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Nach von der Leyens Bundeswehr-DebakelSo übersteht man als Chef einen Skandal

Heute äußert sich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zum Fall Franco A.. Wäre die Bundeswehr ein Unternehmen, müsste CEO von der Leyen jedoch ihre Koffer packen. Wie man als Chef einen Skandal übersteht.Kerstin Dämon 10.05.2017 - 10:30 Uhr

Krisenmanagement bei der Bundeswehr: Ursula von der Leyen muss sich vor einem Sonderausschuss für Terrorzellen und Führungsprobleme rechtfertigen.

Foto: dpa, Montage

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen steht ein ungemütlicher Auftritt bevor: Am Mittwoch ab 10.30 muss sie im Verteidigungsausschuss des Bundestags in einer Sondersitzung Rede und Antwort stehen. Es geht um den Fall des mutmaßlich rechtsextremen Offiziers Franco A. und eine mutmaßliche Terrorzelle in der Bundeswehr. Von der Leyen steht unter Druck. Die Opposition schießt sich mehr und mehr auf die CDU-Ministerin ein.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihrer Ministerin zwar schon zum zweiten Mal das Vertrauen ausgesprochen. Glaubt man der Statistik, kann sich von der Leyen aber gerade deshalb ihre Papiere abholen. Zumindest galt in der Vergangenheit: wem Merkel ihr Vertrauen, wahlweise das volle oder das vollste, ausspricht, der muss zurücktreten.

Merkel gibt Rückendeckung

Im Fall von der Leyen erfolgte der jüngste öffentlich geäußerte Vertrauensbeweis am achten Mai. Die Ministerin genieße "alle Rückendeckung" bei der Aufarbeitung von Skandalen in der Bundeswehr. "Ich finde es richtig, dass sie hier sehr klar auch das Fehlverhalten benennt", sagte Merkel. "Ich finde es zum Teil etwas seltsam, dass man ihr, wenn sie dort mit aller Entschiedenheit rangeht, fast noch einen Vorwurf macht." Ob die Merkel-Vertraute den Skandal und das ausgesprochene Vertrauen – in beiden Fällen ist es nicht das erste Mal - übersteht, wird sich zeigen.

Die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen steht wegen der Affäre um den rechtsextremen Offizier Franco A. unter Druck. Während sie von Seiten der Opposition und der SPD harte Kritik einstecken muss, sichert ihr die Kanzlerin "volle Unterstützung" zu. Und von der Leyen kündigt umfangreiche Aufklärung an. Doch der Fall "Franco A." ist nicht die einzige Baustelle der Verteidigungsministerin.

Foto: dpa

Personal

Die Bundeswehr war in den vergangenen 25 Jahren auf Schrumpfkurs. Militärische Planung orientierte sich an Sparzwängen, die auch bei der Aussetzung der Wehrpflicht eine Rolle spielten. Bestand die Bundeswehr um 1990 aus fast einer halben Million aktiver Soldaten, sind es 2016 gerade noch knapp 178 000. Nun soll die Truppenstärke wieder wachsen.

Foto: dpa

Skandale

In einigen Kasernen hat die Bundeswehr mit handfesten Skandalen zu kämpfen. So soll es etwa bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall (Bayern) zu Sex-Mobbing, Volksverhetzung und Verstößen gegen das Tierschutzgesetz gekommen sein. Im baden-württembergischen Pfullendorf berichten Soldaten von demütigenden Ritualen und sexuellen Übergriffen. Zudem informiert der Wehrbeauftragte etwa in seinem jüngsten Jahresbericht, dass es 2016 rund 60 meldepflichtige Ereignisse „mit Verdacht auf Extremismus oder Verstoß gegen die Grundsätze der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ gegeben habe - etwa mit antisemitischem oder ausländerfeindlichem Hintergrund.

Foto: dpa

Ausrüstung

Die Ausrüstung der Bundeswehr ist teils marode, teils veraltet und sorgte in den vergangenen Jahre für viel Spott. Für 2016 bescheinigte der Wehrbeauftragte der Bundeswehr gar eine „planmäßige Mangelwirtschaft“. Das Verteidigungsministerium verkündete ehrgeizige Pläne zur Truppensanierung für 130 Milliarden Euro bis 2030.

