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Mittleres Management "Der Druck ist noch nicht groß genug"

Exklusiv
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Größten Bremser sitzen im mittleren Management

Dass sich einige mit der Umsetzung so schwer tun, liegt laut der Boyden-Studie vor allem an einer Personengruppe: dem mittleren Management. Dies leiste den größten Widerstand bei der Implementierung digitaler Konzepte. Zumindest bezeichneten 65 Prozent der Befragten diese Hierarchieebene als größte Bremse. Weniger schwer nehmen Top-Management (19 Prozent) und Mitarbeiter (zwölf Prozent) die Einführung digitaler Prozesse. „Veränderung ist ja immer auch Bedrohung. Die fürchten um ihre Positionen und Beförderungen“, begründet Kasten die Blockadehaltung. Und ihre Umwelt gebe ihnen Recht: „Mit den alten Modellen geht es ja auch noch. Sie können damit noch zehn Jahre Geld verdienen“, so der Unternehmensberater.
Damit sie auch in elf Jahren noch Geld verdienen, setzen die Befragten vor allem auf Input von außen, zeigt die Studie von Boyden. Jeder dritte Manager ist der Ansicht, dass zunehmende Veränderungsstrategien zwingend Kompetenz, Unbeschwertheit und neue Ideen von außen benötigt. Nach internen Talenten schauen sie nicht. Dagegen würde jeder Fünfte einen Interim Manager holen, um das Unternehmen zu digitalisieren. „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Selbst wenn junge Führungskräfte in einem Unternehmen sind, haben die es nicht leicht“, bestätigt Kasten.

Externe an Board zu holen, hat Vor- und Nachteile. Natürlich bringen sie frischen Wind und neue Ideen, die Eigengewächse vielleicht nicht haben. Auf der anderen Seite reißen sich alle um diese digitalen, kommunikativen Change-Experten. Wer da nicht die Arbeitswelt von Google und das Gehalt von Apple bieten kann, verliert. Weniger schwierig ist es, sich woanders inspirieren zu lassen. Sei es auf Messen oder bei Partnern und Kunden im Ausland. Die USA ist nach der Einschätzung deutscher Top-Manager bei der Industrie 4.0 weltweit führend. Entsprechend sagen 36 Prozent der Befragten, dass sie die meisten Industrie-4.0-Erfahrungen bisher in den USA sammeln konnten.

Digital seit einem Arbeitsaufenthalt in den USA

Das gilt auch für Digitaltyp Jorga. Nach seinem zweiten Staatsexamen arbeitete er für die deutsch-amerikanische Auslandshandelskammer – ganz in der Nähe des Silicon Valley. Dort merkte er: „Man braucht nur Zugang zur Software und zum Internet, dann kann man fast überall auf der Welt arbeiten.“ Bis er vollständig papierlos arbeitete dauerte es jedoch noch bis zum Jahr 2005. Zum Vergleich: Bei der WirtschaftsWoche wagte ein Kollege erst 2013 den Selbstversuch mit dem papierlosen Büro.

Und heute? Jorga: „In meinem Hauptbüro in Hamburg gibt es einen Schrank mit sechs Fächern. Zwei davon sind leer. In zwei Fächern sind Getränke und Kekse für Kunden, in einem sind technische Geräte, USB-Sticks und Ladegeräte, in einem weiteren Steuerbelege, Visitenkarten und ein Stapel Papier.“ Anders als digital könne er auch gar nicht mehr arbeiten, sagt er. „Ich lebe das vor“, sagt er. „Mir macht es einfach Spaß, mich selbst zu verändern.“

Gesucht: Impulsgeber mit Weitblick

Genau so stellen sich die von Boyden Befragten den optimalen Manager vor: Erfahrungen in Transformationsprozessen, Identifikation mit und Antizipation von der heutigen Start-up-Kultur, intensive Erfahrung mit Digitalisierung. Außerdem wollen 34 Prozent einen Impulsgeber, der neue Wege einschlägt. Sie sollen außerdem über Bereichsgrenzen hinaus denken und schneller auf neue Anforderungen und aktuelle Trends reagieren.
Da es aber nur einen Frank Jorga gibt und der bei seinem Fintech in Berlin auch sehr zufrieden ist, müssen CEOs wohl doch ihrem mittleren Management auf die Füße steigen. Oder ihnen eine Erfahrungsreise ins Silicon Valley spendieren, um ihnen die Angst vor der digitalen Veränderung zu nehmen.

Die sieht übrigens auch bei WebID Solutions nicht so aus, dass alle im Großraum sitzen und Notizbücher verboten sind. „Es gibt keinen Zwang, aber mir ist schon wichtig, dass digital gearbeitet wird“, so Jorga. Ihm gehe es um Kommunikation und Zusammenarbeit über die Standorte hinweg. Das Teilen von Informationen stehe im Vordergrund. Und das funktioniert eben nicht, wenn einer seine Unterlagen abends in seinem Büro einschließt.

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