent der Maschinenbau-Manager der Meinung, gut für die Digitalisierung gerüstet zu sein. Bei den Pharmaunternehmen sind es lediglich drei Prozent.

Größten Bremser sitzen im mittleren Management

Dass sich einige mit der Umsetzung so schwer tun, liegt laut der Boyden-Studie vor allem an einer Personengruppe: dem mittleren Management. Dies leiste den größten Widerstand bei der Implementierung digitaler Konzepte. Zumindest bezeichneten 65 Prozent der Befragten diese Hierarchieebene als größte Bremse. Weniger schwer nehmen Top-Management (19 Prozent) und Mitarbeiter (zwölf Prozent) die Einführung digitaler Prozesse. „Veränderung ist ja immer auch Bedrohung. Die fürchten um ihre Positionen und Beförderungen“, begründet Kasten die Blockadehaltung. Und ihre Umwelt gebe ihnen Recht: „Mit den alten Modellen geht es ja auch noch. Sie können damit noch zehn Jahre Geld verdienen“, so der Unternehmensberater.
Damit sie auch in elf Jahren noch Geld verdienen, setzen die Befragten vor allem auf Input von außen, zeigt die Studie von Boyden. Jeder dritte Manager ist der Ansicht, dass zunehmende Veränderungsstrategien zwingend Kompetenz, Unbeschwertheit und neue Ideen von außen benötigt. Nach internen Talenten schauen sie nicht. Dagegen würde jeder Fünfte einen Interim Manager holen, um das Unternehmen zu digitalisieren. „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Selbst wenn junge Führungskräfte in einem Unternehmen sind, haben die es nicht leicht“, bestätigt Kasten.

Externe an Board zu holen, hat Vor- und Nachteile. Natürlich bringen sie frischen Wind und neue Ideen, die Eigengewächse vielleicht nicht haben. Auf der anderen Seite reißen sich alle um diese digitalen, kommunikativen Change-Experten. Wer da nicht die Arbeitswelt von Google und das Gehalt von Apple bieten kann, verliert. Weniger schwierig ist es, sich woanders inspirieren zu lassen. Sei es auf Messen oder bei Partnern und Kunden im Ausland. Die USA ist nach der Einschätzung deutscher Top-Manager bei der Industrie 4.0 weltweit führend. Entsprechend sagen 36 Prozent der Befragten, dass sie die meisten Industrie-4.0-Erfahrungen bisher in den USA sammeln konnten.

Digital seit einem Arbeitsaufenthalt in den USA

Das gilt auch für Digitaltyp Jorga. Nach seinem zweiten Staatsexamen arbeitete er für die deutsch-amerikanische Auslandshandelskammer – ganz in der Nähe des Silicon Valley. Dort merkte er: „Man braucht nur Zugang zur Software und zum Internet, dann kann man fast überall auf der Welt arbeiten.“ Bis er vollständig papierlos arbeitete dauerte es jedoch noch bis zum Jahr 2005. Zum Vergleich: Bei der WirtschaftsWoche wagte ein Kollege erst 2013 den Selbstversuch mit dem papierlosen Büro.

Und heute? Jorga: „In meinem Hauptbüro in Hamburg gibt es einen Schrank mit sechs Fächern. Zwei davon sind leer. In zwei Fächern sind Getränke und Kekse für Kunden, in einem sind technische Geräte, USB-Sticks und Ladegeräte, in einem weiteren Steuerbelege, Visitenkarten und ein Stapel Papier.“ Anders als digital könne er auch gar nicht mehr arbeiten, sagt er. „Ich lebe das vor“, sagt er. „Mir macht es einfach Spaß, mich selbst zu verändern.“

Gesucht: Impulsgeber mit Weitblick

Genau so stellen sich die von Boyden Befragten den optimalen Manager vor: Erfahrungen in Transformationsprozessen, Identifikation mit und Antizipation von der heutigen Start-up-Kultur, intensive Erfahrung mit Digitalisierung. Außerdem wollen 34 Prozent einen Impulsgeber, der neue Wege einschlägt. Sie sollen außerdem über Bereichsgrenzen hinaus denken und schneller auf neue Anforderungen und aktuelle Trends reagieren.
Da es aber nur einen Frank Jorga gibt und der bei seinem Fintech in Berlin auch sehr zufrieden ist, müssen CEOs wohl doch ihrem mittleren Management auf die Füße steigen. Oder ihnen eine Erfahrungsreise ins Silicon Valley spendieren, um ihnen die Angst vor der digitalen Veränderung zu nehmen.

Die sieht übrigens auch bei WebID Solutions nicht so aus, dass alle im Großraum sitzen und Notizbücher verboten sind. „Es gibt keinen Zwang, aber mir ist schon wichtig, dass digital gearbeitet wird“, so Jorga. Ihm gehe es um Kommunikation und Zusammenarbeit über die Standorte hinweg. Das Teilen von Informationen stehe im Vordergrund. Und das funktioniert eben nicht, wenn einer seine Unterlagen abends in seinem Büro einschließt.

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