Foto: dpa

Mängel

Technische Pannen und explodierende Kosten machen bei Waffensystemen große Probleme. So ist zum Beispiel die Produktion des „Eurofighter“ weit verzögert, die Kosten des Kampfjets liegen mit mehr als 6,5 Milliarden Euro massiv über den ursprünglichen Plänen. Zudem waren 2016 Teile der Hubschrauber nur bedingt einsatzbereit - der „Sea Lynx“ im Schnitt zu 23 und der „NH90“ zu 31 Prozent.

Foto: REUTERS

Das größte Sorgenkind ist das Transportflugzeug „A400M“ - rund neun Jahre ist dessen Auslieferung verzögert. Bislang besitzt die Bundeswehr acht von insgesamt 53 beim Hersteller Airbus bestellte Maschinen. Doch ist selbst deren Einsatz nicht uneingeschränkt möglich.

Foto: dpa

Einsätze

Deutschland beteiligt sich derzeit im Auftrag des Bundestages mit knapp 3300 Soldaten an internationalen Einsätzen - etwa bei der Friedenssicherung im westafrikanischen Mali oder auf dem Balkan. Daneben gibt es „einsatzgleiche Verwendungen“, die keiner Zustimmung des Parlaments bedürfen. Dazu gehören die Stärkung der Nato-Ostflanke im Baltikum oder die Bekämpfung von Schleppern in der Ägäis. Bei wachsenden Aufgaben in der Welt will Deutschland eine aktivere Rolle spielen. Viele stellen sich die Frage, ob die Truppe den Aufgaben gewachsen ist.

Foto: dpa

Wäre von der Leyen jedoch CEO des Unternehmens Bundeswehr AG und Angela Merkel die Aufsichtsratsvorsitzende oder Mehrheitsaktionärin, die Tage von Frau von der Leyen in ihrer Position wären gezählt. Denn so, wie sie sich verhalten hat, darf sich eine Führungskraft nicht verhalten. Das gilt sowohl für den Abteilungsleiter in einem kleinen Unternehmen, noch mehr gilt es aber für den CEO eines global agierenden Konzerns.

"Mein Unternehmen hat ein Haltungsproblem"

Bei der Bundeswehr arbeiten von der Verwaltung über die Streitkräfte, vom Koch bis zum Sanitäter weltweit rund 250.000 Menschen. Damit spielt das Unternehmen Bundeswehr in derselben Größenordnung wie beispielsweise Fresenius, Metro, die Telekom oder Daimler. Angenommen, einer der Mitarbeiter dieser Unternehmen in irgendeiner Niederlassung sei offenbar stramm rechts – und habe einen Anschlag auf Politiker geplant. Weder Stephan Sturm, Olaf Koch, Timotheus Höttges oder Dieter Zetsche hätten öffentlich gesagt: „Mein Unternehmen hat ein Haltungsproblem und es hat offensichtlich eine Führungsschwäche auf verschiedenen Ebenen.“

Das ist nicht nur schlechter Stil, wie Timo Müller, Führungs- und Konfliktmanagement-Experte des IKuF, Institut für Konfliktmanagement und Führungskommunikation, sagt. Das IKuf berät Manager und Führungskräfte beim Lösen unternehmensinterner Konflikte und bietet entsprechende Weiterbildungen und Seminare an. Führungskräfte, ob es der Teamleiter oder der CEO sei, dürfen niemals Pauschalkritik äußern. „Hier hat sich Frau von der Leyen wichtiger genommen als ihr Unternehmen. Ihr schien die Außenwirkung wichtiger als die Motivation des Personals“, sagt er.

Ein derartiges Verhalten schade einem Unternehmen. „Bei der Lösung eines Konflikts geht es wesentlich darum, die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter zu erhalten und Mitarbeiter im Unternehmen zu halten. Was habe ich denn davon, wenn ich nach Außen gut da stehe, mir aber die Mitarbeiter innerlich oder tatsächlich kündigen, weil ich ihr Vertrauen verspielt habe“, so der promovierte Konfliktforscher und Trainer, Müller. Von der Leyen habe unnötige Fronten gebildet: sie auf der einen Seite, die Bundeswehr auf der anderen. „Das war psychologisch sehr unklug.“ Entsprechend heftig reagierte auch die Führungsriege der Bundeswehr.

Ermittlungserfolge gleichen von der Leyens Fauxpas nicht aus

Also ruderte die Chefin zurück. Die große Mehrheit ihrer Mitarbeiter leiste einen "herausragenden Dienst", ließ sie verlauten. Nur war es da für Entschuldigungen schon zu spät. Die Chefin hatte ihre eigenen Mitarbeiter bereits sinngemäß als Gurkentruppe bezeichnet. Da hilft es auch nicht, dass Merkel sagt: „Ich glaube, dass die Dinge gut und ausreichend und intensiv genug untersucht werden, damit sich so ein Fall nicht wiederholt.“

Und die bisherigen Festnahmen – Ermittler nahmen am Dienstag den 27-jährigen Maximilian T. fest, der mit Franco A. im elsässischen Illkirch stationiert war. Er soll „aus einer rechtsextremistischen Gesinnung heraus“ gemeinsam mit Franco A. und einem weiteren Helfer einen Anschlag vorbereitet haben – machen es auch nicht besser. Schließlich sind sie der Verdienst der Ermittlungsbehörden und nicht von der Leyens oder des mittleren Managements der Bundeswehr. „Führungskräfte können durch ihre Kommunikation in Konfliktsituationen Vertrauen schaffen oder es verspielen, wie es Frau von der Leyen geschafft hat“, sagt Müller - und weiß, wie die Ministerin es hätte besser machen können.

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Wäre die Bundeswehr ein Unternehmen, hätte Müller der CEO geraten, zunächst „nach innen zu horchen, bevor sie nach außen kommuniziert“. Bevor sie ihre Generäle also als miese Chefs darstellt, hätte sie mit ihnen sprechen müssen. „Man kann natürlich nicht ewig abwarten, wenn die Öffentlichkeit oder die Aktionäre Aufklärung verlangen. Dann zu sagen „Wir bilden einen Arbeitskreis und ich informiere Sie in zwei Wochen über erste Ergebnisse“, das funktioniert nicht“, räumt er ein. Aber „was sie sofort hätte sagen können, ohne Details zu kennen, wäre gewesen: "Das sind wir nicht. Die Bundeswehr steht für etwas Anderes." Dann hätte sie die Werte des Unternehmens definieren und so ein Wir-Gefühl schaffen können, anstatt alle Soldaten als tendenziell rechtsextrem abzustempeln.“

Für welche Werte steht von der Leyen?

Das ist auch die Erfahrung von Tina Glasl. Sie ist PR- und Kommunikationsspezialistin und berät Unternehmen bei der Krisenkommunikation. „Wenn sich ein CEO in der Form, wie Frau von der Leyen, von seinen Mitarbeitern distanziert, führt das direkt in eine Führungskrise“, sagt sie. Neben der reinen Sachebene – fehlerhaftes Produkt, schlechte Dienstleistung, vermeintlich krimineller Mitarbeiter mit rechtsextremem Hintergrund – gebe es in Krisensituationen immer auch die persönliche Ebene, die kommuniziert werden müsse. „Ein CEO müsste hier deutlich machen, wie er als Person hinter seinem Unternehmen und seinen Mitarbeitern steht und was seine Werte sind. Das fehlt bei Frau von der Leyen.“

Glasls Erfahrung zeigt: Wenn der CEO nicht kommuniziert, welche Verantwortung er als Führungskraft trägt und wie sein Plan für die Zukunft aussieht, leiden sowohl die Aufklärung als auch die Glaubwürdigkeit unter der mangelnden Authentizität des Chefs. Ein CEO, der sagt: „Ich kann nichts dafür, die anderen sind schuld“, kommt weder bei Mitarbeitern, noch bei Kunden gut an. „Es ist fahrlässig für Führungskräfte, wenn es zwischen Sachebene und Person so einen großen Abstand gibt. Das zeigt der Fall von der Leyen deutlich“, urteilt die Beraterin.

Ihrer Erfahrung nach gehe es so mancher Führungspersönlichkeit aber nicht nur um das Wohl des Unternehmens, sondern um Machterhalt, um das Wohlwollen des Aufsichtsrats oder der Aktionäre. „Da steht dann nicht die Frage im Raum: Wie kommuniziere ich eine Krise oder einen Skandal? Sondern: Wie kommuniziere ich das so, dass es meiner Macht nicht schadet? Und schon weiß keiner mehr, wofür die Person eigentlich steht.“



Die Bundeswehr ist natürlich kein Unternehmen mit Managern und Angestellten im klassischen Sinne. Doch nicht nur Unternehmensberater sagen: von der Leyen hat hier als Chef versagt. Auch Frank Roselieb, Direktor am Institut für Krisenforschung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, bestätigt: „Falsch war der Pauschalverdacht gegen die Truppe. Dies kann ihr im Wahlkampf noch gewaltig auf die Füße fallen.“

Aufklärung sollte Sache der Polizei bleiben

Dass sie als Politikerin grundsätzlich „die politische Verantwortung für Fehler in der Behörde oder für Fehltritte von Untergebenen“ habe, sei ebenfalls unstrittig. Doch zur Chefaufklärerin hochstilisieren sollte sie sich dem Wissenschaftler zufolge besser nicht. „Das können Dritte besser - zum Beispiel die Staatsanwaltschaft, Experten einer Polizeihochschule und dergleichen“, so seine Einschätzung. Hinzu komme, dass ihre Reputation als erfolgreiche Verteidigungsministerin wegen des G36 und anderen Vorfällen in der Truppe bereits leicht angeschlagen sei, sagt der Krisenforscher.
Unabhängig von von der Leyens Rolle rät er Managern, die sich im Mittelpunkt eines Skandals wiederfinden, sich stets diese drei Fragen zu stellen:

  1. „Ist eine Kernkompetenz oder nur ein Nebenkriegsschauplatz meines Unternehmens beziehungsweise meiner Institution betroffen?“
  2. „Liegt ein Skandalfall oder ein Compliancefall vor?“
  3. „Habe ich ein starkes oder ein schwaches Reputationspolster?“

Entsprechend müsse die Kommunikation und Aufarbeitung ausfallen. Für den aktuellen Fall stellt er die Diagnose: Compliancefall, Nebenkriegsschauplatz, mittleres Reputationspolster.

Die Gesinnung Franco A.s an sich sei zwar nicht justiziabel, der geplante Anschlag aber sehr wohl. Insofern sei es richtig, eine eingehende Untersuchung - auch durch externe Dritte - anzukündigen, um zu ermitteln, wie es trotz mehrfacher Warnmeldungen so weit kommen konnte, so Roselieb. Die Kernkompetenz des Unternehmens Bundeswehr als solches sei dadurch nicht in Frage gestellt. „Es geht hier nicht um mangelhafte Ausrüstung oder ein gefährliches Gewehr, das im Einsatz versagen und möglicherweise Menschenleben kosten könnte.“

Mit anderen Worten: „Die Öffentlichkeit fordert zwar Aufklärung, aber nicht so hart und kompromisslos wie beispielsweise nach der Silvesternacht in Köln.“


Für von der Leyen bleiben laut Roselieb zwei Aufgaben: Sie müsse die Öffentlichkeit kontinuierlich über die Aufklärungsarbeit der Polizei informieren und aus dem abschließenden Bericht die richtigen Schlüsse ziehen. „Auf Milde kann sie dabei weder vom politischen Gegner noch von der Öffentlichkeit hoffen - einerseits wegen des Wahlkampfs andererseits wegen ihrer Historie im Amt“, so der Wissenschaftler. Dabei hatte von der Leyen seit drei Jahren versucht, mittels familienfreundlichen Arbeitszeiten, Teilzeit, besserer Bezahlung, Kitas, Karrierecentren und Gesundheitskursen die Truppe zu Deutschlands bestem Arbeitgeber zu machen. Diese Bemühungen hat sie mit nur einem Satz ruiniert – egal, wie letztlich der Verteidigungsausschuss über sie urteilt.

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